{"id":6955,"date":"2018-11-19T07:07:27","date_gmt":"2018-11-19T06:07:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=6955"},"modified":"2018-11-29T07:21:36","modified_gmt":"2018-11-29T06:21:36","slug":"der-verlust-der-mitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=6955","title":{"rendered":"Der Verlust der Mitte"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3797\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Haider-43-komprimiert.jpg\" alt=\"\" width=\"508\" height=\"286\" srcset=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Haider-43-komprimiert.jpg 508w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2011\/04\/Haider-43-komprimiert-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 508px) 100vw, 508px\" \/><\/p>\n<p>Das ist ein Artikel, den ich schon l\u00e4ngere Zeit, eigentlich schon Jahre vor mir herschiebe. Er ist lang, sehr lang, wahrscheinlich nicht immer nachvollziehbar strukturiert und pers\u00f6nlich. Sehr pers\u00f6nlich.<\/p>\n<p>Aber es geht um Wein, immerhin. W\u00fcrde ich zum Plakativen neigen, w\u00e4re die \u00dcberschrift wohl &#8222;Orange&#8220;. Oder &#8222;Naturwein&#8220;. Dabei dreht er sich eigentlich um viel mehr.<\/p>\n<p><strong>Die Weinwelt im Fluss<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn sich die Weinwelt gerne konservativ und traditionell gibt, so war sie doch immer im Wandel. Neue Anbautechniken, neue Sorten, neue Krankheiten und Sch\u00e4dlinge, neue Verarbeitungstechniken und Weinstile hat es immer gegeben. Selbst Traditionshochburgen wie Bordeaux oder Burgund, von denen man meinen k\u00f6nnte, sie stehen seit Jahrhunderten f\u00fcr den gleichen Stil, die gleiche Machart von Wein haben sich immer ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><!--more-->Alkoholerh\u00f6hung durch Anreicherung mit Zucker, sp\u00e4ter durch Mostkonzentration, der vermehrte Einsatz von neuen Eichenf\u00e4ssern, mehr Chardonnay und weniger Aligote und Pinot blanc hier, mehr Merlot und Cabernet Sauvignon und weniger Malbec und Petit Verdot da. Trauben nahe an der \u00dcberreife, niedrigere S\u00e4urewerte, weicheres Tannin, und, und, und.<\/p>\n<p>Vieles davon wurde aktiv betrieben, um auf Umweltherausforderungen zu reagieren oder um mit gewachsener Erfahrung und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen die Qualit\u00e4t zu f\u00f6rdern. Manches allerdings war auch einfach nur eine Reaktion der Produzenten auf ge\u00e4nderte Vorlieben der Konsumenten. Oder derjenigen, die ihre Weine absatzf\u00f6rdernd bewerten.<\/p>\n<p>Ver\u00e4nderung ist der Weinwelt also nicht wesensfremd. Neu ist allerdings ihre Geschwindigkeit und die Radikalit\u00e4t, mit der sie heute manchmal betrieben wird. Erstere kann man wahrscheinlich mit den M\u00f6glichkeiten unserer modernen, digitalisierten Welt erkl\u00e4ren. Letztere l\u00e4sst mich aber immer \u00f6fter ratlos zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Pendelschl\u00e4ge<\/strong><\/p>\n<p>Der Weinskandal von 1985 war eine Z\u00e4sur f\u00fcr den \u00f6sterreichischen Wein, die kaum einen Stein auf dem anderen lie\u00df. Dementsprechend heftig war die Reaktion von Weinbauern und Konsumenten. Da haupts\u00e4chlich s\u00fc\u00dfliche Weine gepantscht wurden, galt quasi \u00fcber Nacht ein trockener, alkoholarmer, m\u00f6glichst s\u00e4urebetonter Weinstil als Garant f\u00fcr unverf\u00e4lschte Weine.<\/p>\n<p>Heute w\u00fcrden wir viele Wei\u00dfe der sp\u00e4ten 80er-Jahre als K\u00f6rperverletzung empfinden, aber damals waren diese Weine aus nicht besonders reifen Trauben mit unharmonisch hoher S\u00e4ure das Nonplusultra.<\/p>\n<p>Nur langsam\u00a0 schwang das Pendel zur\u00fcck in die Mitte, zu einem ausgeglichenen Weinstil mit reifer S\u00e4ure und harmonischem Geschmacksbild. Nicht zuf\u00e4llig entstand genau in jener Zeit die bis heute weitergeschriebene Erz\u00e4hlung vom \u00f6sterreichischen Weinwunder.