Wollen Sie meine Meinung wissen?

Anfang des Jahres erhielt ich eine Postkarte eines nicht unbekannten Markt- und Meinungsforschungsinstitutes. Ich sei für eine Konsumentenbefragung ausgewählt worden, hieß es da, und solle doch bitte so freundlich sein, daran teilzunehmen. Ein Mitarbeiter des Institutes würde mich demnächst besuchen und gegen Vorlage der Karte interviewen.

Darauf hin passierte etwa drei Wochen lang gar nichts, und ich entsorgte die Karte ordnungsgemäß im Altpapier, weil ich der Meinung war, dass es sich die Meinungsforscher wohl anders überlegt hatten. Denkste!

Der Termin

An einem Freitag Nachmittag, als ich mit meinem Vater bei der Waldarbeit war, ereilte mich ein Anruf meiner Mutter. Ein etwas enttäuscht wirkender älterer Herr von der Meinungsforschung hätte nach mir gefragt, und sie habe ihm versichert, ich wäre am nächsten Tag leicht zu Hause zu erreichen. Außerdem habe sie ihm zur Sicherheit meine Handynummer gegeben.

Wie ich später erfuhr, hatte mich der gute Mann vergeblich zu Hause gesucht und von meinen Wohnungsnachbarn den Tipp bekommen, dass er mich tagsüber wohl eher unter der Betriebsadresse antreffen würde.

Gegen 20.45 (oder 21.45, ich weiß es nicht mehr und unangenehm spät ist beides) läutete unerwarteterweise mein Mobiltelefon. Obwohl ihm meine Mutter mehrmals versichert hatte, dass er mich am Samstag leicht antreffen würde, wollte der Mann von der Meinungsforschung unbedingt einen fixen Termin vereinbaren, um nicht ungelegen zu kommen. Rasch einigten wir uns auf 10.00 Uhr, was ihn nicht davon abhielt 15 Minuten mit mir zu telefonieren. Habe ich schon erwähnt, dass ich ein recht gutmüter Mensch bin?

Das Interview

Am nächsten Morgen überraschte mich der Mann um 9.15 Uhr im Pyjama. Soviel also zum Thema Terminvereinbarung um nicht ungelegen zu kommen. Weil ich nicht unhöflich bin und mich nun mal – warum auch immer – entschlossen hatte, die Befragung über mich ergehen zu lassen, bat ich ihn trotzdem in unsere Essküche.

Schon in den ersten Minuten erwies sich der ältere Herr zwar als nicht völlig unsympathisch, aber doch als ziemlich umständlich, langsam und anstrengend. Die Wartezeit für das Hochfahren seines Laptops verlängerte er mit diversen Berichten über seine offenbar jahrzehntelange Nebentätigkeit für die Meinungsforschung.

Gegen 9.30 starten wir endlich mit den ersten Fragen, die er mir überflüssigerweise (und wesentlich langsamer als ich) vom Bildschirm des Laptop ablas, um anschließend meine Antwort direkt einzugeben. Diese Methode behielt er mit einiger Ausdauer bei, und je länger wir so arbeiteten, umso öfter versuchte er meine Antworten abzuschätzen und einzugeben, bevor ich mich zu einer Frage äußern konnte. Einige Fragen hätte er mir ohne mein insistieren wohl gar nicht präsentiert, weil er offenbar zu wissen glaubte, was ich dazu sagen würde.

Nach einer knappen halben Stunde hatten wir endlich alle Fragen absolviert und landeten bei den persönlichen Daten. Als ich ihm dabei mein Alter und das meiner Frau nannte (33), stimmte der Mann unvermittelt ein lautes Wehklagen an, wie schwer es doch sei, Leute unter 30 für ein Interview zu finden. Die wären im Gegensatz zu den älteren kaum zu Hause anzutreffen und falls doch, nehmen sie sich meist nicht die Zeit dafür. Offenbar hatte er den Auftrag, eine gewisse Anzahl an Leuten in jeder Altersgruppe zu befragen und noch niemanden unter 30 auf seiner Liste.

