{"id":593,"date":"2008-06-10T21:16:24","date_gmt":"2008-06-10T20:16:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=593"},"modified":"2008-06-13T11:18:59","modified_gmt":"2008-06-13T10:18:59","slug":"weinrallye-nr-12-in-gottes-namen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=593","title":{"rendered":"Weinrallye Nr. 12: In Gottes Namen"},"content":{"rendered":"<p><img src='https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2007\/07\/weinrallye-logo-gros-mit-text.thumbnail.jpg' alt='Weinrallye' \/><\/p>\n<p>Heute ist wieder Weinrallye-Tag. Bereits zum 12. Mal sind alle deutschsprachigen Genussblogs eingeladen, sich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen und heute dar\u00fcber zu bloggen. Nach zahlreichen Etappen mit und ohne meine Beteiligung wurde diesmal das <a href=\"http:\/\/winzerblog.de\/weinrallye-12-in-gottes-namen-1371\/\">Thema<\/a> wieder vom Weinrallye-Erfinder <a href=\"http:\/\/winzerblog.de\/\">Thomas Lippert<\/a> vorgegeben, der <a href=\"http:\/\/winzerblog.de\/weinrallye-12-zusammenfassung-1548\/\">hier<\/a> auch eine Zusammenfassung aller Beitr\u00e4ge ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p>Seiner Vorstellung nach soll es darin um Weine gehen, die einen kirchlichen Background haben. Mir sind dazu nach der Ver\u00f6ffentlichung des Themas <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=578\">hier<\/a> zwar schon spontan ein paar Gedanken gekommen, aber f\u00fcr einen Weinrallye-Beitrag erscheinen mir diese Geschichten doch etwa zu abwegig. (Auch wenn mir Thomas pers\u00f6nlich via Kommentar gr\u00fcnes Licht gegeben h\u00e4tte.)<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich soll bei der Weinrallye der Saft der Reben im Mittelpunkt stehen, und nicht die eine oder andere Geschichte drumherum. Um aber den kirchlichen Bezug des von mir f\u00fcr die Weinrallye ausgew\u00e4hlten Getr\u00e4nkes zu erkl\u00e4ren, mu\u00df ich ein bi\u00dfchen ausholen und einen kleinen kirchenhistorischen Exkurs wagen: <!--more--><\/p>\n<p><strong>Protestantische Enklaven<\/strong><\/p>\n<p>\u00d6sterreich gilt gemeinhin als &#8222;katholisches&#8220; Land, und so ist es wenig verwunderlich, dass die evangelische Minderheitskirche mit ihren f\u00fcnf Prozent der Bev\u00f6lkerung manchem v\u00f6llig verborgen bleibt. Im Burgenland ist der Anteil der Protestanten besonders gro\u00df, was unter anderem daran liegt, dass das heutige Burgenland zur ungarischen Reichsh\u00e4lfte der K.u.k-Doppelmonarchie geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Aber auch wenn in Ungarn die Gegenreformation nicht ganz so vehement betrieben wurde, wie im alten \u00d6sterreich, konnten meine Vorfahren den Protestantismus \u00fcber 100 Jahre lang nur im Geheimen zelebrieren, bis <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joseph_II._%28HRR%29\">Joseph der Zweite<\/a> den Evangelischen in seinem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Toleranzpatent\">Toleranzpatent<\/a> 1781 eingeschr\u00e4nkte Rechte zugestand.<\/p>\n<p>Lokale historische Besonderheiten haben dazu gef\u00fchrt, dass einige gro\u00dfe burgenl\u00e4ndische Weinbaugemeinden bis heute mehrheitlich evangelisch, oder die Protestanten zumindest deutlich \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind. Das trifft besonders auf <a href=\"http:\/\/www.gols.at\/\">Gols<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.moerbischamsee.at\/\">M\u00f6rbisch<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.lutzmannsburg.info\/\">Lutzmannsburg<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.rust.at\/\">Rust<\/a> zu.