Handlese vs. Erntemaschine

Wie fast alle österreichischen Spitzenbetriebe ernten auch wir ausschließlich von Hand. Das hat mit qualitativen Überlegungen zu tun, aber sehr viel auch damit, daß es (noch) genügend motivierbare Helfer aus den Nachbarländern gibt, die praktischerweise an die österreichischen Weinbaugebiete angrenzen.

Die maschinelle Ernte hat ihren schlechten Ruf nämlich nicht immer zu Recht. Internationale Beispiele (Bordeaux!, Australien,…) zeigen, daß maschinell geerntete Weine zumindest bis in den Bereich der qualitativ gesehen oberen Mittelklasse vordringen können.

Der überwiegende Teil der Qualitätsprobleme, die bei maschinell geernteten Weinen manchmal zu schmecken sind, oder die ihnen zumindest nachgesagt werden, hat mit dem Vollernter selbst gar nichts zu tun. Die Lesemaschine ist oft nur der Sündenbock für

  • ein schlechtes Ernteresultat durch eine nicht auf den Vollerntereinsatz abgestimmte Weingartenanlage (Materialien des Unterstützungsgerüstes, Erziehungsform, Weingarten-bearbeitung,…)
  • mikrobiologische und oxidative Probleme, die dadurch entstehen, daß die Weiterverarbeitung der Traubenmaische im Preßhaus zu langsam erfolgt, da die Verarbeitungskapazität auf die deutlich langsamere Handlese ausgerichtet ist
  • veraltete und wenig schonende Traubenverarbeitung
  • unreifes oder ungleich reifes Traubenmaterial (u.a. durch zu hohe Erträge)
  • mangelnde Hygiene bei der Lese und in Preßhaus und Keller
  • mangelndes Know-How und nicht an den Jahrgang und die Situation angepaßtes Handeln

Die Vorteile der maschinellen Ernte können ihre Nachteile in vielen Fällen durchaus aufwiegen:

  • Die maschinelle Ernte ist schneller als die Handlese. In kritischen Phasen während der Erntezeit (Botrytisdruck, Wetterumschwung, Hagel,…) ist die Maschine daher flexibler, zumal es nur eine qualifizierte Arbeitskraft braucht, die im Unterschied zu den meist nur saisonal beschäftigten Lesehelfern in der Regel ständig im Betrieb arbeitet (bzw. bei Lohnernte relativ flexibel zur Verfügung steht).
  • Die maschinelle Ernte funktioniert auch nachts für große Flächen praktikabel, was die Auslastung des Gerätes erhöht, und qualitative Vorteile bringen kann. In heißen Gebieten oder Jahrgängen kann die Weißweinernte in die kühleren Nachtstunden verlegt werden, was einiges an Kühlenergie einspart und die Gefahr von Oxidation und Mikroorganismenwachstum während Maischestandzeit und Pressung deutlich verringert. Auch Eiswein profitiert von dieser Möglichkeit.
  • Die maschinelle Ernte ist deutlich günstiger als die Handlese, zumindest wenn das Gerät im überbetrieblichen Einsatz oder bei Lohnunternehmern verwendet wird und eventuell auch für andere Einsatzzwecke als Geräteträger verwendet wird (Pflanzenschutz, Laubschnitt, Entlaubung, Bodenbearbeitung,…).

Trotzdem ist die Handlese mit einer gut geschulten und motivierten Mannschaft in vielen Bereichen nicht zu ersetzen:

  • Die Handlese ermöglicht die Sortierung der Trauben bei der Ernte, im Extremfall bis hin zum Teilen von Trauben, dem Herauszupfen einzelner Beeren oder das Ernten in mehreren Lesedurchgängen. Für Prädikatsweine (außer Spätlese und Eiswein) ist die Handlese daher vom Weingesetz vorgeschrieben. In Gebieten, die beinahe jedes Jahr mit mehr oder weniger (Edel-)Fäule zu tun haben, ist das ein entscheidender Qualitätsvorteil. Beim Rotwein ist dieser Punkt wichtiger als beim Weißwein, der einen kleinen Botrytisanteil oft ohne Qualitätseinbußen verträgt.
  • Die Handlese ermöglicht einen schonenden Transport und eine schonende Weiterverarbeitung der im Idealfall weitgehend unverletzt im Preßhaus eintreffenden Trauben. Während die maschinelle Ernte das Rebeln (sprich: das Entfernen der Stiele und das Aufquetschen der Beeren) im Weingarten durch das Abschütteln der Beeren vorweg nimmt, hat der Kellermeister bei manuell gelesenen Trauben alle Optionen. Per Ganztraubenpressung kann er besonders feine, elegante Weine erzielen oder Weißwein aus Rotweinsorten keltern (z.B. für Schaumweine), er kann die Trauben rebeln und ohne transport- und manipulationsbedingte Standzeiten sofort pressen oder er kann die Trauben rebeln und kontrolliert, wenn notwendig auch gekühlt als Maische einige Stunden oder Tage zur Auslaugung von Aroma, Extrakt oder Farbe stehen lassen.
  • Die Handlese ist in (fast) jedem Gelände möglich und schont den Boden, da ein Traubentransportwagen deutlich leichter ist, als ein Vollernter. Sie ist daher auch bei nassen Bodenverhältnissen, selbst ohne Begrünung, durchführbar, wenn auch erschwert.

Die heutige Bearbeitung der Weingärten führt dazu, daß die Handlese weit weniger Zeitaufwand benötigt. Nach dem Ausdünnen der Trauben zur Qualitätssteigerung verbleiben im Gegensatz zu früher fast nur noch leicht zu erreichende und gut entwickelte Trauben an den Reben. Die exakte Laubarbeit, die allen Blättern eine optimale Besonnung sichern soll, und das Entblättern der Traubenzone speziell bei den Rotweinsorten zur Botrytisvorbeugung und zur Verbesserung der Farb- und Tanninreife macht alle Trauben sichtbar und ideal zugänglich für die Lesehelfer.

Trotzdem ist die Handlese mühsam und anstrengend. Nicht zuletzt, weil in den letzten Jahren die Reben wieder deutlich bodennäher erzogen werden. Das vergrößert die gut besonnte Blattfläche und läßt die Trauben von der Abstrahlungswärme des Bodens profitieren, ergonomisch für die Lesehelfer (aber auch beim Rebschnitt) sind 80 cm Stammhöhe oder weniger allerdings nicht.

Mitunter muß man alle Register der Motivationskünstler ziehen, um auch bei schlechtem Wetter, bei besonders ausgefallenen Wünschen des Kellermeisters, bei mühseligst zu sortierenden Trauben oder bei Mißverständnissen zwischen den Lesehelfern untereinander oder zwischen „Chef“ und Helfer die gute Stimmung aufrecht zu erhalten. Dabei nicht zu unterschätze Hilfsmittel sind der Humor und natürlich die Verpflegung 😉

 

2 Gedanken zu „Handlese vs. Erntemaschine“

  1. Natürlich ist ein gut geschulter Lesetrupp durch nichts zu ersetzen, die Frage für den produzenten zum Thema Umstellung stellt sich, wenn die derzeit noch relativ billigen saisonniers vom Nachbarland teurer werden. Können die höheren Lohnkosten auf den Endverbraucher abgewälzt werden, ohne dass der Umsatz zurückgeht? Bei wieviel Euro Lesekosten pro hektar liegt derzeit die Schmerzgrenze?

  2. Man kann sagen was man Will, aber die Ernte von Hand hat einfach mehr Stil. Und das lässt man sich auch gerne etwas kosten als Weinliebhaber!
    Oder nicht?

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