Nachdem ihm das wohl aber schon öfter passiert war, hatte er bereits eine Lösung parat: Er schlug vor, mich und meine Frau für die Meinungsforschung auf 29 Jahre zu verjüngen, und um dem guten Mann in seiner Not zu helfen (und im Irrglauben, damit die Sache beschleunigen zu können), nahm ich seinen Vorschlag an.

Mehrmals schärfte er mir ein, dieses Alter auch bei späteren Kontrollanrufen seiner Zentrale anzugeben und zur Sicherheit auch meine Frau darüber zu informieren, um ihm Schwierigkeiten zu ersparen. Außerdem bat er mich, bei einer Kontrolle nicht erwähnen, dass ich Einblick in den Laptop hatte, denn eigentlich sei er verpflichtet, mir einen schriftlichen Fragenkatalog und verschiedene Farb- und sonstige Karten zur Beantwortung vorzulegen. Ich wage bis heute nicht daran zu denken, um wieviel länger die Sache gedauert hätte, wenn er mich tatsächlich vorschriftsgemäß interviewt hätte…

Zum Abschluß stellte er mir noch eine weitere Befragung zur selbständigen Erarbeiten und Retournierung auf dem Postweg vor. Dafür sollte es nach seiner Auskunft auch ein Dankeschön von fünf Euro in Form von weit verbreiteten Lebensmittelgutscheinen geben. Das auf dem Formular von sieben Euro die Rede war, führte er auf einen Fehler zurück, der die letzten Einsparungsmaßnahmen noch nicht berücksichtigt hätte.

In einer masochistischen Anwandlung nahm ich ihm auch diesen Katalog noch ab, und war froh, ihn nach einer knappen Stunde endlich wieder aus dem Haus zu haben. Zum Abschluß drohte er noch damit, meine Mutter ebenfalls befragen, falls er in ihrer Altersgruppe nicht genügend Interview-Partner finden würde.

Die Belohnung

Um die Sache so rasch wie möglich vergessen zu können, machte ich mich umgehend an die Beantwortung der schriftlichen Fragen und retournierte sie an das Meinungsforschungsinstitut.

Bald darauf erhielt ich auch einen Dankesbrief und einen Gutschein im Wert von sieben Euro. Also doch!

Die Nachkontrolle

Damit hielt ich die leidige Geschichte für überstanden und dachte auch nicht mehr über die angekündigten Kontrollen nach. Bis mich vergangene Woche eine Dame anrief, um mein Interview zu verifizieren. Und wieder schaffte ich es nicht, unhöflich zu sein und beantwortete minutenlang brav ihre Fragen:

Wurden Sie Ende Jänner interviewt? War das Interview telefonisch oder persönlich? Ging es in dem Interview um dieses und jenes? Wurde das Interview am Laptop oder mittels Fragenkatalog und Hilfsmitteln durchgeführt? Ist die Adresse richtig? Wie alt sind Sie? Wurden Sie nach Ihrem Einkommen befragt, haben Sie darauf geantwortet und wenn ja, in welche Kategorie haben Sie sich eingeordnet? …

Überflüssig zu erwähnen, dass ich für die Dame am Telefon nur 29 war und den Laptop nur von hinten gesehen habe, oder?

„Der alte Mann hat doch nicht unnötig vorgebaut. Damit wird die Sache wohl endlich vorbei sein“, dachte ich. Bis heute kurz vor 20.00 Uhr mein Telefon läutete.

Das Déjà-vu

„Guten Abend Herr Fiedler, hier spricht Frau XY vom Meinungsforschungsinstitut Z. Sie wurden vor kurzem von einem unserer Mitarbeiter interviewt und ich hätte dazu einige Fragen.“

Argh!

