Wortmalerei

Das Beschreiben von Wein ist doppelt subjektiv. Erstens weil Aroma und Geschmack von jedem Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden. Und zweitens, weil jeder Verkoster einen anderen Zugang zur Sprache an sich und zur Bedeutung einzelner Vergleichswörter hat. Dementsprechend subjektiv fallen dann auch die Weinbeschreibungen aus.

Je nach Anlaß und Zweck gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie man das zu Papier (oder auf den Bildschirm) bringen kann, was einen Wein ausmacht. Um zumindest einen kleinen Ausschnitt davon darzustellen, habe ich in meinen Archiven gekramt und bin auf folgende Beschreibungen unseres Muskat Ottonel gestoßen.

Akademisch

Nach den Richtlinien der Weinakademie Österreich bzw. des Wine & Spirit Education Trust müßte unser Muskat Ottonel wohl folgendermaßen dargestellt werden:

Aussehen:

klar, helles grünliches Gelb, dezente CO2-Bläschen, geringe Schlierenbildung

Geruch:

sauber, jugendlich und von mittlerer Intensität, traubig und blumig, Holunderblüten, dezente Fruchtnoten, zarte Würze (Muskatnuß?), besticht eher durch Intensität und Frische als durch besondere Komplexität

Geschmack:

trocken bei milder bis mittlerer Säure, schlanker Körper, Aromatik auch am Gaumen recht deutlich spürbar, niedrigerAlkoholgehalt, nicht allzulanger, aber von deutlicher Aromatik und zarter Würze geprägter Abgang

Schlußfolgerung:

guter Wein mit sortentypischer Aromatik in Nase und Gaumen, schlank und jugendlich, kein echtes Reifepotential aber aufgrund der Aromaintensität wohl zwei bis drei Jahre angenehm zu trinken

Journalistisch

Weinmedien betonen häufig die Darstellung der Aromen mit mehr oder weniger nachvollziehbaren Vergleichen. Dieses Beispiel aus einer österreichischen Weinzeitschrift wirkt dagegen vergleichsweise nüchtern und sachlich:

Ausgeprägte Aromatik, kandierte Zitrusfrucht, Tannennadeln, schon recht offen; kraftvolle Frucht, ätherische Fülle, trotzdem schön trocken, glockenklar und aus einem Guss, gelungener Sommerwein.

Verkaufsorientiert und zweckmäßig

In unseren Weinkarten, Steckbriefen und Aussendungen klingt es hingegen naturgemäß etwas anders und vor allem emotionaler:

helles Grüngelb; traubig und blumig in der Nase, dabei sehr animierend und jugendlich; auch am Gaumen sehr aromatisch, angenehm runde Säure, erinnert an Muskatnuß im Abgang; Trinkreife 2007 bis 2009

Dem Charme des trocken ausgebauten Muskat ist noch fast jeder Weinfreund erlegen. Er verführt mit seinem traubigen Aroma ohne dabei süß oder schwer zu sein.

Charmant im Duft, betörend am Gaumen und trotzdem erfrischend leicht und trocken: Der Muskat ist einfach bezaubernd, begeistert den Verkoster spontan und wird auch nach mehreren Gläsern weder aufdringlich noch langweilig.

Die Mörbischer Spezialität versprüht ein wahres Feuerwerk an Aromen. Weil ihm ein altmodisch-süßer Ausbau aber seine Lebendigkeit am Gaumen nimmt, ist unser Muskat leicht, trocken und besonders charmant.

Der Muskat Ottonel ist eine selten gewordene Spezialität, die den Ruf des Mörbischer Weines in den 60er und 70er Jahren begründet hat. Diese Sorte bedarf besonderer Aufmerksamkeit im Weingarten und im Keller. Frühe Lese und besonders schonender Ausbau bewahren unserem trockenen Muskat seine Feinheit und Frische.

wunderbar lebendig mit betörendem Charme, trocken aber angenehm rund – zum Verlieben

aromatisch und charmant im Duft, am Gaumen angenehm mild

Verspielt

Manche Anlässe verleiten mich zu einer besonders verspielten Darstellung unserer Weine.