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich blieb das Pendel nicht in der Mitte stehen. Sein Ausschlag in die andere Richtung, jene mit deutlich h\u00f6herem Alkoholgehalt und ein bisschen Restzucker in fast jedem Wei\u00dfwein ist aber bis heute weit weniger stark, als die unmittelbare Reaktion auf den Skandal. Und wenn man ganz genau hinschaut, sieht man, dass das Pendel, der Weinstil, wohl bald wieder die Richtung wechseln wird.<\/p>\n<p>Langfristig betrachtet dreht sich also eigentlich alles um die Mitte. Die Ausschl\u00e4ge in die eine oder andere Richtung sind letztlich nur Episoden, die\u00a0 helfen das Thema Wein spannend und die Weinbauern beim dem Streben nach immer besserer Qualit\u00e4t in Bewegung zu halten.<\/p>\n<p><strong>Geschichte wiederholt sich nicht<\/strong><\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr ist die Verwendung von neuen Eichenf\u00e4ssern in \u00d6sterreich. Die wurden ab Anfang der 1980er-Jahre erstmals von Weinbauern, die auf der Suche nach einem neuen, besseren (Rot-)Weinstil waren nach \u00d6sterreich geholt und sorgten f\u00fcr gro\u00dfe Diskussionen.<\/p>\n<p>Lange Zeit wurden Barrique-Weine von den einen pauschal als fehlerhaft, als aromatisiert und unharmonisch abgeleht, von den anderen aber ebenso pauschal und unkritisch als internationale Spitzenklasse bejubelt, selbst dann wenn hinter dem Holz nur d\u00fcnne W\u00e4sserchen zu finden waren.<\/p>\n<p>Als klar wurde, dass es sich dabei nicht um eine kurzfristige Modeerscheinung handelt, errichtete man als Kompromiss ein bequemes Zweiklassensystem, das beiden Gruppen die Auseinandersetzung mit der anderen ersparte. Staatliche Pr\u00fcfnummer, Etiketten, Winzer-Weinkarten und Weinwettbewerbe unterschieden sorgf\u00e4ltigst zwischen Barrique- und Nicht-Barique-Weinen.<\/p>\n<p>Lang lie\u00df sich diese Teilung aber nicht aufrecht halten, denn mit steigender Erfahrung der Weinbauern tauchten immer mehr Weine auf, die nicht so einfach zuzuordnen waren. Gehaltvolle Spitzenweine, die nicht nach dem Motto &#8222;Viel hilft viel&#8220; in neuen sondern (auch) in \u00e4lteren Barriques gelagert wurden und das Holz so gut integriert hatten, dass nicht mehr klar zu sagen war, wo der Wein endet und das Holz beginnt. Ambitionierte Alltagsweine, die eine kurze Zeit (auch) in alten Barriques verbracht hatten und nicht mehr nur pur fruchtig daherkamen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich haben Konsumenten und Produzenten gelernt, mit der neuen Geschmacksdimension umzugehen, und heute stellt sich die Frage Barrique oder Nicht-Barrique kaum noch. Es ist Normalit\u00e4t geworden, dass mittelpreisige Weine vom Fassausbau beeinflusst sein k\u00f6nnen und dass es h\u00f6herpreisige Weine fast immer sind. Rechts von dieser Mitte pflegen einzelne Produzenten immer noch ihren holz\u00fcberladenen Stil und sind damit ebenso erfolgreich, wie ihre &#8222;Gegenspieler&#8220; auf der linken Seite, die die Barriques wieder v\u00f6llig aus dem Keller verbannt haben und jetzt auf geschmacksneutrale(re) und gr\u00f6\u00dfere F\u00e4sser schw\u00f6ren.<\/p>\n<p>Man m\u00fcsste die Augen ziemlich fest schlie\u00dfen, um darin nicht eindeutige Parallelen zur heutigen Diskussion um Orange- und Naturweine zu erkennen. Der Drang der einen nach neuen, spannenden Geschmacksaspekten, die Weigerung der anderen sich auf Neues einzulassen. Die Schwierigkeiten des Weingesetzgebers bei staatlicher Pr\u00fcfnummer und Weinbezeichnungssystem darauf zu reagieren. Der nicht selten ma\u00dflos \u00fcbertriebene mediale Hype um die neuen Weinstile und ihre Protagonisten. Der ebenso oft undifferenzierte Spott jener Weinbauern, die nicht bereit sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Pendelschlag der l\u00e4ngerfristig die ganze Branche vorw\u00e4rts bringen wird also, eine gesunde Gegenbewegung zu den vielen sehr technologisch gepr\u00e4gten Weinen der letzten Jahre? Es gibt Aspekte, die diese Vermutung nahelegen. &#8222;Normale&#8220; Wei\u00dfweine, die durch kleine maischevergorene Anteile spannender werden, ohne orange zu sein. Vereinzelte Ans\u00e4tze, den Technologieeinsatz zu reduzieren.