{"id":637,"date":"2008-07-30T21:48:28","date_gmt":"2008-07-30T20:48:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=637"},"modified":"2008-07-30T21:48:28","modified_gmt":"2008-07-30T20:48:28","slug":"pedologische-sprachverwirrung-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=637","title":{"rendered":"Pedologische Sprachverwirrung (2)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Ausgangsmaterial<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem wenn es sich um pr\u00e4gnante und kurze Begriffe handelt, wird das Ausgangsmaterial der Bodenbildung in der Weinbranche gerne verwendet, um den Boden, oder gar den Wein zu definieren. <\/p>\n<p>Wer kennt sie nicht, die &#8222;Schieferb\u00f6den&#8220;, &#8222;L\u00f6ssb\u00f6den&#8220;, &#8222;Kalkb\u00f6den&#8220; und (nicht nur verk\u00fcrzt, sondern noch dazu ohne jeglichen geologischen Hintergrund) &#8222;Urgesteinsb\u00f6den&#8220;?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es enorm wichtig, woraus sich ein Boden entwickelt hat. Aber eine Bodenbeschreibung ohne eine Definition der n\u00e4heren Umst\u00e4nde dieser Entwicklung und ohne genaue Darstellung des Endproduktes beleuchtet nur einen relativ kleinen Teil der f\u00fcr den Weinbau relevanten Aspekte und hat daher nur eine relativ geringe Aussagekraft.<\/p>\n<p><strong>N\u00e4hrstoffe und pH-Wert<\/strong><\/p>\n<p>Ein Faktor den das Ausgangsmaterial der Bodenbildung festlegt, ist der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Boden-pH\">pH-Wert des Bodens<\/a> bzw. sein <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kalkhaltiger_Boden\">Kalkgehalt<\/a>. <\/p>\n<p>Kalzium ist selbst zwar auch ein (Neben)N\u00e4hrstoff f\u00fcr die Pflanzen, wirklich interessant ist der Kalk aber vor allem deshalb, weil die (Haupt-)N\u00e4hrstoffe und Spurenelemente je nachdem ob und wie sauer oder alkalisch ein Boden reagiert besser oder schlechter f\u00fcr die Pflanzen verf\u00fcgbar sind. <!--more--><\/p>\n<p>Obwohl die Weinreben wie die meisten Pflanzen einen neutralen oder leicht sauren Boden bevorzugen, wird auch auf sehr kalkhaltigen (und damit alkalischen) B\u00f6den erfolgreich Weinbau betrieben. Manchen Sorten wird sogar (mehr oder weniger gut wissenschaftlich oder empirisch belegt) nachgesagt, auf kalkh\u00e4ltigen B\u00f6den ihre besten Resultate zu erbringen.<\/p>\n<p>So gelten die &#8222;Burgundersorten&#8220; Chardonnay, Pinot blanc, Pinot gris und Pinot noir als besonders kalkbed\u00fcrftig, w\u00e4hrend Riesling oder Syrah angeblich nicht besonders gut auf Kalk reagieren. Und Muskat Ottonel soll \u00fcberhaupt v\u00f6llig kalkunvertr\u00e4glich sein.<\/p>\n<p>Warum er (nicht nur) bei uns trotzdem auf B\u00f6den mit hohem pH-Wert gut gedeiht (und warum solche Einsch\u00e4tzungen zwar nicht v\u00f6llig falsch, aber doch mit Vorsicht zu genie\u00dfen sind) hat mehrere Gr\u00fcnde. <\/p>\n<p>Zum einen ist Kalk nicht gleich Kalk, denn f\u00fcr die Rebe wirklich interessant ist nur der sogenannte &#8222;Aktivkalk&#8220;. Das sind jene Kalkteilchen, die klein genug sind, um von den Wurzeln tats\u00e4chlich aufgenommen werden zu k\u00f6nnen. Und zum anderen spielt die Auswahl der Unterlagsrebe bzw. deren Kalkvertr\u00e4glichkeit eine gro\u00dfe Rolle. <\/p>\n<p>Ganz abgesehen davon, dass es kaum m\u00f6glich ist, unterschiedliche Kalkgehalte im Boden bzw. deren Auswirkungen auf den Wein ganz isoliert ohne andere Einflu\u00dffaktoren zu betrachten. Und dass sich bei solchen und \u00e4hnlichen Weinvergleichen oft zwar ein stilistischer, aber nicht unbedingt ein qualitativer Unterschied feststellen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Neben