Anläßlich der Fußballeuropameisterschaft im vergangenen Jahr habe ich z.B. unser Weinsortiment in unserem Print-Newsletter als Dream-Team auf einem Fußballfeld dargestellt. Der Muskat war einer der beiden Stürmer und wurde von mir folgendermaßen charakterisiert:

Der Muskat ist lebendig und für jeden anspielbar. Nicht nur deshalb ist er allseits beliebt.

Um wenigstens einen Teil der Pointe hierher transportieren zu können, muß ich wohl auch einige andere Spielerbeschreibungen anführen. Beim Pinot blanc hieß es: „Dieser Spielmacher ist unversell einsetzbar und fügt sich ohne Starallüren in jede Konstellation wunderbar ein.“

Beim Chardonnay: „Der Legionär hat sich im Burgenland gut eingelebt und bereichert das Team mit Klasse und Zuverlässigkeit.“ Und bei unserer Rotweincuvée aus Zweigelt, Blaufränkisch und Cabernet: „Gegen diese ausgewogene Mischung von heimischer Spielfreude und internationaler Klasse hat es jeder Gegner schwer.“

Auch zu Weihnachten ist mir einmal etwas ähnliches eingefallen. Unsere Weine lagen als Päckchen unter dem Christbaum, und beim Muskat stand:

Überraschen Sie Ihre Liebste mit einer Flasche Muskat. Der ist charmant und hat Stil.

Zum Rosé schrieb ich damals: „Sparen Sie sich das Geschenkpapier. Der Farbton des Rosé ist zu schön zum Verpacken.“ Und zu den anderen Weinen Sätze wie: „Dieser trockene Traminer überrascht auch die, die eigentlich schon alles haben.“ Oder: „Ein Glas erfrischender Veltliner hilft immer. Auch gegen akuten Vorweihnachtsstreß.“ Oder: „Weihnachten ohne Lebkuchen ist wie Lebkuchen ohne ein Glas süße Auslese.“

Ebenfalls in die Kategorie „Verspielt“ fällt die virtuelle Selbstbeschreibung von Weinen. Beim Muskat lautete diese vor längerer Zeit:

Duftig wie ich bin, habe ich meine besonderen Liebhaber. Vielleicht kann ich ja auch Sie verführen…

Dem Pinot blanc legte ich damals folgende Aussage in den Mund: „Ich bin ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle. Viele Gerichte schätzen meine Begleitung.“

Beim Chardonnay hieß es: „Nennt mich ruhig einen Weltenbummler. Auch wenn ich Neues aus aller Welt ausprobiere, bin ich trotzdem ein echter Burgenländer.“ Und den Blaufränkisch Reserve ließ ich sagen: „Ich wurde etwas strenger erzogen. Daher brauche ich einige Jahre, um zu einem wirklich spannenden Zeitgenossen heranzureifen.“

 

Diese Auswahl umfaßt tatsächlich nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten, Weine zu beschreiben. Mit etwas Kreativität und der Fähigkeit, Anregungen aus allen möglichen Bereichen zu nützen ohne plump abzukupfern, gibt es wohl unendlich viele Ideen.

Zum Glück, denn damit ist es eigentlich gar nicht so schwer, den einfallslosen Copy-and-Paste-Kollegen immer einen Schritt voraus zu sein.

1 Gedanke zu „Wortmalerei“

  1. In den nächsten Tagen bin ich wieder unterwegs. Um mich am Freitag nicht durch eine Flut von Spam-Kommentaren moderieren zu müssen (und weil sich die echten Kommentare leider ohnehin sehr in Grenzen halten) ist die Kommentarfunktion bis dahin deaktiviert.

    Ich bitte um Verständnis.

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