{"id":7973,"date":"2022-07-26T17:55:52","date_gmt":"2022-07-26T15:55:52","guid":{"rendered":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=7973"},"modified":"2022-07-26T17:55:52","modified_gmt":"2022-07-26T15:55:52","slug":"see-ade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=7973","title":{"rendered":"See ade?"},"content":{"rendered":"\n<p>Der niedrige Wasserstand des Neusiedlersees ist derzeit in aller Munde. Und in Form von oft sehr reisserischen Schlagzeilen auch beinahe t\u00e4glich in den Medien. Wird der See austrocknen? Wer oder was ist daran schuld? Kommen die angek\u00fcndigten Ma\u00dfnahmen zu sp\u00e4t? Und sind sie \u00fcberhaupt \u00f6kologisch vertretbar?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Neusiedlersee ist als Steppensee in einem Trockengebiet mit nur einem kleinen nat\u00fcrlichen Zulauf vom Niederschlag abh\u00e4ngig und weist immer schon einen stark schwankenden Wasserstand auf. Wie das obige Diagramm zeigt, ist sein Niveau (gemessen als Seeh\u00f6he \u00fcber dem Adria-Meeresspiegel) als Folge von mehreren au\u00dfergew\u00f6hnlich trockenen Jahren derzeit auf dem tiefsten Stand seit 1965. (Bildquelle: <a href=\"https:\/\/wasser.bgld.gv.at\/hydrographie\/die-seen\/mittler-wasserstand-neusiedler-see\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wasserportal Burgenland<\/a>)<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Wasserstand-Langzeit.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"400\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Wasserstand-Langzeit.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7985\" srcset=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Wasserstand-Langzeit.jpg 600w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Wasserstand-Langzeit-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><figcaption>Bildquelle: <a href=\"https:\/\/info.bml.gv.at\/themen\/wasser\/wasser-oesterreich\/hydrographie\/chronik-besonderer-ereignisse\/wasserverlagerung-neusiedler-see.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Landwirtschaftsministerium<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Schaut man etwas weiter zur\u00fcck, ist der aktuelle Pegel von rund 115 Metern allerdings nicht ganz so au\u00dfergew\u00f6hnlich, sondern entspricht etwa dem Durchschnitt der 35 Jahre davor. Den gravierenden Unterschied macht die Wasserstandsregulierung ab 1965, die einen insgesamt h\u00f6heren, aber vor allem gleichm\u00e4\u00dfigeren Wasserstand zum Ziel hat. Einerseits, um Sch\u00e4den durch \u00dcberschwemmungen, die es fr\u00fcher immer wieder gab zu vermeiden, andererseits aber auch, um den See wirtschaftlich besser nutzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist der aktuelle Stand also eigentlich ganz normal und nat\u00fcrlich? Nicht ganz, denn in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts wurde \u00fcber den rund um das Jahr 1901 errichteten Einser-Kanal massiv Wasser aus dem See entnommen, und die damaligen Tiefst\u00e4nde waren &#8211; anders als die heutigen &#8211; wohl zumindest zum Teil menschgemacht. (Die aktuellen sind es \u00fcber den von uns verursachten Klimawandel wohl auch, aber nur indirekt und l\u00e4ngerfristig.)<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt ist der See in seiner heutigen Form \u00fcberhaupt sehr stark vom menschlichen Einfluss gepr\u00e4gt. Auch wenn ein gro\u00dfer Teil davon zum Nationalpark erkl\u00e4rt wurde, ist er eher eine Kultur- als eine Naturlandschaft. So war z.B. sein Ufer vor 150 Jahren noch weitgehend schilflos und der f\u00fcr die einzigartige Vogelwelt verantwortliche kilometerbreite Schilfg\u00fcrtel entstand erst nach dem Absinken des (Soda-)Salzgehaltes des Sees durch die massive Wasserentnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Dementsprechend schwierig ist zu beurteilen, ob und wie man den Wasserstand des Sees stabilisieren kann und soll. Eine generelle Ablehnung menschlicher Eingriffe ist angesichts dieser Geschichte schwer zu argumentieren, gleichzeitig sind aber die Sorgen \u00fcber deren Auswirkungen umso mehr berechtigt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0009.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0009-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7988\" srcset=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0009-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0009-300x225.jpg 300w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0009-768x576.jpg 768w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0009-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0009.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Offene Fl\u00e4che im Schilfg\u00fcrtel bei M\u00f6rbisch am 22. Juli 2022<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die aktuellen Pl\u00e4ne, den Wasserstand durch die Zuleitung von Wasser aus einem Seitenarm der Donau in Ungarn zu erh\u00f6hen, sind zweifellos vorwiegend wirtschaftlicher Natur. Auch wenn nur ein Bruchteil der Touristen tats\u00e4chlich zum Schwimmen an den See (und daf\u00fcr sicher nicht an solchen Stellen mitten im Schilfg\u00fcrtel) kommt, sind Bilder wie dieses nat\u00fcrlich keine gute Werbung. Und m\u00f6gliche Einschr\u00e4nkungen des Segel- und Ausflugsbootsverkehrs auf der offenen Wasserfl\u00e4che ebensowenig.