{"id":8637,"date":"2026-05-17T18:40:47","date_gmt":"2026-05-17T16:40:47","guid":{"rendered":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=8637"},"modified":"2026-05-17T21:55:49","modified_gmt":"2026-05-17T19:55:49","slug":"hundert-punkte-oder-null","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=8637","title":{"rendered":"Hundert Punkte oder null?"},"content":{"rendered":"\n<p>Selten war ein Weinthema so prominent in den heimischen Medien vertreten wie in den letzten Tagen. \u00d6sterreichs gr\u00f6\u00dfte Tageszeitung berichtete ebenso wie der reichweitenst\u00e4rkste Radiosender \u00d63 in seinen st\u00fcndlichen News. Die Hauptnachrichtensendung des ORF, <a href=\"https:\/\/on.orf.at\/video\/14323167\/16088254\/weinbewertungen-liefern-widerspruechliche-resultate\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">die Zeit im Bild, konnte daran ebenso wenig vorbei<\/a> wie ORF Burgenland im Fernsehen und via <a href=\"https:\/\/burgenland.orf.at\/stories\/3354189\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Textmeldung<\/a>, die Tageszeitungen Kurier und <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000320565\/international-top-im-inland-ein-flop-winzer-zweifeln-an-der-urteilskraft-amtlicher-pruefer\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Der Standard<\/a> und online war die der Sachverhalt samt Kommentaren und Diskussionen sowieso auf diversen Portalen, Blogs und Kan\u00e4len pr\u00e4sent.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist verst\u00e4ndlich, denn die Meldung ist aus journalistischer Sicht viel zu verlockend, um sie nicht aufzugreifen. &#8222;Burgenl\u00e4ndischer Rotwein erh\u00e4lt H\u00f6chstnote von international anerkanntem Weinkritiker und f\u00e4llt bei der \u00f6sterreichischen Qualit\u00e4tskontrolle durch.&#8220; Das hat was von David gegen Goliath, von Naturn\u00e4he gegen Industrie, von intellektuellem Feingeist gegen gnadenlose Beh\u00f6rdenwillk\u00fcr und von internationalem Weitblick gegen \u00f6sterreichische Provinzialit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Jenseits des Unterhaltungsfaktors dieses zweifellos peinlichen Sachverhaltes liefert der Stoff damit auch noch jede Menge Gelegenheit f\u00fcr H\u00e4me und Polemik. Die ist zwar nicht immer ganz unberechtigt, hilft aber bei einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema nicht weiter. Deshalb versuche ich es sachlich. (Vorsicht, lang!)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Worum geht\u00b4s?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Blaufr\u00e4nkisch Lutzmannsburg Alte Reben 2023 des renommierten Weingut Moric von Roland Velich wurde im vergangenen Herbst vom international angesehenen Weinkritiker Stuart Pigott f\u00fcr die anerkannte Weinpublikation von James Suckling <a href=\"https:\/\/www.der-winzer.at\/news\/2025\/11\/100-suckling-punkte-fuer-weingut-moric.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">mit der H\u00f6chstnote von 100 Punkten bewertet<\/a>. Das war die erste derartige Bewertung f\u00fcr einen \u00f6sterreichischen Rotwein und dementsprechend gro\u00df war das Medienecho.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgerechnet dieser Wein wurde allerdings (den Verlauf der Meldungen interpretierend vermutlich nach dieser Bewertung) von der Verkosterjury des Bundesamtes f\u00fcr Weinbau abgelehnt und bei einer weiteren Einreichung durch das Weingut ebenso ein zweites Mal. (Ich vermute als fehlerhaft, theoretisch k\u00f6nnte es auch wegen mangelnder Typizit\u00e4t sein.) Deshalb darf er nicht als Qualit\u00e4tswein vermarktet werden und weil n\u00e4here Herkunftsbezeichnungen nach EU-weit g\u00fcltiger Rechtslage nur diesem vorbehalten sind, darf er weder den Ortsnamen &#8222;Lutzmannsburg&#8220; noch den Weinbaugebietsnamen &#8222;Burgenland&#8220; auf dem Etikett tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist zweifellos ein gewisser Nachteil am Markt verbunden, es entsteht zus\u00e4tzlicher Aufwand, Erkl\u00e4rungsbedarf gegen\u00fcber den Kunden und bei dem einen oder anderen vielleicht sogar ein wenig Zweifel an der Qualit\u00e4t dieses Weines in der Preiskategorie jenseits von 100 Euro pro Flasche.