Interessante Zeiten

Mögest du in interessanten Zeiten leben, sagt ein (angeblich) chinesischer Fluch. Und „interessant“ ist das Weinjahr 2026 allemal, oder besser gesagt schwierig und sehr herausfordernd.

Die Hitze und der fehlende Regen,…

Auch wenn wir „dank“ Klimawandel hoheTemperaturen mittlerweile gewohnt sein sollten, sticht der heurige Sommer diesbezüglich nocheinmal besonders hervor. Die erste Hitzewelle war ungewöhnlich früh im Juni und hat uns zwei Wochen jenseits der 30 Grad-Marke, ja sehr oft über 35 bis an die 40 Grad beschert. Danach war es zwar halbwegs normal, aber aktuell erleben wir erneut mehrere Wochen mit Temperaturen in diesem Bereich und sogar darüber.

Das macht nicht nur die Arbeit im Weingarten extrem mühsam, sondern würde auch schon bei normalen Niederschlagsverhältnissen die Reben gehörig belasten. Leider erleben wir aber zusätzlich zur Hitze auch noch einen krassen Regenmangel seit vielen Monaten, der für zusätzlichen Stress sorgt.

Es ist deshalb eigentlich nicht zu erklären, wie verhältnismäßig gut unsere Weingärten (zumindest auf den ersten Blick) immer noch dastehen. Das Triebwachstum ist zwar schon im Juni weitgehend zum Stillstand gekommen, aber anders als 2022 haben heuer die allermeisten Reben zumindest den obersten Draht unseres Unterstützungssystems erreicht. Auch ist der Großteil der Blätter immer noch sattgrün, was auf eine halbwegs ausreichende Nährstoffversorgung hindeutet. Wassermangel bedeutet nämlich auch eine verschlechterte Aufnahme von Stickstoff, Kalium & Co.

Erst mit der aktuellen Hitzeperiode sind vor allem bei jungen Reben und an exponierten Stellen (Kuppen, sandigere, steinigere Bodenabschnitte,…) gelbe und vertrocknete Blätter im Bereich der Traubenzone dazugekommen. Aus diesen ältesten Blättern holt sich die Rebe Nährstoffe, wenn aus dem Boden nichts mehr kommt und steckt sie in die jüngeren Blätter und Trauben. Wo das nicht ausreicht, leiden mittlerweile auch die Beeren, werden schlaff und wachsen nicht mehr weiter. Punktuell schneiden wir sie deshalb weg, um die Pflanzen zu entlasten.

Auch dort, wo die Weintrauben nicht offensichtlich leiden, sieht man natürlich die Auswirkungen der Dürre. Die Beeren sind viel kleiner als normalerweise am Beginn der Reife und würden auch wenn es morgen regnen würde nicht mehr ihre Originalgröße erreichen. Wenn man also schon etwas sicher über den Jahrgang 2026 sagen kann, dann dass es mengenmäßig eine sehr kleine Ernte werden wird.

Qualitativ ist hingegen noch vieles offen. Natürlich wäre es vermessen, wenn man nach so einer Vorgeschichte auf einen grandiosen Weißweinjahrgang hoffen würde. Etwas mehr Wetterglück in den Wochen bis zur Ernte und ein angepasster Umgang mit den Trauben lassen allerdings immer noch gute, sehr gute und bei alten Weinstöcken vielleicht sogar ausgezeichnete Weine möglich erscheinen.

Dabei wird es wichtig sein, bei der Traubenverarbeitung die Kontaktzeit des Saftes mit den Schalen eher kurz zu halten. Letztere werden heuer durch Hitze, Stress und Sonneneinstrahlung besonders dick und gerbstoffreich sein. Da ist es wahrscheinlich schlauer auf ein wenig Aromaintensität und Fülle durch eine Maischestandzeit zu verzichten, weil man sie sich durch einen hohen Anteil an Bitterstoffen in Most und Wein erkaufen würde.

Außerdem wird man heuer sicher nicht am Thema Säuerung vorbeikommen. Wenn in der jetzigen Phase das Wasser fehlt, lagert die Rebe nämlich deutlich weniger Säure in die Trauben ein, die dann während des Reifeverlaufes wegen der heißen Nächte bis zur Ernte auch noch schneller abgebaut wird als üblich. Die Zugabe von Wein- oder Äpfelsäure kann dieses Defizit ausgleichen und wenn die Trauben von der niedrigen Säure abgesehen eine gute Qualität aufweisen auch tatsächlich eine Verbesserung auf sehr hohes Niveau bringen.

Zumindest bei jüngeren Weingärten werde ich heuer wohl auch über die Zugabe von Hefenährstoffen zum Most nachdenken müssen. Stickstoff und Vitamin B helfen der Hefe bei der Vermehrung und können deshalb zu einer sauberen und vollständigen Vergärung des Zuckers beitragen. In vielen Betrieben zählen sie jahrgangsunabhängig zum Standardprocedere, aber ich verzichte normalerweise darauf. Unsere Reben können dank humusschonender Bewirtschaftung üblicherweise ausreichend Stickstoff aufnehmen und in die Trauben einlagern. Außerdem kläre ich für meinen Weinstil weder den Most so stark, dass die Hefe in Stress geraten könnte, noch fahre ich um spezielle Fruchtaromen zu fördern die Temperatur so weit hinunter, dass die Gärung nur sehr zögerlich abläuft. Außerdem hat der von mir bevorzugte Reinzuchthefestamm einen niedrigen Nährstoffbedarf, auch weil er nicht den Charakter der Trauben mit eigenen Aromen überlagert, sondern sich auf die Umwandlung von Zucker zu Alkohol konzentriert.

