Zahlen zum Nachdenken

27% der Unfallopfer nehmen schwere Medikamente,
12% konsumieren illegale Drogen und nur
7% sind alkoholisiert

Nach dem Pfingstwochenende mit „der blutigsten Verkehrsbilanz seit 10 Jahren“ (Der Standard) kommt diese von der Presse exklusiv veröffentlichte Studie über das Drogenscreening im Harn bei Frischverletzten gerade recht, um beispielhaft zu zeigen, was ich hier (vor allem im Kommentar weiter unten) langatmig versucht habe auszudrücken.

Meine These zum Umgang der Weinwirtschaft mit dem Thema Alkoholmißbrauch lautet(e) dort kurz gefaßt etwa folgendermaßen: Bei einem sensiblen Umgang der Weinbauern mit der Alkoholproblematik, der auch einzelne, von Experten als sinnvoll erachtete Maßnahmen akzeptiert, sollte es möglich sein, überzogene Forderungen der Alkohol-Gegner mit sachlichen Argumenten abwehren zu können.

Als vor ein paar Jahren die 0,5-Promille-Grenze für Alkohol am Steuer eingeführt wurde, war der Aufschrei groß. Nicht ganz unberechtigt, denn schließlich haben die meisten alkoholisierten Unfalllenker deutlich mehr Alkohol im Blut und eine strengere Kontrolle der damals geltenden 0,8-Promille-Grenze hätte wahrscheinlich genausoviel bewirkt, wie die Absenkung des Grenzwertes.

Der große Protest der Gastronomie und der Alkoholwirtschaft ließ aber recht bald nach und heute sind die 0,5-Promille weitgehend akzeptiert oder man hat sich zumindest damit arrangiert.

Diese Akzeptanz (wenn sie auch aus dem Fügen in das Unvermeidliche entstanden ist) und die Ergebnisse der Studie machen es relativ leicht, den Stimmen zu begegnen, die glauben nach der blutigen Pfingstverkehrsbilanz eine weitere Verschärfung in Sachen Alkohol am Steuer fordern zu müssen:

Die Alkohol-Branche hat mit dem akzeptieren der 0,5-Promille-Regel nämlich ihre „Hausaufgaben“ gemacht. Zwar sind immer noch sieben Prozent der Verletzten im Straßenverkehr alkoholisiert (aber nicht sieben Prozent der Lenker!), aber wie die Studie zeigt, haben 12 Prozent der Verletzten illegale Drogen konsumiert und weitere 27 Prozent standen unter dem Einfluß von schweren Medikamenten, die das Fahrverhalten beeinträchtigen können!

Diese zusammen 39 Prozent Unfallverletzten bieten Verkehrs-experten, Fahrschulen, Medizinern und Exekutive ein lohnenderes und sinnvolleres Betätigungsfeld in Sachen Verkehrssicherheit als eine Kriminalisierung von Autofahrern, die (z.B.) zum Essen zwei Achterl Wein genossen haben.

Und auch wenn die Studie ihre Schwächen haben könnte (siehe Presse-Artikel), sollten diese Relationen den 0,0-Promille-Verfechtern doch zu denken geben…

4 Gedanken zu „Zahlen zum Nachdenken“

  1. Hallo Bernhard,

    wie war das noch mal mit „Traue keiner Statistik, die …“ ?

    Auch wenn der Artikel natürlich nicht sehr ins Detail geht, halte ich die Aussage aber schon aufgrund folgenden Satzes für reichlich problematisch:

    „Nicht untersucht wurde die Drogen- und Medikamentenkonzentration. “

    Denn moderne analytisch-chemische Methoden haben teilweise extrem niedrige Nachweisgrenzen, so dass ein positives Ergebnis (je nach Metabolisierung der Substanzen) auch denkbar ist, wenn der Konsum schon Wochen zurückliegt und die Wirkungen schon lange vorbei sind.

