{"id":935,"date":"2009-01-14T23:47:51","date_gmt":"2009-01-14T22:47:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=935"},"modified":"2009-03-15T16:05:54","modified_gmt":"2009-03-15T15:05:54","slug":"weinbauerin-mit-leib-und-seele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=935","title":{"rendered":"Weinb\u00e4uerin mit Leib und Seele"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-936\" title=\"Oma Sommer\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/sommer-oma-bei-taufe-vicky.jpg\" alt=\"Oma Sommer\" \/><\/p>\n<p>Meine Sommer-Oma ist Weinb\u00e4uerin mit Leib und Seele. Schon in fr\u00fchester Jugend arbeitete sie flei\u00dfig im Weingarten und auf den Feldern mit. Dabei hatte es am Anfang gar nicht gut ausgesehen, als sie 1922 w\u00e4hrend der Weinlese als Fr\u00fchgeburt auf die Welt gekommen war. Die Hebamme meinte damals zu ihren Eltern, dass die kleine Susanna wohl nicht lange leben werde.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aber meine Oma war offensichtlich auch schon als Kind ausdauernd und stand ihren beiden Br\u00fcdern und ihrer Schwester in nichts nach. Ihre besondere Liebe galt den Pferden, und weil diese ihre Aufmerksamkeit erwiderten, durfte sie schon fr\u00fch den Pferdewagen lenken und andere Arbeiten durchf\u00fchren.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens als ihre beiden Br\u00fcder in den zweiten Weltkrieg ziehen mu\u00dften, wurde aus dem &#8222;d\u00fcrfen&#8220; ein &#8222;m\u00fcssen&#8220; und sie stand ihren Mann. Und als beide Br\u00fcder im Krieg starben, wurde sie zur Betriebsf\u00fchrerin, obwohl sie eigentlich gerne Diakonissenschwester geworden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Auch nach dem Krieg schienen die Schicksalsschl\u00e4ge kein Ende zu nehmen. Aber wie ein Fels in der Brandung stand meine Oma sie alle durch: Die angeschlagene Gesundheit ihres Mannes, den Tod eines Buben kurze Zeit nach der Geburt und die schwere Erkrankung ihrer Tochter, die Ingrid bis heute beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>In den sp\u00e4ten 1950er-Jahren brachen dann endlich auch f\u00fcr meine Gro\u00dfeltern bessere Zeiten an, und ihr Flei\u00df machte sich langsam bezahlt. Auch wenn es ihnen sicher nicht leicht fiel wurde vom Zugpferd auf den Traktor umgestellt und mehr und mehr Ackerfl\u00e4chen wurden mit Reben bepflanzt, bis aus einer gemischten kleinen Landwirtschaft ein reiner Weinbaubetrieb wurde.<\/p>\n<p>Wie von fr\u00fchester Jugend an gewohnt, war sie auch bei den &#8222;M\u00e4nnerarbeiten&#8220; im Weingarten immer mit dabei. Nat\u00fcrlich f\u00fchrte sie auch ihren Haushalt und betreute Kinder und sp\u00e4ter uns Enkelkinder. Aber richtig gl\u00fccklich war sie, wenn sie drau\u00dfen arbeiten konnte.<\/p>\n<p>Trotzdem ging ihr auch die Betreuung ihrer G\u00e4ste gut von der Hand, sowohl bei der Vermietung der in den 70ern errichteten G\u00e4stezimmer als auch im intensiven Ab-Hof-Weinverkauf. W\u00e4hrend mein Opa die Weine vorstellte (und dabei nicht selten die Trinkfestigkeit seiner Kunden testete), sorgte meine Oma f\u00fcr teils selbstgemachte kalte oder warme Verpflegung.<\/p>\n<p>Als mein Opa krankheitsbedingt manche Arbeiten nicht mehr leisten konnte, \u00fcbernahm sie auch viele seiner Aufgaben. So fuhr sie schlie\u00dflich jahrelang unfallfrei mit dem Traktor, ohne jemals einen F\u00fchrerschein besessen zu haben.