<\/p>\n<p><strong>Kinderoffenes Abendmahl<\/strong><\/p>\n<p>Die evangelische Kirche hat einige Besonderheiten, die sie doch deutlich von der katholischen (und anderen) unterscheidet. Sie stellt die Bibel st\u00e4rker in den Mittelpunkt ihrer \u00dcberlegungen, was dazu f\u00fchrt, dass sie weniger an kirchlichen Traditionen festh\u00e4lt, sondern laufend versucht, die Bibel zeitgem\u00e4\u00df zu interpretieren.<\/p>\n<p>Um die 2000 Jahre alten &#8222;Prinzipien&#8220; der Bibel in der heutigen Zeit sinngem\u00e4\u00df anwenden zu k\u00f6nnen, braucht es nicht nur eine fundierte theologische und historische Aufbereitung, sondern auch einen breiten Konsens in der Kirchengemeinde. Deshalb sind die entsprechenden Diskussionsprozesse demokratisch organisiert und die Entscheidungen in Grundsatzfragen werden von gew\u00e4hlten Theologen und Laien getroffen.<\/p>\n<p>Im Jahr 2005 haben sich diese Gremien der <a href=\"http:\/\/www.evang.at\/\">Evangelischen Kirche in \u00d6sterreich<\/a> nach Abw\u00e4gen aller <a href=\"http:\/\/www.innsbruck-christuskirche.at\/kinderabendmahl.htm\">F\u00fcr und Wider<\/a> dazu <a href=\"http:\/\/evangelisch.ainet.at\/kiab_f.htm\">entschlossen<\/a>, das Abendmahl k\u00fcnftig &#8222;kinderoffen&#8220;, d.h. nicht nur unter Erwachsenen zu feiern.<\/p>\n<p>Abgesehen von der theologischen Uminterpretation dieses Sakramentes bedeutet das, ganz praktisch gesehen, das Ende des Weines in der evangelischen Kirchenliturgie, dessen Rolle aber ohnehin nie mit dem katholischen Messwein zu vergleichen war. <\/p>\n<p>Weder gab es f\u00fcr den protestantischen Abendmahlswein besondere (Produktions-)Vorschriften, noch blieb er exklusiv dem Pfarrer vorbehalten und anders als die katholische Theologie, die im Abendmahl den Wein tats\u00e4chlich in das Blut Christi verwandelt sieht, symbolisiert er in der evangelischen Kirche lediglich die Verbundenheit mit Jesus (wenn ich das alles richtig verstanden habe).<\/p>\n<p>Weil es also bei uns Protestanten beim Abendmahl f\u00fcr alle einen Schluck zu trinken gibt, sind wir vor allem wegen der Kinder 2005 \u00fcberwiegend auf den Traubensaft ausgewichen, der in der Lage ist, die theologische Symbolik alkoholfrei zu transportieren.<\/p>\n<p>Im Vergleich zum Wein f\u00fchrt der unvergorene Traubensaft aber ein echtes Schattendasein. Sieht man von Weingegenden ab, existiert er weder in der Gastronomie, noch im Handel, wenn man von diversen Mischs\u00e4ften mit Traubenanteil absieht. Und auch von den meisten Winzern (mich eingeschlossen), die Traubensaft als Erg\u00e4nzung ihrer Palette anbieten, wird er nur sehr stiefm\u00fctterlich behandelt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend manche Firmen l\u00e4ngst sortenreien Apfels\u00e4fte in klaren und naturtr\u00fcben Versionen auf dem Markt werfen, gibt es beim Traubensaft im besten Fall wei\u00df oder rot. Woran liegt das?<\/p>\n<p><strong>Sehr guten Traubensaft zu machen ist nicht einfach<\/strong><\/p>\n<p>Weintrauben sind im Vergleich zu \u00c4pfeln oder Orangen sehr empfindliche Fr\u00fcchte. Das erschwert nich nur die Manipulation bei der Saftherstellung, sondern f\u00fchrt auch dazu, dass sich nur einwandfreie Trauben zu gutem Saft verarbeiten lassen. W\u00e4hrend im Apfel und Orangensaft selbstverst\u00e4ndlich auch jene Fr\u00fcchte stecken, die wegen kleinerer (Sch\u00f6nheits-)M\u00e4ngel nicht zum Tafelobst taugen, wird aus Trauben zweiter oder dritter Wahl nur schwer ein einwandfreier Saft.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich ist es sogar leichter, aus m\u00e4\u00dfigem Traubenmaterial braven Wein als brauchbaren Traubensaft zu machen. Traubensaft ist wegen seines (im Vergleich zu anderen Fruchts\u00e4ften) relativ hohen pH-Wertes n\u00e4mlich deutlich anf\u00e4lliger f\u00fcr Oxidation und Mikroorganismen und die G\u00e4rung samt dem entstehenden Alkohol bietet dagegen einen gewissen nat\u00fcrlichen Schutz.