{"id":612,"date":"2008-07-13T22:15:04","date_gmt":"2008-07-13T21:15:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=612"},"modified":"2008-07-13T22:42:15","modified_gmt":"2008-07-13T21:42:15","slug":"weinbauzeitgeschichte-einmal-anders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=612","title":{"rendered":"Weinbauzeitgeschichte einmal anders"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2008\/07\/junge-reben-bearbeitet.jpg' alt='Wei\u00dfburgunder-Junganlage 2003' \/><\/p>\n<p>Der Weinbau im Burgenland hat sich in den letzten 40 Jahren dramatisch ver\u00e4ndert, und dieser Wandel l\u00e4\u00dft sich an vielerlei Dingen ablesen. <\/p>\n<p>Die Rotweinqualit\u00e4t und -stilistik hat sich dramatisch verbessert und\/oder ver\u00e4ndert und auch die Wei\u00dfweine schmecken heute deutlich anders, als vor ein, zwei oder drei Jahrzehnten. Aussehen, Ausr\u00fcstung und Gr\u00f6\u00dfe der Keller sind ebenso modernisiert wie Etiketten und Vermarktung. Und im Weingarten werden heute andere Erziehungsformen und Pflanzabst\u00e4nde favorisiert, und nat\u00fcrlich zum Teil auch andere Rebsorten. <\/p>\n<p>Weil ein Weingartenleben meist l\u00e4nger w\u00e4hrt, als eine Modewelle, ist es nat\u00fcrlich nicht zielf\u00fchrend, bei der Auspflanzung von Weing\u00e4rten ausschlie\u00dflich auf Modesorten zu setzen. Neue Trends vollst\u00e4ndig zu ignorieren kann aber auch gef\u00e4hrlich sein, nicht zuletzt deshalb, weil sich im vorhinein kaum beurteilen l\u00e4\u00dft, ob eine Mode von heute nicht zum Grundstein der Tradition von morgen wird.<\/p>\n<p>Boden und Klima machen es im Burgenland m\u00f6glich, eine breite Palette von Weinsorten und -stilen zu keltern, und die durch die Erbteilung bedingten kleinstrukturierten Parzellen f\u00fchrt dazu, dass in mittleren und gr\u00f6\u00dferen Betrieben beinahe j\u00e4hrlich Neuauspflanzungen stattfinden. <\/p>\n<p>Dazu kommt, dass sich in unserer Region historisch bedingt (armes, kleinstrukturiertes Grenzland, dessen Entwicklung immer wieder von kriegerischen Ereignissen zur\u00fcckgeworfen wurde,&#8230;) kein auch nur halbwegs kontinuierlicher Weinstil \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum entwickeln konnte (S\u00fc\u00dfweine ansatzweise ausgenommen) und die Auspflanzungen deshalb wahrscheinlich st\u00e4rker als in anderen Gebieten die Entwicklungen des Weinmarktes widerspiegeln.<\/p>\n<p>Die Aufstellung der in unserem Weingut in den letzten 40 Jahren ausgepflanzten Sorten ist also auch eine M\u00f6glichkeit, die Weinbauzeitgeschichte zu dokumentieren (auch wenn die ersten Jahre nicht ganz vollst\u00e4ndig sind und ich die sehr unterschiedlichen Fl\u00e4chenausma\u00dfe zwischen 400 und 8000 Quadratmetern pro Sorte bzw. Parzelle weggelassen habe).<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Das Mengenwachstum der 70er-Jahre<\/strong><\/p>\n<p>Die 1970er-Jahre waren die Zeit des Aufschwunges. In \u00d6sterreich herrschte Weinmangel und alle Prognosen deuteten auf einen weiterhin stark steigenden Pro-Kopf-Verbrauch hin. Um diese Nachfrage decken zu k\u00f6nnen, wurde die Weingartenfl\u00e4che in Nieder\u00f6sterreich und dem Burgenland stark ausgeweitet, und reichtragende Sorten wurden forciert.<\/p>\n<p>Hauptprofiteur dieser Entwicklung war der Gr\u00fcne Veltliner, in unserem Betrieb daneben aber auch der Welschriesling, der bei uns wie <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=240\">hier<\/a> beschrieben jahrzehntelang einen sehr gro\u00dfen Stellenwert hatte. Auch der Zweigelt hielt Einzug in unsere Rieden, wie aber auch die bis dahin einzige Rotweinsorte Blaufr\u00e4nkisch in einem eher bescheidenen Ausma\u00df.