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Blaufr\u00e4nkisch ist zwar nicht der erste Wein, dem solches widerf\u00e4hrt, aber er ist der bisher prominenteste. Und sein gut vernetzter Produzent spielt den Fall (vermutlich nicht zuf\u00e4llig rund um die gro\u00dfe internationale Weinmesse Vievinum in Wien) intensiver an die breite \u00d6ffentlichkeit als seine Leidensgenossen, die das Problem bisher meist eher unter Insidern oder in Weinbaugremien thematisiert haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die staatliche Pr\u00fcfnummer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis zum <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Glykolwein-Skandal\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Weinskandal von 1985<\/a> gab es in \u00d6sterreich nur eine sehr eingeschr\u00e4nkte staatliche Weinaufsicht. Kontrollen waren selten und oberfl\u00e4chlich, deshalb war es der Regierung ein gro\u00dfes Anliegen diesbez\u00fcgliche Konsequenzen aus den Panschereien mit Diethylenglykol zu ziehen. Mit dem neuen Weingesetz von 1986 wurde eine verpflichtende Kontrolle jedes Qualit\u00e4tsweines eingef\u00fchrt, deren Nachweis in Form einer Zahlenkombination bis heute auf dem Etikett vermerkt werden muss. Die staatliche Pr\u00fcfnummer war geboren und mit ihr der Mythos vom strengsten Weingesetz der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ein Qualit\u00e4tswein auf dem Markt kommen darf (d.h. in der Regel kurz vor oder bald nach der Abf\u00fcllung), muss der Produzent einen Antrag und Musterflaschen beim <a href=\"https:\/\/www.bawb.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bundesamt f\u00fcr Weinbau<\/a> einreichen. Dort wird der Wein dann im Labor analysiert und unter anderem Alkoholgehalt, Restzucker, S\u00e4ure, Extraktgehalt sowie <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=639\">freies und gesamtes SO2<\/a> gemessen. Stichprobenweise wird wahrscheinlich auch auf verbotene Zusatzstoffe untersucht, aber das wird sp\u00e4ter nicht auf dem Bescheid ausgewiesen, deshalb kann ich das nur mutma\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil diese Werte nicht ausreichen, um alle m\u00f6glichen Weinfehler zu erkennen, wird jeder Wein im Bundesamt auch von einer sechsk\u00f6pfigen Jury verkostet. Diese urteilt nat\u00fcrlich blind (was den Produzenten betrifft) und entscheidet per Mehrheitsbeschluss, ob ein Wein typisch f\u00fcr Sorte und Gebiet und fehlerfrei und damit ein Qualit\u00e4tswein ist. Bei einem Unentschieden wird der Wein einer anderen Jury vorgelegt, ohne dass diese das erf\u00e4hrt. Bleibt es dort beim 3:3 gilt der Wein als abgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Um amtlicher Verkoster zu werden, muss man eine entsprechende mehrt\u00e4gige Schulung samt Pr\u00fcfung absolvieren und wird danach entsprechend &#8222;vereidigt&#8220;, d.h. man best\u00e4tigt per Unterschrift objektiv, nach bestem Wissen und Gewissen und nach aktueller Rechtslage zu urteilen. \u00d6sterreichweit sind mehrere hundert Verkoster im Einsatz, je nach Probenaufkommen in einem Rhythmus von mehren Wochen oder Monaten, immer in einer 6er-Gruppe. H\u00e4ufig sind es Weinbauern, aber auch Beamte des Bundesamtes selbst, hin und wieder Journalisten, Fachlehrer oder auch private Weininteressierte. Sie erhalten eine kleine Aufwandsentsch\u00e4digung, die niedrig genug ist, um davon ausgehen zu k\u00f6nnen, dass diese T\u00e4tigkeit niemand wegen des Geldes aus\u00fcbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fallen Laboranalyse und Verkostung positiv aus, erh\u00e4lt der Produzent einen entsprechenden amtlichen Pr\u00fcfnummernbescheid und muss die f\u00fcr den jeweiligen Wein individuell vergebene Nummer auf dem Etikett des Weines anf\u00fchren. Als Qualit\u00e4tswein unterliegt der dann allen damit verbundenen &#8222;Pflichten&#8220; (gepr\u00fcfte Qualit\u00e4t, Hektarh\u00f6chstertrag, nur aus zugelassenen Qualit\u00e4tsweinrebsorten,&#8230;) und hat alle &#8222;Rechte&#8220; (genaue Herkunftsangaben auf dem Etikett bis hin zur Riede, rot-wei\u00df-rote Banderole am Verschluss, Fokussierung der Weinwerbung auf diese Kategorie,&#8230;).