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Sicht des Naturschutzes ist eine Wasserzuleitung hingegen nicht nur nicht notwendig, sondern sogar gef\u00e4hrlich. Experten sagen,  dass sie den Salzgehalt des Sees noch weiter absenken w\u00fcrde, was gravierende Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt haben k\u00f6nnte. Dar\u00fcber hinaus w\u00e4re die Zuleitung nat\u00fcrlich sehr teuer, in der Zusammenarbeit mit dem Nachbarland Ungarn schwierig umzusetzen, und es stellt sich die Frage, wie nachhaltig es ist, wenn ein See st\u00e4ndig an einem fremden Tropf h\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re es also besser, die Finger vom See zu lassen und der &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; Entwicklung zu vertrauen? Die Rolle die der See f\u00fcr mich spielt, h\u00e4ngt nicht von seiner Tiefe ab. Wie vor der Errichtung der Seeb\u00e4der in den 1950er-Jahren fast allen und auch heute noch sehr vielen Einheimischen ist auch mir der See vor allem durch seine Pr\u00e4senz wichtig. Ich bin selten am, noch seltener im Wasser, aber ich schaue jeden Tag ungez\u00e4hlte Male mit Freude auf den See.  Er liegt unseren Rieden zu F\u00fc\u00dfen und ist der Beginn der scheinbar unendlichen Weite Richtung Osten. Von jedem Weingarten sieht er anders aus, jeden Tag hat er eine andere Farbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Blickwinkel k\u00f6nnte man recht entspannt auf die aktuelle Situation schauen, ja vielleicht sogar hoffen, dass sie zu einem Umdenken bei der (mancherorts sicher zu) intensiven Nutzung und Verbauung f\u00fchrt. Die immer deutlicher sp\u00fcrbaren Auswirkungen des Klimawandels, die H\u00e4ufung von extrem trockenen und sehr hei\u00dfen Jahren lassen mich aber daran zweifeln, dass wir uns nur auf einem &#8222;normalen&#8220; Tiefpunkt befinden und fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ein paar feuchte Jahre hintereinander den See  wieder f\u00fcllen und das Pendel in die andere Richtung ausschlagen lassen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also tun? Vielleicht doch die Notwendigkeit einer vertr\u00e4glichen Wasserzuleitung angesichts der langen Liste der menschlichen Einfl\u00fcsse auf den See als legitim akzeptieren. Dabei aber keinesfalls auf die mittel- und l\u00e4ngerfristig wirksamen Ma\u00dfnahmen vergessen, ohne die es ganz sicher nicht geht: Die Art und Intensit\u00e4t der Nutzung des Sees \u00fcberdenken, die Entnahme von Grundwasser f\u00fcr die Bew\u00e4sserung der Landwirtschaft \u00f6stlich des Sees hinterfragen und nat\u00fcrlich endlich ernsthafte Ma\u00dfnahmen gegen den menschgemachten Klimawandel setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht einfach und wohl auch unbequem. Aber ich denke Impressionen wie diese w\u00e4ren es wert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0008.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0008-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7990\" srcset=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0008-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0008-300x225.jpg 300w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0008-768x576.jpg 768w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0008-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/IMG-20220722-WA0008.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Neusiedlersee in M\u00f6rbisch, ebenfalls am 22. Juli 2022<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der niedrige Wasserstand des Neusiedlersees ist derzeit in aller Munde. Und in Form von oft sehr reisserischen Schlagzeilen auch beinahe t\u00e4glich in den Medien. Wird der See austrocknen? Wer oder was ist daran schuld? Kommen die angek\u00fcndigten Ma\u00dfnahmen zu sp\u00e4t? Und sind sie \u00fcberhaupt \u00f6kologisch vertretbar? Der Neusiedlersee ist als Steppensee in einem Trockengebiet mit &#8230; <a title=\"See ade?\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=7973\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber See ade?\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":7984,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,8],"tags":[],"class_list":["post-7973","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-das-wetter"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7973","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7973"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7973\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8002,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7973\/revisions\/8002"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/7984"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}