Üdvözöljük szomszéd!

In der Nacht von gestern auf heute ist Mörbisch wieder ein kleines Stück mehr in den Mittelpunkt Europas gerückt: Um Mitternacht ist unser unmittelbarer Nachbar Ungarn dem Schengen-Vertrag beigetreten und die Kontrollen an den Grenzen wurden eingestellt. Damit wurde innerhalb von 18 Jahren ein Eiserner Vorhang zu einer vergleichsweise bedeutungsarmen Linie auf der Landkarte.

Entgegen der weitverbreiteten xenophoben Stimmung befürchte ich keine Kriminalitätswelle, sondern freue ich mich über dieses historische Ereignis.

Leider ist es aber „nur“ eine „intellektuelle“ Freude aus dem Kopf und keine „sinnliche“ aus dem Bauch. Denn sosehr ich mich auch bemühe, für letztere fehlt mir einfach (noch?) der Bezug zum Nachbarland, das wenige Meter hinter unserem Weingut beginnt.

Wie es scheint haben mich nämlich die Jugendjahre am Eisernen Vorhang (und die Jahrzehnte meiner Eltern davor) stärker geprägt, als mir heute lieb ist. Wenn der eigene Blickwinkel lange genug durch eine Wand eingeengt wird, fällt es offenbar später schwer, die Rundumsicht wieder zurückzuerlangen.

Weil ich aber (nicht nur) in dieser Hinsicht an mir arbeite, habe ich bereits anläßlich des ungarischen EU-Beitrittes am 1. Mai 2004 folgenden Artikel für die Titelseite unseres Newsletters „Die Weinpresse“ geschrieben, der auch gut zum heutigen Tag paßt:

Üdvözöljük szomszéd! – Seid willkommen, Nachbarn!

Jahrhundertelang war das Burgenland ein Bindeglied zwischen West und Ost. Deutschsprachig und österreichverbunden war es in der Doppelmonarchie ein Teil der ungarischen Komitate. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Region zum Spielball der Großmächte, die eine neue Grenze durch einen bis dahin gemeinsamen Lebens- und Wirtschaftsraum zogen.

Diese Grenze, verschärft durch den „Eisernen Vorhang“ nach 1945, prägte in den letzten Jahrzehnten das Burgenland und seine Menschen. Ödenburg/Sopron, die historische Hauptstadt des Landes, nur 10 km von Mörbisch entfernt, war plötzlich unerreichbar und aus den guten Nachbarn von einst wurden Fremde.

In dieser Zeit schien nur wenige Meter vor unserer Haustüre die Welt zu Ende zu sein. In diesem Bewußtsein entschieden wir uns Anfang der 80er-Jahre auch für den Betriebsnamen „GRENZHOF“. Bald darauf wurde der eiserne Vorhang zwar durchlässiger, aber erst als 1989 ein Strom von Menschen aus der DDR bei Mörbisch aus dem kommunistischen Osten in den Westen flüchtete, war sein Ende abzusehen.

Seither hat das Wort Grenze für uns eine neue Bedeutung bekommen. Der Stacheldraht ist verschwunden und wir sind wieder mitten in Europa. Tausende Radfahrer, die heute jeden Sommer an unserem Weingut vorbeifahren, nehmen kaum noch war, daß wenige Meter danach ein anderes Land beginnt.

Natürlich ist auf beiden Seiten noch viel Verständnis für einander notwendig und viel für eine gemeinsame Zukunft zu tun. Vorurteile und Ängste müssen genauso überwunden werden wie die Sprachbarriere zwischen den Menschen.

Trotz allem dürfen wir uns aber am 1. Mai 2004 über ein historisches Ereignis freuen:

Herzlich willkommen, liebe Ungarn, als Partner in der Europäischen Union!

2 Gedanken zu „Üdvözöljük szomszéd!“

  1. Jo napot, lieber Bernhard! Welch‘ Freude für uns – auch im Winter mit dem Fahrrad über die Fertömegyeser / Mörbischer Grenze und beim „Alten Fischer“ in Fertörakos / Kroisbach auf ein Welsgyulasch mit Topfennudeln und Grammeln / Grieben (letzteres für die bundesdeutschen Leser) – dazu wäre natürlich ein Chardonnay Duett vom Grenzhof fein…… Als echter Wiener mit dem pflichtgemäßen ungarischen Urgroßvater (und der obligaten böhmischen Urgroßmutter) habe ich nämlich schon lange einen deutlichen Hang zum Magyarischen: Mit 16 Jahren (1980) habe ich die eigentliche Hauptstadt der Region „Deutschwestungarn“ entdeckt (Sopron / Ödenburg), damals noch mit Visum und auf der Suche nach den in Österreich bereits ausgestorbenen Dampflokomotiven. Nach der Grenzöffnung dann die herrlichen Schlösser Fertöd und Nagycenk erkundet samt ihren weitläufigen Parks, usw. usw. Ich kann nur allen Fernerwohnenden einen Besuch in dieser Gegend empfehlen (incl. Weinverkostung am Grenzhof?) – jetzt bereits bei spiegelglatt zugefrorenem See, wo das Eislaufen und Eissegeln in eine grenzenlose (sic!) Weite führt, die ein Ahnung der Arktis vermittelt…..
    Ich wünsche schöne Weihnachten und liebe Grüße: Erwin

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