dem pH-Wert beeinflu\u00dft das Ausgangsmaterial auch den N\u00e4hrstoffgehalt eines Bodens. Manche Materialien verwittern leichter und\/oder stellen den Planzenwurzeln mehr N\u00e4hrstoffe zur Verf\u00fcgung als andere. <\/p>\n<p>Da aber die allermeisten weinbaulich relevanten B\u00f6den in Europa schon seit Jahrhunderten intensiv landwirtschaftlich genutzt werden, hat deren heutiger N\u00e4hrstoffgehalt meist nur sehr wenig mit der Verwitterung des Ausgangsmaterials zu tun. D\u00fcngung, Fruchtwechsel, Erosion und Ausschwemmung ins Grundwasser \u00fcber einen derart langen Zeitraum haben die Unterschiede l\u00e4ngst verwischt.<\/p>\n<p><strong>Durchwurzelbare Tiefe und Bearbeitbarkeit<\/strong><\/p>\n<p>Wie tief die Rebwurzeln in den Boden eindringen k\u00f6nnen, h\u00e4ngt wesentlich vom Ausgangsmaterial der Bodenbildung ab. Beissen die Wurzeln nach einem halben Meter auf Granit, oder wartet unter dem humosen Oberboden eine meterdicke <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/L%C3%B6ss\">L\u00f6ss<\/a>anh\u00e4ufung, die leicht zu durchdringen ist?<\/p>\n<p>Theoretisch k\u00f6nnen Rebwurzeln mehrere Meter tief in den Boden wachsen. Ob sie das tats\u00e4chlich auch tun, h\u00e4ngt aber nicht nur von den Hindernissen auf ihrem Weg nach unten ab, sondern auch davon, ob es sich f\u00fcr die Rebe \u00fcberhaupt lohnt. <\/p>\n<p>B\u00f6den auf sehr sandigem Untergrund setzen den Wurzeln zum Beispiel zwar wenig Widerstand entgegen, aber da sie auch in tieferen Schichten selten eine gute Wasserversorgung bieten, wurzeln die Reben darin trotzdem meist eher breit als tief. Davon abgesehen spielt nat\u00fcrlich auch die Unterlagsrebe, die Pflanzdichte und das Alter der Reben eine Rolle.<\/p>\n<p>Wenn Sie also in ein und derselben Beschreibung sowohl von <em>kargen Urgesteinsb\u00f6den<\/em> als auch von <em>besonders tief wurzelnden Reben<\/em> lesen, sollten Sie das nicht all zu ernst nehmen, sondern eher als eine (sich eigentlich widersprechende) Anh\u00e4ufung von f\u00fcr den Laien gut klingenden Allgemeinpl\u00e4tzen betrachten.<\/p>\n<p>Tiefgr\u00fcndigkeit und Steinanteil sind aber nicht nur f\u00fcr die Pflanzen von Bedeutung, sondern auch f\u00fcr den Menschen, der Pflanzen und Boden bearbeitet und pflegt. Ob und mit welchem Aufwand und Materialverschlei\u00df ein Boden h\u00e4ndisch oder maschinell gelockert werden kann, h\u00e4ngt stark davon ab, aus welchem Ausgangsmaterial er entstanden ist.<\/p>\n<p>Wie beim Kalk- und N\u00e4hrstoffgehalt ist aber auch in diesem Fall der jahrhundertelange menschliche Einflu\u00df enorm gro\u00df. Generationenlang wurden in Weingartenparzellen Steine gesammelt und abtransportiert sowie die Erosion gef\u00f6rdert und\/oder deren Auswirkungen wieder repariert. <\/p>\n<p>Der Steinanteil an der Oberfl\u00e4che ist daher nicht unbedingt ein Indiz daf\u00fcr, wie es einen halben Meter darunter aussieht.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=626\">Hier<\/a> geht\u00b4s zu Teil 1 mit den Links zu allen Beitr\u00e4gen dieser Serie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ausgangsmaterial Vor allem wenn es sich um pr\u00e4gnante und kurze Begriffe handelt, wird das Ausgangsmaterial der Bodenbildung in der Weinbranche gerne verwendet, um den Boden, oder gar den Wein zu definieren. Wer kennt sie nicht, die &#8222;Schieferb\u00f6den&#8220;, &#8222;L\u00f6ssb\u00f6den&#8220;, &#8222;Kalkb\u00f6den&#8220; und (nicht nur verk\u00fcrzt, sondern noch dazu ohne jeglichen geologischen Hintergrund) &#8222;Urgesteinsb\u00f6den&#8220;? 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