{"id":66,"date":"2006-09-20T23:14:27","date_gmt":"2006-09-20T21:14:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=66"},"modified":"2006-09-20T23:14:27","modified_gmt":"2006-09-20T21:14:27","slug":"handlese-vs-erntemaschine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=66","title":{"rendered":"Handlese vs. Erntemaschine"},"content":{"rendered":"<p>Wie fast alle \u00f6sterreichischen Spitzenbetriebe ernten auch wir ausschlie\u00dflich von Hand. Das hat mit qualitativen \u00dcberlegungen zu tun, aber sehr viel auch damit, da\u00df es (noch) gen\u00fcgend motivierbare Helfer aus den Nachbarl\u00e4ndern gibt, die praktischerweise an die \u00f6sterreichischen Weinbaugebiete angrenzen.<\/p>\n<p>Die maschinelle Ernte hat ihren schlechten Ruf n\u00e4mlich nicht immer zu Recht. Internationale Beispiele (Bordeaux!, Australien,&#8230;) zeigen, da\u00df maschinell geerntete Weine zumindest bis in den Bereich der qualitativ gesehen oberen Mittelklasse vordringen k\u00f6nnen.<!--more--><\/p>\n<p>Der \u00fcberwiegende Teil der Qualit\u00e4tsprobleme, die bei maschinell geernteten Weinen manchmal zu schmecken sind, oder die ihnen zumindest nachgesagt werden, hat mit dem Vollernter selbst gar nichts zu tun. Die Lesemaschine ist oft nur der S\u00fcndenbock f\u00fcr<\/p>\n<ul>\n<li>ein schlechtes Ernteresultat durch eine nicht auf den Vollerntereinsatz abgestimmte Weingartenanlage (Materialien des Unterst\u00fctzungsger\u00fcstes, Erziehungsform, Weingarten-bearbeitung,&#8230;)<\/li>\n<li>mikrobiologische und oxidative Probleme, die dadurch entstehen, da\u00df die Weiterverarbeitung der Traubenmaische im Pre\u00dfhaus zu langsam erfolgt, da die Verarbeitungskapazit\u00e4t auf die deutlich langsamere Handlese ausgerichtet ist<\/li>\n<li>veraltete und wenig schonende Traubenverarbeitung<\/li>\n<li>unreifes oder ungleich reifes Traubenmaterial (u.a. durch zu hohe Ertr\u00e4ge)<\/li>\n<li>mangelnde Hygiene bei der Lese und in Pre\u00dfhaus und Keller<\/li>\n<li>mangelndes Know-How und nicht an den Jahrgang und die Situation angepa\u00dftes Handeln<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Vorteile der maschinellen Ernte k\u00f6nnen ihre Nachteile in vielen F\u00e4llen durchaus aufwiegen:<\/p>\n<ul>\n<li>Die maschinelle Ernte ist schneller als die Handlese. In kritischen Phasen w\u00e4hrend der Erntezeit (Botrytisdruck, Wetterumschwung,\u00a0Hagel,&#8230;)\u00a0ist die Maschine daher flexibler, zumal es nur eine qualifizierte Arbeitskraft braucht, die im Unterschied zu den meist nur saisonal besch\u00e4ftigten Lesehelfern in der Regel st\u00e4ndig im Betrieb arbeitet (bzw. bei Lohnernte relativ flexibel zur Verf\u00fcgung steht).<\/li>\n<li>Die maschinelle Ernte funktioniert auch nachts f\u00fcr gro\u00dfe Fl\u00e4chen praktikabel, was die Auslastung des Ger\u00e4tes erh\u00f6ht, und qualitative Vorteile bringen kann. In hei\u00dfen Gebieten oder Jahrg\u00e4ngen kann die Wei\u00dfweinernte in die k\u00fchleren Nachtstunden verlegt werden, was einiges an K\u00fchlenergie einspart und die Gefahr von Oxidation und Mikroorganismenwachstum w\u00e4hrend Maischestandzeit und Pressung deutlich verringert. Auch Eiswein profitiert von dieser M\u00f6glichkeit.<\/li>\n<li>Die maschinelle Ernte ist deutlich g\u00fcnstiger als die Handlese, zumindest wenn das Ger\u00e4t im \u00fcberbetrieblichen Einsatz oder bei Lohnunternehmern verwendet wird und eventuell auch f\u00fcr andere Einsatzzwecke als Ger\u00e4tetr\u00e4ger verwendet wird (Pflanzenschutz, Laubschnitt, Entlaubung, Bodenbearbeitung,&#8230;).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Trotzdem ist die Handlese mit einer gut geschulten und motivierten Mannschaft in vielen Bereichen nicht zu ersetzen:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Handlese erm\u00f6glicht die Sortierung der Trauben bei der Ernte, im Extremfall bis hin zum Teilen von Trauben, dem Herauszupfen einzelner Beeren oder das Ernten in mehreren Lesedurchg\u00e4ngen. F\u00fcr Pr\u00e4dikatsweine (au\u00dfer Sp\u00e4tlese und Eiswein) ist die Handlese daher\u00a0vom Weingesetz vorgeschrieben. In Gebieten, die beinahe jedes Jahr mit mehr oder weniger (Edel-)F\u00e4ule zu tun haben, ist das ein entscheidender Qualit\u00e4tsvorteil. Beim Rotwein ist dieser Punkt wichtiger als beim Wei\u00dfwein, der einen kleinen Botrytisanteil oft ohne Qualit\u00e4tseinbu\u00dfen vertr\u00e4gt.