<\/p>\n<p>Die meisten Traubensorten erreichen ihre aromatische Reife erst bei einem relativ hohen Zuckergehalt. Das f\u00fchrt dazu, dass sehr viele S\u00e4fte f\u00fcr den (unverd\u00fcnnten) allt\u00e4glichen Konsum viel zu s\u00fc\u00df schmecken, weil ihr Hersteller die Aromareife abgewartet hat. Oder dass sich ihr Zuckergehalt dank fr\u00fcher Ernte zwar in vertr\u00e4glichen Grenzen h\u00e4lt, daf\u00fcr aber die Aromatik sehr unterentwickelt ist.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus hei\u00dfen Weintrauben aus gutem Grund WEINtrauben. Viele ihrer Aromastoffe sind n\u00e4mlich an Zucker gebunden und werden erst durch die Verg\u00e4rung zu Wein schmeckbar, wenn die Hefe den Zucker abspaltet und zu Alkohol verarbeitet. Im unvergorenen Traubensaft bleibt uns der Gro\u00dfteil der aromatischen Vielfalt einfach verborgen.<\/p>\n<p><strong>Traubensaft ist vergleichsweise teuer<\/strong><\/p>\n<p>Die Herstellung von Traubensaft ist also relativ aufw\u00e4ndig und deshalb auch teuer. Anders als \u00c4pfel und Orangen k\u00f6nnen die Tauben nicht maschinell geerntet werden, und wenn nicht gezielt Massenweinbau f\u00fcr die Saftproduktion betrieben wird, sind wohl auch die Hektarertr\u00e4ge zu klein, um mit der Saftkonkurrenz von anderen Fr\u00fcchten mithalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dazu kommt noch, dass der Weinbau in Europa sehr kleinstrukturiert (und deshalb teuer) ist, und dass man Trauben nicht so leicht wie \u00c4pfel in Eisenbahnwaggons aus L\u00e4ndern mit niedrigeren Produktionskosten herankarren kann.<\/p>\n<p><strong>Traubensaft ist keine &#8222;Marke&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Trotzdem gibt es Bestrebungen, die europ\u00e4ischen Wein\u00fcbersch\u00fcsse durch eine vermehrte Produktion von Traubensaft abzubauen. Da diesbez\u00fcgliche Aktionen aber sofort zum Erliegen kommen, wenn eine kleine Ernte den Weinpreis steigen l\u00e4\u00dft, f\u00e4llt es den Fruchtsaftproduzenten schwer, Traubensaft intensiv zu bewerben und kontinuierlich auf dem Markt anzubieten.<\/p>\n<p>Liturgische Ehren hin oder her, der Traubensaft wird also wohl auch k\u00fcnftig ein braves Nischenprodukt bleiben. Oder?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist wieder Weinrallye-Tag. Bereits zum 12. Mal sind alle deutschsprachigen Genussblogs eingeladen, sich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen und heute dar\u00fcber zu bloggen. Nach zahlreichen Etappen mit und ohne meine Beteiligung wurde diesmal das Thema wieder vom Weinrallye-Erfinder Thomas Lippert vorgegeben, der hier auch eine Zusammenfassung aller Beitr\u00e4ge ver\u00f6ffentlicht hat. Seiner Vorstellung nach soll &#8230; <a title=\"Weinrallye Nr. 12: In Gottes Namen\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=593\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Weinrallye Nr. 12: In Gottes Namen\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18],"tags":[],"class_list":["post-593","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weinrallye"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/593","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=593"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/593\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=593"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=593"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=593"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}