<\/p>\n<p>Was den potentiellen Ertrag betrifft, pa\u00dft der M\u00fcller Thurgau auch recht gut in diese Zeit. Wie sich aber im Nachhinein gezeigt hat, war der Boom der aromatischen Rebsorten damals schon \u00fcber dem H\u00f6hepunkt. <\/p>\n<p><strong>Die Zeit der Umstellung<\/strong><\/p>\n<p>1981 fand die Rebfl\u00e4chenausweitung mit einem &#8222;Waffenstillstandsvertrag&#8220; zwischen den Bundesl\u00e4ndern Nieder\u00f6sterreich und Burgenland ein Ende. Die Trauben- und Fa\u00dfweinpreise verfielen zusehends und sp\u00e4testens mit der Rekordernte von 1982 (die doppelt so hoch war, wie eine heutige Durchschnittsernte) wurde heimischer Wein von einem Mangel- zu einem \u00dcberschu\u00dfprodukt.<\/p>\n<p>Waren die Auspflanzungen am Anfang des Jahrzehnts noch eher konservativ an bew\u00e4hrten, zum damaligen Zeitpunkt trotz aller Wirrnisse gut vermarktbaren Sorten orientiert, zeigen die Auspflanzungen der letzten 80er-Jahre die Aufbruchstimmung nach dem Weinskandal: Mit den internationalen Modesorten Chardonnay und Cabernet Sauvignon hielten zwei neue Sorten Einzug in unsere Rieden.<\/p>\n<p><strong>Der Rotweinboom der 90er<\/strong><\/p>\n<p>Dem allgemeinen Konsumtrend folgend (und dem Potential unserer Region Rechnung tragend) wurde 1993 unser gr\u00f6\u00dfter Weingarten mit Blaufr\u00e4nkisch bestockt. 1998 bis 2003 folgten bedeutende Fl\u00e4chen mit Zweigelt und erg\u00e4nzende Pflanzungen mit Cabernet Sauvignon und Blaufr\u00e4nkisch. Der Rotweinanteil stieg auf seinen H\u00f6chststand von rund 55 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie in den 70ern.<\/p>\n<p>Diese Umstellung erforderte auch einige Investitionen im Keller, da sich die <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?cat=12\">Weinbereitung der Rotweine<\/a> und die daf\u00fcr notwendige Ausstattung doch deutlich von der <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?cat=11\">Herstellung der Wei\u00dfen<\/a> unterscheidet.<\/p>\n<p>Anders als viele Kollegen (und manche Weinbaupolitiker) sind wir der Rotweineuphorie aber nicht v\u00f6llig erlegen, sondern haben auch in dieser Zeit eine Zukunft f\u00fcr den Wei\u00dfwein im Burgenland gesehen. Die Auspflanzungen von Gr\u00fcnem Veltliner, Wei\u00dfburgunder und Traminer zeugen davon.<\/p>\n<p><strong>Quo vadis?<\/strong><\/p>\n<p>Jeder Boom hat irgendwann ein Ende und wird von einem neuen, alten Trend abgel\u00f6st. Neben den Rotweinen stehen heute die aromatischen Wei\u00dfweine wieder so hoch im Kurs wie zuletzt in vor rund 40 Jahren. Nach 31 Jahren stand daher 2006 erstmals wieder Muskat Ottonel auf dem Programm und auch f\u00fcr 2009 ist eine weiter gro\u00dfe Fl\u00e4che geplant, weil unsere beiden alten kleinen Muskat-Weing\u00e4rten schon reif f\u00fcr die Rodung sind.<\/p>\n<p>Alles beim Alten also? Nicht ganz, wenn man etwas genauer hinschaut. Trend hin, Boom her, seit Anfang der 90er-Jahre konzentrieren sich unsere Auspflanzungen auf relativ wenige bodenst\u00e4ndige Sorten: Gr\u00fcner Veltliner, Wei\u00dfburgunder, Muskat Ottonel und Traminer in wei\u00df und Blaufr\u00e4nkisch und Zweigelt in rot. S\u00e4mling 88\/Scheurebe, M\u00fcller Thurgau, Bouvier, Neuburger und Welschriesling sind aus unseren Weing\u00e4rten verschwunden oder werden dies mittelfristig tun.<\/p>\n<p>Die beiden Modesorten Chardonnay und Cabernet Sauvignon sind l\u00e4ngst zu Klassikern unseres Betriebes geworden, und wie die Fl\u00e4chenausweitungen \u00fcber zehn und mehr Jahre zeigen sind sie \u00fcber den Modestatus l\u00e4ngst hinaus.