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00e4llt ein Wein bei der Pr\u00fcfnummer durch, kann er (theoretisch beliebig oft) erneut eingereicht werden. Die Verwaltungskosten (aktuell je nach Weinart um 100 Euro) m\u00fcssen aber jedes Mal erneut vom Produzenten getragen werden. Die Ablehnungsquote liegt bei rund 5 Prozent und betrifft im sensorischen Bereich h\u00e4ufig die Weinfehler <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=4641\">Brettanomyces<\/a>, <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=4505\">B\u00f6ckser<\/a>, <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=4438\">Oxidation<\/a> und <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=4466\">fl\u00fcchtige S\u00e4ure<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Alternativ zur erneuten Einreichung kann ein abgelehnter Wein in einer niedrigeren Qualit\u00e4tsstufe (d.h. meist als Landwein) vermarktet werden, sofern die diagnostizierten Fehler den Wein nicht als generell verkehrsunf\u00e4hig qualifizieren. Landwein braucht keine staatliche Pr\u00fcfnummer und hat in einigen Bereichen niedrigere Anforderungen. Daf\u00fcr darf seine Herkunft allerdings gem\u00e4\u00df dem bereits oben erw\u00e4hnten Prinzip nur in gr\u00f6\u00dferen Einheiten definiert und angegeben werden. Statt &#8222;Burgenland&#8220; oder &#8222;Nieder\u00f6sterreich&#8220; darf lediglich das letztlich nichtssagende &#8222;Weinland&#8220; auf dem Etikett stehen, von Ortsangaben oder Rieden ganz zu schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bug or Feature?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich ist damit alles klar. Entweder hat die amtliche Jury ein Fehlurteil gef\u00e4llt, oder James Suckling bzw. sein Verkoster Stuart Pigott liegt falsch. Beides kann nat\u00fcrlich passieren, denn niemand ist unfehlbar. Grunds\u00e4tzlich, und beim Weinverkosten sowieso nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt nur die Frage, wer im konkreten Fall daneben liegt. Die von der industriegepr\u00e4gten Schulmeinung geformten Pr\u00fcfnummernkoster, deren Weinbild uniform und wenig fantasievoll ist? Oder der weltgewandte Journalist, firm in den Stilen aller Herren L\u00e4nder? Die in Sachen mikrobiologischer Fehlentwicklungen im Wein bestens ausgebildeten Pr\u00fcfer, die sich in der Regel auch au\u00dferhalb des Bundesamtes f\u00fcr die stilistische Vielfalt des Weines interessieren? Oder der mediale Meinungsmacher, der f\u00fcr und mit seinen Fans gerne Deutungshoheit zelebriert?<\/p>\n\n\n\n<p>Liest man die Kommentare unter den entsprechenden Medienberichten, muss man davon ausgehen, dass die meisten &#8222;Weinfreaks&#8220; ihr Urteil schon zugunsten der 100-Punkte-Bewertung gef\u00e4llt haben. Mit dem entsprechenden Wohlwollen f\u00fcr den Weinkritiker und jener Abwertung f\u00fcr die amtliche Jury, die ich in der ersten Gegen\u00fcberstellung in obigem Absatz andeute.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber wenn beide Recht haben? Oder beide irren? Die Frage mag absurd klingen, trifft aber den Kern der Sache (die zweifellos peinlich ist und kein Ruhmesblatt f\u00fcr das &#8222;strengste Weingesetz der Welt&#8220;) sicher besser, als simples Schwarz-Wei\u00df-Denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beurteilung von Wein ist niemals objektiv. Jeder Mensch empfindet unterschiedlich und selbst bei guter Schulung und professioneller Unterdr\u00fcckung der eigenen Vorlieben bleiben sensorische Wahrnehmungen immer subjektiv. Im besten Fall gelingt es mit viel \u00dcbung die eigenen Empfindungen in einen mehr oder weniger losen allgemeinen Konsens unter den Weininteressierten einzuordnen. So entsteht ein vages gemeinsames Bild von besser und schlechter, das eine Kommunikation \u00fcber Qualit\u00e4t und Geschmack m\u00f6glich macht.