    Oder der Nachweis von Opiaten nach dem Konsum von Mohnstrudel oder Mohnnudeln, da Morphin & Co in Spuren auch in den ausgereiften Samen vorkommen.

    Mit dieser Studie die Gefahr von (mäßigem) Alkoholkonsum vor Autofahrten zu relativieren – was ich natürlich niemandem unterstellen möchte – halte ich jedenfalls für äußerst bedenklich.

    Grüße,
    Gerald

    P.S. Nicht berücksichtigt wurden übrigens die Handy-Telefonierer am Steuer, die wohl auch für einen Gutteil der Unfälle mitverantwortlich sein dürften. Vielleicht noch mit einer Zigarette in der anderen Hand und den Knien zum Lenken …

  2. Hallo Gerald!

    Natürlich hat die Statistik ihre Tücken, allgemein (Stichprobengröße, Untersuchung nicht nur der Lenker,…) und im Detail (Methode, keine Rückschlußmöglichkeit auf tatsächliche Beeinträchtigungen,…). Und in Sachen Alkohol am Steuer ist weniger immer besser.

    Aber selbst wenn nur jeder Vierte der 39 Prozent tatsächlich beeinträchtigt war, sind das immer noch mehr als die (total und nicht per Stichprobe untersuchten) Alkoholisierten. Und nachdem da wie dort Unfallbeteiligte (und nicht Lenker) untersucht wurden ist dieser Vergleich wohl nicht ganz daneben. Im Übrigen wurde ja auch beim Alkohol keine Konzentration angegeben.

    Was die 0,5-Promille-Regel betrifft, so halte ich sie für einen für alle Seiten vertretbaren Kompromiß. Sie erlaubt einen geringen Alkoholkonsum im alltäglichen Leben und niemand muß z.B. am nächsten Morgen um seinen Führerschein zittern, wenn er am Abend davor ein paar Gläser getrunken hat und vielleicht noch (unwissentlich) 0,2 Promille im Blut hat (aber gut ausgeruht und fit ist).

    Und sie macht deutlich, daß es eben eine Grenze gibt, über der unserer Gesellschaft die Vermeidung des höheren Unfallrisikos wichtiger ist (und sein muß) als ein die Toleranz gegenüber den Trinkbräuchen mancher. (Das die Regelung so falsch nicht sein kann, zeigt u.a. das der durchschnittliche Wert von Unfalllenkern deutlich darüber liegt. Das Hauptproblem ist daher wohl eher die Nicht-Durchsetzbarkeit bei einer kleinen Gruppe Uneinsichtiger als die Höhe des Grenzwertes.)

    Diese Grenze macht die Regelung aber erst deutlich, seit sie auch relativ gut kontrolliert wird. Und bevor sie keine ähnliche Exekutierung z.B. des Handytelefonierverbotes fordern und Aufklärungskampagnen in Sachen Medikamente und Fahrtauglichkeit etc. fehlt es den 0,0-Promille-Jüngern meiner Meinung an Glaubwürdigkeit in der Diskussion.

    Grüße

    Bernhard

  3. Hallo Bernhard,

    ich gebe dir soweit Recht, dass die 0,5 – Promillegrenze durchaus ausreichend ist, oder besser gesagt „ausreichend wäre“ – denn dass sie „relativ gut kontrolliert wird“, kann ich persönlich nicht nachvollziehen. In über 20 Jahren seit Führerscheinprüfung bin ich jedenfalls kein einziges Mal kontrolliert worden (auch wenn ich relativ wenig mit dem Auto unterwegs bin) und für die allermeisten Bekannten gilt dasselbe.

    Die Sache mit den illegalen Drogen würde ich eher nicht überbewerten, denn z.B. THC (die psychoaktive Komponente in Marihuana) ist meines Wissens noch Monate nach dem Konsum nachweisbar. Und das Morphin aus Mohnstrudel habe ich ja schon weiter oben erwähnt.