Ich, mit angestrengter Höflichkeit:

„Ich wurde bereits vor etwa eine Woche von Ihrer Firma kontaktiert!“

„Ahso, davon weiß ich aber nichts. Vielleicht war es in einer anderen Angelegenheit. Dürfte ich Ihnen einige Fragen stellen?“

Ich, leicht verärgert ob der chaotischen Organisation:

„Wird es lange dauern?“

„Nur zwei Minuten. Wurden Sie Ende Jänner interviewt? War das Interview telefonisch oder persönlich? Ging es in dem Interview um dieses und jenes? Wurde das Interview am Laptop oder mittels Fragenkatalog und Hilfsmitteln durchgeführt? Ist die Adresse richtig? Wie alt sind Sie? Wurden Sie nach Ihrem Einkommen befragt, haben Sie darauf geantwortet und wenn ja, in welche Kategorie haben Sie sich eingeordnet? …“

Mehr als widerwillig und auf Nadeln sitzend beantwortete ich die gleichen Fragen wie vor einer Woche noch einmal, bis meine kleine Tochter nach einer gefühlten Ewigkeit lautstark das Gute-Nacht-Ritual mit ihrem Papa einforderte. Ihr Ruf macht offenbar Eindruck:

„Sie können gerne zu ihrem Kind schauen.“

Ich, erleichtert, ob der Bereitschaft von weiteren Fragen abzusehen:

Danke. Auf Wiederhören!

Keine fünf Minuten später läutete erneut das Telefon, und als ich abhob, meldete sich eine bekannte Stimme:

„Guten Abend, Herr Fiedler, können wir jetzt fortfahren?“

Aaaaaaaaaarrrrrrrrrggggghhh!

Ich, ohne die Dame zu Wort kommen zu lassen:

„Sie machen sich mehr als unbeliebt, wenn Sie zuerst einen Interviewer schicken, der den zu Befragenden nachspioniert, der anschließend vereinbarte Termine nicht einhält, der mit seiner umständlichen Art die Befragung unnötig in die Länge zieht und wenn Sie in weiterer Folge den hilfsbereiten Auskunftspersonen auch noch am Telefon die Zeit stehlen, und dieses Telefonat eine Woche später noch einmal wiederholen wollen. Auf Wiederhören!“

Anschließend habe ich aufgelegt, ohne der Dame noch eine Chance zu geben. Und bis jetzt hat sie sich auch nicht mehr gemeldet…

Werte Meinungsforscher!

Ich gestehe Ihnen gerne zu, dass es heutzutage nicht einfach ist, die Meinung der Leute zu erforschen. Und dass Sie es trotzdem versuchen wollen/sollen/müssen. Auch das es für ein halbwegs brauchbares Ergebnis wohl einen gewissen Umfang an Fragen und auch eine Kontrolle der Ergebnisse braucht, leuchtet mir durchaus ein.

Vor allem aber braucht es hilfsbereite Auskunftspersonen, die Ihnen unentgeltlich ihre Zeit opfern und die sich nicht aus Datenschutzängsten oder der Scheu, die eigene Meinung zu äußern weigern, Persönliches preiszugeben.

Diese zu finden wird wohl immer schwieriger, und deshalb stellt sich mir die Frage, ob es tatsächlich schlau ist, diejenigen, die Ihnen durch ihre Auskunftsbereitschaft Ihre Arbeit überhaupt erst ermöglichen dermaßen zu belästigen?

Ich persönlich werde Ihnen nach diesen Erlebnissen nicht so schnell wieder Daten für Ihre Forschungsarbeiten liefern. Und ich rate auch allen, die es hören oder lesen wollen, davon ab.

2 Gedanken zu „Wollen Sie meine Meinung wissen?“

  1. Traumhaft! Albtraumhaft! Besten Dank für die unterhaltsame Lektüre und schnelle Genesung.

    Erinnert mich an einige Anrufe der „Gelben Engel“ nach folgendem Schema:
    „Kurze Qualitätskontrolle. Waren Sie mit dem Abschleppdienst XY dann und dann zufrieden? Ja? Ich sehe Sie sind kein Mitglied. Wollen Sie Mitglied werden? Nein? Aber Sie wissen doch, dass…? Nein? Wir haben da ein Sonderangebot. Nein? Und wenn Sie im Ausland unterwegs sind… Nein? Aber für nur XY Euro…? Nein? Ach Sie haben kein Auto mehr. Unsere Sonderkonditionen für Mietwagen kennen Sie bereits? … Achso. Auf Wiederhören.“

  2. Hallo Bernhard!

    Kein Zweifel, du bist wirklich ein sehr geduldiger Mensch! Fragt sich nur, ob die Meinungsforscher dass verdient haben.

    Gruß Pasta

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