<\/p>\n<p>Trotz dieser positiven Erfahrungen haben wir seit Anfang der 90er bewu\u00dft auf weitere &#8222;neue&#8220; Sorten verzichtet und unsere Vielfalt etwas reduziert. Aber auch wenn es derzeit keine konkreten Pl\u00e4ne gibt, ist es nicht ausgeschlossen, dass wir irgendwann wieder eine neue (alte) Sorte ins Programm aufnehmen. <\/p>\n<p>Potentielle Kandidaten gibt es ja genug: Sauvignon blanc, Riesling, Muskateller, Grauburgunder, Auxerrois, Aligote, Silberwei\u00df, Merlot, St. Laurent, Pinot noir, Syrah,&#8230;. <\/p>\n<p><strong>Die Grenzhof-Auspflanzungen seit 1968<\/strong><\/p>\n<p>Einige der seit 1968 gepflanzten Weing\u00e4rten wurden bereits wieder gerodet und zum Teil erneut bepflanzt. Die Rodung erfolgte zum Teil aus Altersgr\u00fcnden (d.h. einem unwirtschaftlichen Wachstum\/Gesundheitszustand) und zum Teil wegen der ausgepflanzten Rebsorte und\/oder Erziehungsform. <\/p>\n<p>In einigen j\u00fcngeren F\u00e4llen handelt es sich um seenahe Parzellen, die wir aus qualitativen und \u00f6kologischen Gr\u00fcnden gerodet und nicht wieder bepflanzt haben.<\/p>\n<blockquote><p><strong>1968<\/strong><br \/>\nWelschriesling (gerodet)<br \/>\nWelschriesling<\/p>\n<p><strong>1970<\/strong><br \/>\nGr\u00fcner Veltliner (gerodet)<\/p>\n<p><strong>1971<\/strong><br \/>\nZweigelt<br \/>\nGr\u00fcner Veltliner (gerodet)<\/p>\n<p><strong>1972<\/strong><br \/>\nGr\u00fcner Veltliner (gerodet)<br \/>\nWei\u00dfburgunder (gerodet)<\/p>\n<p><strong>1973<\/strong><br \/>\nZweigelt (gerodet)<br \/>\nM\u00fcller Thurgau (gerodet)<br \/>\nGr\u00fcner Veltliner (gerodet)<br \/>\nMuskat Ottonel<\/p>\n<p><strong>1974<\/strong><br \/>\nBlaufr\u00e4nkisch (gerodet)<br \/>\nWelschriesling (gerodet)<\/p>\n<p><strong>1975<\/strong><br \/>\nWelschriesling (gerodet)<br \/>\nWelschriesling<br \/>\nMuskat Ottonel<\/p>\n<p><strong>1976<\/strong><br \/>\nGr\u00fcner Veltliner<\/p>\n<p><strong>1977<\/strong><br \/>\nWei\u00dfburgunder<\/p>\n<p><strong>1978<\/strong><br \/>\nBouvier (gerodet)<br \/>\nNeuburger (gerodet)<br \/>\nM\u00fcller Thurgau (gerodet)<\/p>\n<p><strong>1980<\/strong><br \/>\nTraminer (gerodet)<br \/>\nGr\u00fcner Veltliner (gerodet)<\/p>\n<p><strong>1981<\/strong><br \/>\nWelschriesling<\/p>\n<p><strong>1982<\/strong><br \/>\nWelschriesling<\/p>\n<p><strong>1983<\/strong><br \/>\nZweigelt (gerodet)<br \/>\nBlaufr\u00e4nkisch (gerodet)<\/p>\n<p><strong>1985<\/strong><br \/>\nWelschriesling (Grundst\u00fcck vertauscht)<br \/>\nNeuburger<\/p>\n<p><strong>1986<\/strong><br \/>\nWelschriesling (gerodet)<\/p>\n<p><strong>1987<\/strong><br \/>\nBlaufr\u00e4nkisch<\/p>\n<p><strong>1988<\/strong><br \/>\nZweigelt<\/p>\n<p><strong>1989<\/strong><br \/>\nChardonnay<\/p>\n<p><strong>1990<\/strong><br \/>\nCabernet Sauvignon<\/p>\n<p><strong>1991<\/strong><br \/>\nWelschriesling<\/p>\n<p><strong>1992<\/strong><br \/>\nBouvier (gerodet)<br \/>\nCabernet Sauvignon<br \/>\nWei\u00dfburgunder<\/p>\n<p><strong>1993<\/strong><br \/>\nBlaufr\u00e4nkisch<\/p>\n<p><strong>1994<\/strong><br \/>\nTraminer<\/p>\n<p><strong>1997<\/strong><br \/>\nWei\u00dfburgunder<\/p>\n<p><strong>1998<\/strong><br \/>\nZweigelt<\/p>\n<p><strong>1999<\/strong><br \/>\nZweigelt<br \/>\nBlaufr\u00e4nkisch<br \/>\nCabernet Sauvignon<br \/>\nGr\u00fcner Veltliner<\/p>\n<p><strong>2000<\/strong><br \/>\nBlaufr\u00e4nkisch<\/p>\n<p><strong>2001<\/strong><br \/>\nZweigelt<\/p>\n<p><strong>2003<\/strong><br \/>\nZweigelt<br \/>\nBlaufr\u00e4nkisch<br \/>\nWei\u00dfburgunder<\/p>\n<p><strong>2006<\/strong><br \/>\nMuskat Ottonel<\/p>\n<p><strong>2009<\/strong><br \/>\nChardonnay<br \/>\nMuskat Ottonel<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Weinbau im Burgenland hat sich in den letzten 40 Jahren dramatisch ver\u00e4ndert, und dieser Wandel l\u00e4\u00dft sich an vielerlei Dingen ablesen. 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