<\/li>\n<li>Die Handlese erm\u00f6glicht einen schonenden Transport und eine schonende Weiterverarbeitung der im Idealfall weitgehend unverletzt im Pre\u00dfhaus eintreffenden Trauben. W\u00e4hrend die maschinelle Ernte das Rebeln (sprich: das Entfernen der Stiele und das Aufquetschen der Beeren) im Weingarten durch das Absch\u00fctteln der Beeren vorweg nimmt, hat der Kellermeister bei manuell gelesenen Trauben alle Optionen. Per Ganztraubenpressung kann er besonders feine, elegante Weine erzielen oder Wei\u00dfwein aus Rotweinsorten keltern (z.B. f\u00fcr Schaumweine), er kann die Trauben rebeln und ohne transport- und manipulationsbedingte Standzeiten sofort pressen oder er kann die Trauben rebeln und kontrolliert, wenn notwendig auch gek\u00fchlt als Maische einige Stunden oder Tage zur Auslaugung von Aroma, Extrakt oder Farbe stehen lassen.<\/li>\n<li>Die Handlese ist in (fast) jedem Gel\u00e4nde m\u00f6glich und schont den Boden, da ein Traubentransportwagen deutlich leichter ist, als ein Vollernter. Sie ist daher auch bei nassen Bodenverh\u00e4ltnissen, selbst ohne Begr\u00fcnung, durchf\u00fchrbar, wenn auch erschwert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die heutige Bearbeitung der Weing\u00e4rten\u00a0f\u00fchrt dazu, da\u00df die Handlese weit weniger Zeitaufwand ben\u00f6tigt. Nach dem Ausd\u00fcnnen der Trauben zur Qualit\u00e4tssteigerung verbleiben im Gegensatz zu fr\u00fcher fast nur noch leicht zu erreichende und gut entwickelte Trauben an den Reben. Die exakte Laubarbeit, die allen Bl\u00e4ttern eine optimale Besonnung sichern soll, und das Entbl\u00e4ttern der Traubenzone speziell bei den Rotweinsorten zur Botrytisvorbeugung und zur Verbesserung der Farb- und Tanninreife macht alle Trauben sichtbar und ideal zug\u00e4nglich f\u00fcr die Lesehelfer.<\/p>\n<p>Trotzdem ist die Handlese m\u00fchsam und anstrengend. Nicht zuletzt, weil in den letzten Jahren die Reben wieder deutlich bodenn\u00e4her erzogen werden. Das vergr\u00f6\u00dfert die gut besonnte Blattfl\u00e4che und l\u00e4\u00dft die Trauben von der Abstrahlungsw\u00e4rme des Bodens profitieren, ergonomisch f\u00fcr die Lesehelfer (aber auch beim Rebschnitt) sind 80 cm Stammh\u00f6he oder weniger allerdings nicht.<\/p>\n<p>Mitunter mu\u00df man alle Register der Motivationsk\u00fcnstler ziehen, um auch bei schlechtem Wetter, bei besonders ausgefallenen W\u00fcnschen des Kellermeisters, bei m\u00fchseligst zu sortierenden Trauben oder bei Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen zwischen den Lesehelfern untereinander oder zwischen &#8222;Chef&#8220; und Helfer die gute Stimmung aufrecht zu erhalten. Dabei nicht zu untersch\u00e4tze Hilfsmittel sind der Humor und nat\u00fcrlich die Verpflegung \ud83d\ude09<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie fast alle \u00f6sterreichischen Spitzenbetriebe ernten auch wir ausschlie\u00dflich von Hand. Das hat mit qualitativen \u00dcberlegungen zu tun, aber sehr viel auch damit, da\u00df es (noch) gen\u00fcgend motivierbare Helfer aus den Nachbarl\u00e4ndern gibt, die praktischerweise an die \u00f6sterreichischen Weinbaugebiete angrenzen. Die maschinelle Ernte hat ihren schlechten Ruf n\u00e4mlich nicht immer zu Recht. Internationale Beispiele (Bordeaux!, &#8230; <a title=\"Handlese vs. Erntemaschine\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=66\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Handlese vs. Erntemaschine\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-66","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-weingarten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=66"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/66\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=66"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=66"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=66"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}