{"id":7188,"date":"2020-06-06T22:11:33","date_gmt":"2020-06-06T20:11:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=7188"},"modified":"2020-06-06T22:56:30","modified_gmt":"2020-06-06T20:56:30","slug":"taenzelnde-leichtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=7188","title":{"rendered":"T\u00e4nzelnde Leichtigkeit"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\"><\/div><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.schnutentunker.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Wein-vom-Expertenbeirat-scaled.jpg?resize=825%2C510&amp;ssl=1\" alt=\"\"\/><figcaption>Foto: Sascha Radke\/Eventpress<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es gibt unter den Weinfreaks im Internet viele, die alles besser wissen. Und manche, die es gerne besser wissen m\u00f6chten. Letztere nehmen auch Erkl\u00e4rungen von der &#8222;falschen&#8220; Seite an, setzen sich damit sachlich auseinander und sind bereit, ihr Weinweltbild zu erweitern. Die Besten  besitzen au\u00dferdem eine Portion Selbstironie die sie davor bewahrt, ihre eigene Sichtweise zu ernst zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Felix Bodmann ist einer von diesen wenigen und ich kenne ihn schon seit der Zeit, als er noch als privater Weinfreund in diversen Weinforen unterwegs war. Mittlerweile ist er eine fixe Gr\u00f6\u00dfe in der Weinwelt. Als &#8222;Schnutentunker&#8220; <a href=\"https:\/\/www.schnutentunker.de\/\">bloggt<\/a> er regelm\u00e4\u00dfig, er betreibt eine <a href=\"https:\/\/www.webweinschule.de\/\">Web-Weinschule<\/a>, schreibt f\u00fcr Weinmagazine, ist Juror bei Weinwettbewerben und macht einen <a href=\"https:\/\/www.schnutentunker.de\/blindflug\/\">Wein-Podcast<\/a> mit dem Titel &#8222;Blindflug&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>In dessen aktueller Ausgabe beschreibt Felix recht sch\u00f6n wie und woher er sein Wissen \u00fcber die Weinherstellung hat und dabei spielt mein Blog auch eine gewisse Rolle (ab 11.40):<\/p>\n\n\n\n<figure><iframe height=\"200\" src=\"https:\/\/www.schnutentunker.de\/wp-content\/plugins\/podlove-web-player\/web-player\/share.html?config=https%3A%2F%2Fwww.schnutentunker.de%2Fwp-json%2Fpodlove-web-player%2Fshortcode%2Fconfig%2Fdefault%2Ftheme%2Fdefault%2Fshow%2Fdefault&amp;episode=https%3A%2F%2Fwww.schnutentunker.de%2Fwp-json%2Fpodlove-web-player%2Fshortcode%2Fpublisher%2F5880\"><\/iframe><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mindestens genauso wie \u00fcber das Lob f\u00fcr meine Texte freue ich mich \u00fcber die Einsch\u00e4tzung meines Cabernet Sauvignon 2005, den ich ihm ausgesucht habe, nachdem er mich um eine Flasche Cabernet f\u00fcr den Podcast gebeten hatte. &#8222;Gerne auch ein nicht aktueller Jahrgang&#8220;, hatte er geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders spannend finde ich die &#8222;t\u00e4nzelnde Leichtigkeit&#8220;, die er darin findet &#8211; ausgerechnet in meinem kr\u00e4ftigsten, am st\u00e4rksten vom Ausbau in Barriques beeinflussten Wein! Die meisten Weinbauern w\u00fcrden sich dar\u00fcber wohl \u00e4rgern oder zumindest den Kopf sch\u00fctteln ob dieser Missachtung der eigenen Anstrengungen, so viel wie m\u00f6glich in die Flasche zu packen. Mich hingegen freut es sehr, dass mein Cabernet mit Leichtigkeit t\u00e4nzelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben, das war nicht immer so. In den Anfangsjahren meiner Kellermeistert\u00e4tigkeit habe ich immer wieder versucht, unsere (Rot-)Weine wuchtiger, \u00fcppiger und spektakul\u00e4rer zu vinifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Zweigelt-Charge die wir auf mein Dr\u00e4ngen hin bewusst nahe an der \u00dcberreife gelesen haben und die einen dementsprechend hohen Alkoholgehalt hatte. Dazu kamen dann zus\u00e4tzlich noch viele der bekannten M\u00f6glichkeiten um den Wein fetter zu machen: Saftabzug von der Maische vor der G\u00e4rung, hohe G\u00e4rtemperatur f\u00fcr besonders intensive Extraktion, neue Barriques aus der s\u00fc\u00dflicher wirkenden amerikanischen Eiche, Enzyme zur Extraktion von f\u00fclleverleihenden Mannoproteinen aus dem Hefedepot, niedriger S\u00e4uregehalt, relativ oxidative Reifung.