<\/p>\n<p>Trotzdem bin ich sehr skeptisch, dass uns die Orange- und Naturweinbewegung wirklich weiterbringt. Zu vieles l\u00e4\u00dft mich vermuten, dass sich die Geschichte nicht wiederholen wird.<\/p>\n<p><strong>Der Verlust der Mitte<\/strong><\/p>\n<p>Als Gegenreaktion auf zunehmend naturferne Praktiken im Weinbau und eine immer technologisiertere Kellerwirtschaft hat die biologische Wirtschaftsweise seit Jahren auch im Weinbau sehr stark Fu\u00df gefasst. Anfangs heftig umstritten profitieren mittlerweile auch viele Nicht-Bio-Produzenten (wie ich) davon und integrieren Bio-Elemente in ihre Produktionsweisen.<\/p>\n<p>Bis hierher folgt der Trend dem bekannten Muster. Die quasi Weiterentwicklung eines Teils der Bio-Szene zur Natur- und Orangeweinfraktion nimmt meiner Meinung nach aber einen anderen Verlauf.<\/p>\n<p>Anders als die ersten Barriquewein-Erzeuger (f\u00fcr bessere, international anerkannte Rotweine) und das Gros der Biowinzer (f\u00fcr umweltschonenderen Weinbau)\u00a0 definieren sich sehr viele Orange-Protagonisten vor allem \u00fcber ihr Dagegensein. Gegen moderne Kellertechnik, gegen die ihrer Meinung nach vorherrschenden eindimensionalen Industrieweine, gegen den ahnungslosen Mainstream.<\/p>\n<p>Zugegeben, manchmal sind es weniger die Produzenten selbst, als die sehr kleine, aber in den (sozialen) Medien sehr pr\u00e4sente und laute Gruppe ihrer Anh\u00e4nger, die diesen Eindruck erwecken. Ich kenne aber wenige Orange-Winzer die sich aktiv dagegen wehren.<\/p>\n<p>Oft wird mit den Argumenten \u00fcbers Ziel geschossen, so getan, als w\u00e4re Naturwein frei von menschlichen Interventionen und jeder andere Wein zwangsl\u00e4ufig ein Kunstprodukt, selbst wenn sein Produzent den allergr\u00f6\u00dften Teil der zugelassenen Behandlungsmittel ablehnt.<\/p>\n<p>Das allein w\u00fcrde mich aber noch nicht so nachdenklich machen, das war wohl auch in der Anfangsphase des Barriqueausbaus so. Wirklich bedenklich ist f\u00fcr mich die Sprache, mit der das passiert, die unvers\u00f6hnliche Radikalit\u00e4t, der Hass, der nicht selten darin sp\u00fcrbar wird. Die Weigerung, den Fortschritt bei allen Irrwegen doch als etwas grunds\u00e4tzlich Positives zu sehen. Die der Naturwissenschaft vorgezogene Esoterik, die an die Zeit vor der Aufkl\u00e4rung erinnert.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist auch die Gegenseite, die technologiegepr\u00e4gten Produzenten und ihre Fans, nicht unschuldig am aufgeheizten Diskussionsklima. Wer sich als Kunstweinproduzent verunglimpfen lassen mu\u00df, obwohl er innerhalb aller gesetzlicher Vorgaben arbeitet, wem jeder Zugang zur Seele des Weines abgesprochen wird, der schie\u00dft genauso \u00fcbertrieben zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Leiden tut darunter die Gespr\u00e4chskultur der ganzen Branche, weil die ausgleichende Mitte in diesen Wortgefechten kaum noch zu Wort kommt. Weinbauern, die in bew\u00e4hrter, sorgf\u00e4ltig abwiegender Praxis Weine mit so wenig Technologie wie m\u00f6glich, aber eben auch so viel wie ihrer fundierten Meinung nach n\u00f6tig keltern. Die weder hypermodern noch retro sind, sondern einfach versuchen in allerbester Tradition ehrliches Handwerk zu betreiben.<\/p>\n<p>F\u00fcr die einen sind ihre Weine altmodisch, nicht fruchtig und viel zu unspektakul\u00e4r. Den anderen sind sie nicht puristisch genug und viel zu kompromissbereit.<\/p>\n<p>Ob diese Entwicklung die ganze Branche langfristig weiterbringt, wage ich zu bezweifeln. Im Moment sehe ich darin in erster Linie eine Profilierung einzelner auf Kosten anderer in einem nicht einfacher werdenden Markt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist ein Artikel, den ich schon l\u00e4ngere Zeit, eigentlich schon Jahre vor mir herschiebe. Er ist lang, sehr lang, wahrscheinlich nicht immer nachvollziehbar strukturiert und pers\u00f6nlich. Sehr pers\u00f6nlich. Aber es geht um Wein, immerhin. W\u00fcrde ich zum Plakativen neigen, w\u00e4re die \u00dcberschrift wohl &#8222;Orange&#8220;. Oder &#8222;Naturwein&#8220;. 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