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit, so gut m\u00f6gen sie einwenden. Aber im konkreten Fall geht es ja nicht um besser oder schlechter, sondern um grandios oder fehlerhaft, den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Gegensatz also. Und zumindest Weinfehler sind doch wohl eindeutig definierbar!<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnte man meinen. Aber selbst das, was man Weinfehler nennt, beruht auf subjektiven Empfindungen, die sich bestenfalls zu einem br\u00fcchigen Konsens verdichten. Hier zwei Beispiele:<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Wein enth\u00e4lt Essigs\u00e4ure. Sie ist fl\u00fcchtig, d.h. sie verdampft schon bei der Trinktemperatur des Weines und ist deshalb f\u00fcr unseren Geruchssinn wahrnehmbar. Damit ist die Essigs\u00e4ure ein wichtiger Bestandteil jedes Weinaromas, aber es kommt auf die Menge an, ob wir sie als Unterst\u00fctzung der Fruchtaromen positiv wahrnehmen oder als unangenehm nach Essig riechend. Gerade im Grenzbereich, der breiter ist, als man meinen k\u00f6nnte, gibt es immer wieder Weine, die von den einen als besonders vielschichtig und spannend wahrgenommen werden, von den anderen aber als eindimensional stechend. <\/p>\n\n\n\n<p>Das gleiche Ph\u00e4nomen gilt auch f\u00fcr Brettanomyces, jenen Geruch, der an Leder oder Pferdeschwei\u00df erinnert. Verursacht vom gleichnamigen Hefestamm entsteht &#8222;Brett&#8220; w\u00e4hrend der Lagerung insbesondere (aber nicht nur) von Rotweinen, meist (aber nicht nur) im Fass. Streng genommen braucht es (anders als bei der fl\u00fcchtigen S\u00e4ure) keine Stoffwechselprodukte von Brettanomyces-Hefen um hochwertige Weine zu produzieren. Deshalb lehnen manche Verkoster auch schon den kleinsten Hauch von ledrigen Aromen im Wein als fehlerhaft ab. Weil ein gewisses Ma\u00df an &#8222;Brett&#8220; bei der f\u00fcr gro\u00dfe Rotweine typischen langen Fasslagerung nicht immer zu vermeiden ist, hat sich bei vielen Weinliebhabern allerdings eine gewisse Toleranz diesen Aromen gegen\u00fcber entwickelt. Wo aber die Grenze zwischen interessanter Bereicherung der Komplexit\u00e4t durch etwas Leder und der qualit\u00e4tsmindernden Uniformierung durch dominierenden Pferdeschwei\u00df liegt, l\u00e4sst sich nicht objektiv bestimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Extremfall l\u00e4uft es so wie bei einer Verkostung mit mehr als 25 Weinakademikern (also nach internationalen Kriterien ausgebildeten Verkostern), an der ich vor einigen Jahren teilnehmen durfte. Bei einem Wein spaltete sich die Gruppe in zwei ann\u00e4hernd gleich gro\u00dfe Lager. Eines schw\u00e4rmte von einer der besten und spannendsten Verkostungserfahrungen ihres Lebens, das andere hielt den Wein in dieser Form f\u00fcr eigentlich nicht verkehrsf\u00e4hig und verdorben. <\/p>\n\n\n\n<p>Woran liegt das? Abgesehen von unterschiedlichen Empfindungen (manche sind sensibler f\u00fcr bestimmte Geschm\u00e4cker als andere) hat es meiner Meinung nach viel mit der Sozialisation der Weinverkoster zu tun, mit deren Pr\u00e4gungen, den Meinungsbildnern und Weinen, mit denen sie ihre Erfahrung gesammelt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Brettanomyces zum Beispiel ist es so, dass viele Menschen, die die Geschmacksvielfalt von Rotwein mit \u00f6sterreichischen Weinen &#8222;erlernt&#8220; haben viel negativer reagieren, als Personen, die gepr\u00e4gt sind von franz\u00f6sischen und anderen internationalen Weinen oder zumindest deren Aromenspektrum kennengelernt haben. W\u00e4hrend n\u00e4mlich in \u00d6sterreich selbst bei schweren, in Barriques gereiften Weinen aufgrund der Rebsorten, aber auch durch den \u00fcblichen Ausbaustil meist die Fruchtaromen dominieren, leben Weine aus anderen L\u00e4ndern oft eher von ihrer W\u00fcrzigkeit und Reifearomen. In deren Bukett integriert sich ein gewisses Ma\u00df an Ledrigkeit weit besser und ist so weit verbreitet, dass z.B. die Produzenten