Heuer ist aber (fast) alles anders und ein Abgehen von meiner normalen Vorgangsweise deshalb zumindest bei diesbezüglich besonders exponierten Chargen geboten. Sowohl aus qualitativen Gründen (schleppende Gärungen sind extrem anfällig für Fehlentwicklungen in Richtung Böckser und flüchtige Säure), als auch aus wirtschaftlichen (ich habe in meinem Sortiment keine Verwendung für Weine mit deutlicher Restsüße, könnte also wegen Nährstoffmangel vorzeitig in der Gärung stehen gebliebene Weine nur auf dem sehr niedrigpreisigen Faßweinmarkt verkaufen).

Die Rotweinreben stehen natürlich nicht grundsätzlich besser da, als die weißen. Trotzdem gelten für sie viele dieser Punkte nur in deutlich abgeschwächter Form. Es hat schon Gründe, warum heiße, trockene Jahre eher als Rotweinjahrgänge gelten.

Die dickere Schale mit mehr Gerbstoffen zum Beispiel ist bei Blaufränkisch & Co. kein Problem, zumindest, wenn diese Gerbstoffe gut ausgereift sind. Schließlich sind die sogenannten Tannine ja (anders als beim Weißwein) ein maßgebliches Strukturelement der Roten. Auch der absehbar niedrige Säuregehalt in den Trauben ist leichter zu verschmerzen, weil der fertige Rotwein ja ohnehin weniger Säure haben soll. Es fehlt dieses Jahr wohl eher an der Äpfelsäure, aber die wird beim späteren biologischen Säureabbau im roten Jungwein ja ohnehin ab- bzw. umgebaut und heuer haben die entsprechenden Bakterien dann halt einfach weniger zu tun.

Bleibt noch die Sache mit dem Mangel an Hefenährstoffen, aber auch da ist Rotwein etwas weniger gefährdet. Anders als Weißwein wird er ja nicht als Most vergoren (dem auch noch ein Teil der Trubstoffe entfernt wird), sondern auf der Maische. Das heißt mit dem gesamten Fruchtfleisch und den Schalen, womit die Hefe die ganze Nährstoffmenge der Traube zur Verfügung hat, was gemeinsam mit den rotweintypischen höheren Gärtemperaturen reichen sollte, um die Hefe nicht in Stress geraten zu lassen.

…Flavescence dorée

Wie Anfang Juni hier beschrieben hat das Thema Flavescence dorée (auch Goldgelbe Vergilbung genannt) in den letzten Jahren auch uns erreicht. Ging es zunächst nur um eine Befallstelle dieser neuen Rebkrankheit in der Nachbargemeinde, deren amtliche Sicherheitszone auch unsere Weingärten streift, wurde mittlerweile – erwartungsgemäß – auch in Mörbisch zumindest ein Befallsherd nachgewiesen.

Der ist allerdings gleich so heftig, dass vom betroffenen Weingarten eines Kollegen nach der verpflichtenden sofortigen Rodung aller befallenen Stöcke kaum noch etwas übrig bleiben wird. Bei uns in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ist der Schaden nicht ganz so groß, allerdings haben wir dort auch bereits rund 80 Weinstöcke roden müssen, die Symptome gezeigt haben.

Die Existenz unseres Weingartens ist damit noch nicht gefährdet, es ist allerdings zu befürchten, dass es im nächsten Jahr ähnlich weitergeht. Schließlich greifen unsere Maßnahmen (verpflichtende Pflanzenschutzmaßnahmen gegen die Amerikanische Rebzikade, den Überträger der Krankheit und das Entfernen befallener Rebstöcke um Infektionsquellen für das Insekt zu minimieren) ja erst mit einer Zeitverzögerung. Außerdem haben wir in allen Rieden einzelne verdächtige Rebstöcke gefunden und gerodet. Die fehlen uns jetzt schon und sind ein Indiz dafür, dass 2027 auch in anderen Weingärten größere Probleme zu befürchten sind.

…und der maue Markt

Angesichts der ertragsreduzierenden Probleme mit dem Wetter und der neuen Rebkrankheit werden Zyniker wahrscheinlich sagen, dass es dann doch positiv ist, wenn derzeit weniger Wein, insbesondere Rotwein, getrunken wird. Ganz falsch ist das für die gesamte Branche natürlich nicht, für den einzelnen Betrieb sind schwierige Marktbedingungen aber eine weitere, zusätzliche Herausforderung.

Umso dankbarer sind wir unseren Stammkunden, die uns zum Teil schon über Generationen die Treue halten und uns den Großteil unserer Ernten abnehmen. Außerdem erweist es sich spätestens jetzt als großer Vorteil, dass wir dem in den letzten Jahrzehnten gelegentlich aufgekommenen Ehrgeiz zur Betriebsvergrößerung widerstanden haben. Wir sind groß genug für jene Weinvielfalt, die wir gerne anbieten möchten, aber auch klein genug, um als Familienbetrieb flexibel agieren und unsere Kosten im Griff halten zu können. Dazu kommt noch, dass unser Weinbaugebiet sowohl spannende Weißweine, also auch tolle Rote hervorbringen kann und wir deshalb mittelfristig auch gut auf Änderungen der Geschmacksvorlieben reagieren können.

Nicht zuletzt deshalb freue ich mich trotz der aktuell schlechten Stimmung auf die kommende Ernte. Sie wird sicher eine Herausforderung, aber ich habe zumindest einen groben Plan um sie zu meistern. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass sich gerade heuer die sorgfältige, intensive und persönliche Pflege die wir unseren Rebstöcken angedeihen lassen bezahlt machen wird.

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