<\/p>\n<p>Mitte der 1980er-Jahre, mit \u00fcber 60, wollte sie noch h\u00f6her hinaus und bestieg zum ersten Mal in ihrem Leben ein Flugzeug. Sie, die geboren wurde, als Fahrr\u00e4der noch eine Seltenheit waren, die geheiratet hat, als Automobile in ihrer Umgebung noch als Rarit\u00e4t galten und die (bzw. deren Mann) nie ein Auto besa\u00df, begleitete mich jungen Burschen auf einem \u00d6sterreich-Rundflug. Jahre sp\u00e4ter flog sie dann \u00fcbrigens sogar mit meinen Eltern nach Lanzarote.<\/p>\n<p>Das Liebste war ihr aber trotz allem weiterhin die Arbeit in der Natur. Und als sie meinen kranken Opa und ihre Schwester pflegte, und nur mehr selten in die Weing\u00e4rten konnte, hat sie sich die Natur ins Haus geholt und ihren gro\u00dfen Innenhof in ein Bl\u00fctenmeer verzaubert. Kaum jemand ging an ihrem Haus vorbei, wenn das Tor offen stand, ohne ihre Fuchsien, Oleander, Geranien und sonstigen Blumen zu bewundern.<\/p>\n<p>Ihr Interesse am Weinbau aber blieb. Auch nach ihrem 80. Geburtstag half sie noch gelegentlich mit, z.B. junge Reben mit Stroh aufzubinden. Und jeder auch noch so beil\u00e4ufige Bericht \u00fcber die Fortschritte der Weingartenarbeiten wurde von ihr registriert. Nicht selten hatte sie mehr \u00dcberblick dar\u00fcber, welche Weing\u00e4rten mein Vater und ich schon geschnitten hatten, als meine Mutter.<\/p>\n<p>Positive Weinleseberichte haben sie besonders gefreut. Oft hat sie die Erntemengen von einzelnen Weing\u00e4rten schneller gut gesch\u00e4tzt, als ich sie ihr sagen konnte. Und wenn ich Leerflaschen aus ihrer Scheune geholt oder neu bef\u00fcllte Flaschen in ihren Keller (der einen Teil unseres Flaschenlagers beherbergt) gebracht habe, wollte sie immer ganz genau wissen, wieviel wir von welcher Sorte abgef\u00fcllt haben.<\/p>\n<p>Dabei war sie aber nicht nur auf die Weing\u00e4rten und die Ernte, sondern auf die gesamte Weiterentwicklung unseres Weinbauernhofes stolz. Bestes Beispiel daf\u00fcr ist unser Print-Newsletter &#8222;Die Weinpresse&#8220;. Obwohl seit einem guten Jahr gesundheitlich angeschlagen und sehbehindert, hat sie alle Ausgaben bis zur aktuellen im Dezember 2008 f\u00fcr den Postversand gefaltet und zuvor nat\u00fcrlich eingehend studiert und kommentiert.<\/p>\n<p>Meine Sommer-Oma war eben immer eine Weinb\u00e4uerin mit Leib und Seele.<\/p>\n<p>Bis gestern. Da ist sie gestorben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Sommer-Oma ist Weinb\u00e4uerin mit Leib und Seele. Schon in fr\u00fchester Jugend arbeitete sie flei\u00dfig im Weingarten und auf den Feldern mit. Dabei hatte es am Anfang gar nicht gut ausgesehen, als sie 1922 w\u00e4hrend der Weinlese als Fr\u00fchgeburt auf die Welt gekommen war. Die Hebamme meinte damals zu ihren Eltern, dass die kleine Susanna &#8230; <a title=\"Weinb\u00e4uerin mit Leib und Seele\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=935\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Weinb\u00e4uerin mit Leib und Seele\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-935","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/935","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=935"}],"version-history":[{"count":24,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/935\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1155,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/935\/revisions\/1155"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=935"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=935"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=935"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}