in Bordeaux Brett-Aromen lange Zeit als Teil ihres Terroir, also ihrer von Boden, Klima, etc. gepr\u00e4gten Herkunftstypizit\u00e4t pr\u00e4sentiert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Besch\u00e4ftigt man sich mit solchen Weinen und \u00fcbernimmt im eigenen Lernprozess Wahrnehmungen und Beurteilungen von entsprechenden Profis, entwickelt man zwangsl\u00e4ufig andere Vorlieben, als wenn man nur Zweigelt und Blaufr\u00e4nkisch trinkt, seien diese auch noch so gut. Das durften wir vor vielen Jahren sehr eindr\u00fccklich erfahren, als eine Journalistin nach der Verkostung einer Serie von vielleicht 15 oder 20 Blaufr\u00e4nkischen unseren Wein besonders lobte. Der w\u00e4re der beste, sagte sie, und ein anderer auch nicht schlecht, w\u00e4hrend sie den Rest mit wenig Wohlwollen beurteilte. Mein Vater und ich sahen das damals (und sehen es auch heute noch) ganz anders, denn unser Blaufr\u00e4nkisch hatte sehr intensive Pferdeschwei\u00df-Aromen, der von ihr zweitgereihte zumindest wahrnehmbares Leder, w\u00e4hrend die von ihr geschm\u00e4hten halt einfach nur mehr oder weniger intensive Blaufr\u00e4nkisch-Aromen aufzuweisen hatten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht nur Erfahrungen mit den Weinstilen und Vorlieben in anderen L\u00e4ndern beeinflussen die Wahrnehmung von Fehlern, sondern auch die Auseinandersetzung mit Weinen besonderer Machart. Das war in den fr\u00fchen 1990er-Jahren mit dem aufkommenden Barrique-Ausbau so und ist aktuell bei der Stilvielfalt der Orange- und Natural-Weine nicht anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Damals wie heute gibt es in der Weinszene Menschen, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden sehr offen sind f\u00fcr neue Weinstile und -geschm\u00e4cker. Weil sie sich als Produzenten von anderen absetzen wollen. Weil sie als Meinungsmacher immer interessiert sind an News. Weil sie als Konsumenten die Abwechslung suchen. In ihrer Bereitschaft sich auf Neues einzulassen empfinden sie Geschm\u00e4cker als spannend, die vom Gewohnten abweichen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dementsprechend offener waren sie damals f\u00fcr Vanille und Raucharomen in Barriqueweinen, dementsprechend h\u00f6her ist ihre Toleranz heute f\u00fcr h\u00f6here Gehalte an fl\u00fcchtiger S\u00e4ure wie sie h\u00e4ufig sind in Orange-Weinen und f\u00fcr mikrobiologische &#8222;Nebenger\u00e4usche&#8220; wie zum Beispiel Brettanomyces oder <a href=\"https:\/\/www.prowein.de\/de\/Media_News\/Magazin\/Alle_Magazin_Artikel\/M%C3%A4useln\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">M\u00e4useln<\/a>, die sich in Naturals h\u00e4ufiger finden als in konventionellen Weinen. Und das was andere B\u00f6ckser nennen und als Verlust von Sortenaroma empfinden, ist f\u00fcr sie nicht selten &#8222;reduktiv&#8220; und eine spannende Bereicherung der Komplexit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Weinwelt kann ein Wein mit messbar erh\u00f6htem Essigs\u00e4uregehalt als grandios empfunden werden, einer mit nachweisbaren Brettanomyces-Aromen als Ausdruck von Komplexit\u00e4t und Herkunftscharakter. Daran ist nichts falsch, genausowenig wie daran, dass im Leben der anderen die gleichen Weine vielleicht als fehlerhaft definiert werden, weil ihre Aromen st\u00e4rker von mikrobiologischen Zuf\u00e4lligkeiten gepr\u00e4gt sind, die als \u00dcberlagerung des &#8222;puren&#8220; Geschmacks von Sorte oder Herkunft empfunden werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gibt es kein besser oder schlechter, kein gut oder b\u00f6se, auch wenn die Diskussion dar\u00fcber gerne in solchen Kategorien gef\u00fchrt wird. Ich versuche es deshalb mit einem (zugegeben etwas platten) Vergleich: Jemand, dessen Geschmackssinn von klassischer europ\u00e4ischer K\u00fcche gepr\u00e4gt ist, wird die Sch\u00e4rfe mancher extremerer Gerichte aus Mexiko oder Indien beim ersten Probieren wahrscheinlich als ungenie\u00dfbar empfinden und sich m\u00f6glicherweise dar\u00fcber wundern, wie man diese