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende war der Wein dann nicht schlecht, vielleicht ein bisschen \u00fcppiger als die anderen Chargen. Die beabsichtigte fette Wuchtbrumme war er aber bei weitem nicht. Und weil das kein Einzelfall war, habe ich \u00fcber die Jahre lernen m\u00fcssen, damit umzugehen, dass ich offensichtlich kein Talent f\u00fcr dicke Dinger habe. Dass meine Weine meist schlanker wirken, als die vieler Kollegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Leicht war das nicht, denn bis heute landen selbst die besten Weine dieses Stils bei Blindverkostungen, Wettbewerben und in Weinmedien meistens in der Liga &#8222;sehr gut, aber f\u00fcr die absolute Spitze fehlt der letzte Druck&#8220;. F\u00fcr ehrgeizige, aber nicht besonders selbstbewusste und deshalb nach medialer Best\u00e4tigung suchende Nachwuchsweinbauern nicht gerade erbaulich.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich habe ich aber festgestellt, dass gar nicht so wenige Leute gibt, die beim Wein die Eleganz bevorzugen. Denen es mit den \u00fcppigen Hochprozentern so geht wie mir und wie es mein Vater gerne beschreibt: &#8222;Zweifellos ein Spitzenwein, aber zu zweit an einem Abend mit dieser Flasche ist man ein armer Hund.&#8220; (Weil man nach einem Glas satt ist, die Flasche nicht leer wird und man sich nach einem leichten Wei\u00dfwein, einem Gespritzten oder gar einem Bier sehnt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich liegt der Verdacht nahe, dass ich hier argumentiere wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Fuchs_und_die_Trauben\">der Fuchs mit den Trauben<\/a>. Zumindest dass es mir nicht liegt, fette Weine zu keltern ist immerhin empirisch erwiesen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich spielen Boden und Klima eine gewisse Rolle. Die meisten unserer Lagen haben keinen besonders hohen Lehmanteil und in Verbindung mit der Dauerbegr\u00fcnung f\u00fchrt das wohl zu etwas niedrigeren Extraktwerten. Auch an den Sorten kann es liegen, insbesondere daran, dass ich Merlot nicht mag, mit dem sogar ich ziemlich sicher mehr Schmalz in unsere Weine bringen w\u00fcrde. Indiz daf\u00fcr ist ein merlotbetonter Wein, den ich vor ein paar Jahren einem Kollegen aus einem anderen Weinbaugebiet aus seinen Trauben vinifiziert habe. Der war so ganz anders als unsere Sorten obwohl ich vom Presshaus an nichts anders gemacht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Anteil hat aber wohl meine \u00fcber die Jahre gewachsene Weigerung dem Talent unserer Trauben f\u00fcr zarte Weine im Keller  entgegenzuarbeiten. Ich vermeide all zu sp\u00e4te Lese mit \u00dcberreife, fahre bewusst die S\u00e4urewerte nicht tief nach unten, peppe nicht mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gummi_arabicum\">Gummi arabicum<\/a> auf, verwende keinen besonders gro\u00dfen Anteil an neuen Barriques und arbeite reduktiv genug, um Oxidation zu vermeiden, die zwar Weichheit und F\u00fclle bringen kann, aber immer Fruchtaromen kostet.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende steht dann im besten Fall ein Cabernet, der obwohl aus einem h\u00f6chstens durchschnittlichen Jahrgang, nach 15 Jahren mit t\u00e4nzelnder Leichtigkeit dazu animiert, sich selbst bei einer Podcast-Aufnahme schnell noch ein zweites Glas einzuschenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als der Fuchs in der Fabel bleibe ich mit dieser Art von Kompliment nicht nur aus Verlegenheit am Boden, sondern \u00fcberlasse die hoch h\u00e4ngenden Wein-Kraftprotze gerne anderen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt unter den Weinfreaks im Internet viele, die alles besser wissen. 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