    Das Problem ist aber allgemein, dass das Auto inzwischen für viele Menschen absolut unverzichtbar geworden ist, da der öffentliche Nahverkehr vielfach nur auf dem Papier existiert. Wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen (starke Medikamente, aber auch z.B. altersbedingte Seh- oder Reaktionsschwäche) eigentlich nicht mehr Auto fahren sollte, kann er/sie es sich oft trotzdem nicht erlauben, darauf zu verzichten. Hier hat meiner Meinung nach die Politik absolut versagt. In den ärmeren Ländern Südamerikas – wo sich nur wenige Menschen ein Auto leisten können – gibt es Busverbindungen in einer Dichte, die uns absolut unvorstellbar erscheint.

    Um zum Thema Alkohol am Steuer zurückzukommen: leider mangelt es aber auch vielen deiner Winzerkollegen ein wenig am Problembewusstsein. Bei vielen Einkäufen ab Hof wurde ich wie ein Verrückter angesehen, als ich mit Hinweis auf meine Anreise per Auto keinen Wein probieren wollte bzw. um ein Gefäß zum Ausspucken gebeten habe …

    Grüße,
    Gerald

  4. Hallo,
    ich denke, dass diese Statistik nicht viel aussagt. Bezüglich des Themas Wein hat sie auch einen relativ großen Haken. Alkoholisiert Fahren kann ja nicht nur vom Wein kommen. Viele Spirituosen können da eine wesentlich größere Rolle spielen.

    Persönlich bin ich allerdings von einer 0,0-Promille-Lösung überzeugt. Wenn man was getrunken hat gehört man nicht ans Steuer. Manche Menschen können eben mit 0,5 noch verantwortungsvoll einen PKW führen; andere nicht (das hängt auch davon ab wie viel gegessen wurde oder wieviel derjenige geschlafen hat). Das hat für mich einen symbolischen Wert. Man gefärdet beim Alkohol am Steuer nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen. Jeder, der mit Verkehrsunfällen beruflich oder aus persöhnlicher Erfahrung zu tun hat, kann dies nachvollziehen. Auch einem Täter, der sich fragen muss, ob die geringe (und erlaubte) Menge Alkohol zu einer noch so kleinen Verzögerung der Reaktion geführt hat, ist mit einer solchen Regel geholfen. Nun will ich mich allerdings nicht in eure österreichische Angelegenheiten einmischen.

    Doch zurück zum Thema Alkohol und Wein: Dieser enthält häufig zwischen 10 und 15% Alkohol. Für mich bedeutet das, dass die anderen – für mich wesentlich interessanteren – 85 bis 90% beim Wein Genuss sind. Und dies hat erstmal nichts mit Unfällen zu tun und soll es auch nicht. Es sind (glaube ich) wenige Menschen, die sich mit Wein „abschädeln“. Es geht weniger um das Betäuben, sonern vielmehr darum, differenziert Geschmacksunterschiede wahrzunehmen. Jedenfalls ist das ein Bestandteil meiner Auffassung von Wein. Wenn es anders wäre, könnte man auch Industriealkohol mit Geschmacksstoffen versetzt auf eine weinähnliche Trinkstärke heruntermischen.

    Für das Abschädeln – wie es die deutsche Boulevardpresse nennt – sind eher andere alkoholische Gertänke als Wein hauptsächlich verantwortlich. Für viele dieser Spirituosen wird umfangreich Werbung gemacht um besonders junge Käufer zu gewinnen. Ich denke hier liegen enorme Gefährdungspotenziale. Und wenn man über Prävention nachdenkt, sollte man versuchen solche Gefärdungen zu lokalisieren. Und gerade hier sind Symbole wichtig.

    @ Gerald: Das mit dem Gefäß finde ich auch ein Muss. Ich kaufe machmal mittags Wein und will danach noch arbeiten können.

    Viele Grüße
    Thomas

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