Sch\u00e4rfe positiv sehen kann, wo sie doch den vielen guten Zutaten am Gaumen keinen Platz zur Entfaltung l\u00e4sst. Das Essen w\u00e4re f\u00fcr ihn wahrscheinlich um Klassen besser, wenn eine kundige K\u00f6chin mit Handwerkskunst die Sch\u00e4rfe besser dosiert oder ganz weggelassen h\u00e4tte, weil dadurch die anderen Zutaten und Gew\u00fcrze und deren Herkunft viel besser wahrnehmbar w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Umgekehrt allerdings schmecken vermutlich viele europ\u00e4ische Klassiker f\u00fcr einen Chinesen oder Koreaner zwar brav, aber eher uniform und langweilig, weil ihnen gewohnte Ecken und Kanten fehlen. Und sie k\u00f6nnen ihre Herkunft kaum zuordnen, weil f\u00fcr sie gerade die Art der Sch\u00e4rfe den Charakter und die Herkunftstypizit\u00e4t eines Essens ausmacht. Gleichzeitig gibt es nat\u00fcrlich tats\u00e4chlich Gerichte in Europa, die v\u00f6llig banal und ausdruckslos sind. Genauso wie in Indien, China, Mexiko oder sonst wo mitunter v\u00f6llig \u00fcbertriebene Gew\u00fcrzorgien stattfinden, deren Sinn nur darin liegt, den Geschmack von fragw\u00fcrdigen Zutaten zu \u00fcberdecken. Dementsprechend ist nicht alles gut, was scharf ist. Aber eben auch nicht alles schlecht, das mit ungewohnter W\u00fcrzung daherkommt. Nicht alles uniform und banal, was lediglich zart mit ein wenig Salz erg\u00e4nzt wurde. Aber eben auch nicht alles grandioser Purismus, das auf jegliche Nuancen verzichtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie weiter?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Weinfehler sind also letztlich Geschmackssache. Trotzdem pl\u00e4diere ich nicht f\u00fcr eine Abschaffung der amtlichen Verkostung oder gar des gesamten Pr\u00fcfnummernverfahrens. Selbst bei allen Schwierigkeiten hat es schon Sinn, wenn eine offizielle Stelle eine gewisse Form von Mindestqualit\u00e4t sicherstellt, ganz abgesehen davon, dass das im EU-Weinrecht auch vorgesehen ist. Im besten Fall kann das im Interesse sowohl der Produzenten als auch der Konsumenten Vertrauen in das Produkt Wein ebenso herstellen wie auch die Chance, eine gewisse Qualit\u00e4t, aber auch im weitesten Sinn einen gewissen Stil einer Herkunftsregion zuzuordnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit das gelingen kann, m\u00fcssen die Beurteilungskriterien der amtlichen Verkostung dem seit ihrer Gr\u00fcndung vor 40 Jahren doch deutlich ge\u00e4nderten groben Konsens der Weinszene angepasst werden. Aktuell bleibt den amtlichen Verkostern n\u00e4mlich gar nichts anderes \u00fcbrig, als manche Weine abzulehnen, auch wenn sie sie vielleicht &#8222;privat&#8220; sogar als qualitativ wahrnehmen. Ganz banal zum Beispiel d\u00fcrfen Weine die auch nur eine leichte Tr\u00fcbung aufweisen keinen Qualit\u00e4tsweinstatus erhalten, weil das Weingesetz vorschreibt, dass Weine dieses Levels optisch klar sein m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einfach ist das nat\u00fcrlich nicht, denn wenn die amtliche Verkostung einen Sinn haben soll, wird sie auch weiterhin Weine als fehlerhaft oder untypisch ablehnen m\u00fcssen. Der schwierige Spagat zwischen &#8222;eigenwillig, aber positiv&#8220; und &#8222;nicht exaltiert, sondern einfach nur daneben&#8220; bleibt immer bestehen. Mit entsprechend angepassten Kriterien in der Rechtslage und einer Weiterbildung der Verkoster l\u00e4sst sich das aber ganz sicher l\u00f6sen. Nicht schmerzfrei, nicht f\u00fcr jeden befriedigend aber trotzdem um Klassen besser als heute, damit F\u00e4lle wie der aktuelle selten genug werden, um als Kuriosit\u00e4t durchzugehen, aber nicht mehr als Peinlichkeit, die dem ganzen Weinland schadet.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Barriqueausbau ist es vor rund 30 Jahren, 10 Jahre nach Erfindung der Pr\u00fcfnummer, ja auch gelungen. Erst wurden regelgem\u00e4\u00df Weine mit Holzaromen amtlich als fehlerhaft und untypisch abgelehnt, was wie heute zu F\u00e4llen von anerkannten, hochpreisigen Weinen ohne Qualit\u00e4tsweinsiegel gef\u00fchrt hat. Sp\u00e4ter hat man eine eigene Kategorie f\u00fcr sie eingerichtet, in der ihre spezielle Aromatik toleriert wurde und somit positiv beschieden werden konnte. Heutzutage laufen sie ganz regul\u00e4r in der Verkostung durch, weil die Verkoster (und das Weingesetz hinter ihnen) wie auch die Konsumenten gelernt haben, damit umzugehen und auch in diesem Bereich gut von schlecht zu unterscheiden. Also weder alles mit Holztouch unkritisch als positiv zu sehen, aber eben auch nicht alles was nach Fass schmeckt automatisch als fehlerhaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Prozess der Anpassung ist \u00fcbrigens bereits in Gang. Sp\u00e4t, wahrscheinlich zu sp\u00e4t, und nat\u00fcrlich auch nicht reibungslos, aber immerhin. Die aktuell laufende komplette Neugestaltung des \u00f6sterreichischen Weingesetzes bietet auch daf\u00fcr Platz und die Hoffnung auf eine sinnvolle Anpassung der Qualit\u00e4tsweinkriterien an den ver\u00e4nderten groben Konsens was gut und typisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Beraten und entschieden wird das in diversen Gremien der Interessensvertretung und letztendlich im demokratisch gew\u00e4hlten Parlament. So war das \u00fcbrigens auch mit der derzeit g\u00fcltigen Rechtslage, die zum Anlassfall der aktuellen Diskussion gef\u00fchrt hat und die damit ganz sicher kein &#8222;Weinfaschismus&#8220; ist, wie sie Stuart Pigott geschichtsvergessen und den Faschismus verharmlosend in einem Video auf Instagram nennt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Disclaimer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich kenne weder Herrn Pigott noch Herrn Velich oder den aktuellen Wein pers\u00f6nlich und wei\u00df \u00fcber den konkreten Fall nur das, was in den diversen Medienberichten steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin seit vielen Jahren selbst Mitglied der amtlichen Verkosterjury und als solcher alle paar Wochen aktiv. Ob ich zuf\u00e4lligerweise den aktuellen Wein verkostet und falls ja wie ich ihn beurteilt habe kann ich nat\u00fcrlich nicht sagen, da die Koster lediglich Sorte, Jahrgang und Weinbaugebiet erfahren, nicht aber den Produzenten. <\/p>\n\n\n\n<p>Bereits vor einigen Jahren habe ich einen meiner Meinung nach immer noch aktuellen Artikel \u00fcber die Entwicklung von Geschmacksvorlieben in der Weinwelt und die Mechanismen dahinter geschrieben: <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=6955\">Der Verlust der Mitte <\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selten war ein Weinthema so prominent in den heimischen Medien vertreten wie in den letzten Tagen. \u00d6sterreichs gr\u00f6\u00dfte Tageszeitung berichtete ebenso wie der reichweitenst\u00e4rkste Radiosender \u00d63 in seinen st\u00fcndlichen News. Die Hauptnachrichtensendung des ORF, die Zeit im Bild, konnte daran ebenso wenig vorbei wie ORF Burgenland im Fernsehen und via Textmeldung, die Tageszeitungen Kurier und &#8230; <a title=\"Hundert Punkte oder null?\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=8637\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Hundert Punkte oder null?\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":3797,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,9,5,29],"tags":[],"class_list":["post-8637","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-im-glas","category-sonstige-weinberichte","category-in-den-weinmedien","category-weinfehler"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8637","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8637"}],"version-history":[{"count":35,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8637\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8672,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8637\/revisions\/8672"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3797"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8637"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8637"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8637"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}