{"id":540,"date":"2008-03-21T23:24:35","date_gmt":"2008-03-21T22:24:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=540"},"modified":"2008-03-21T23:30:46","modified_gmt":"2008-03-21T22:30:46","slug":"sie-wollen-meine-meinung-wissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=540","title":{"rendered":"Wollen Sie meine Meinung wissen?"},"content":{"rendered":"<p>Anfang des Jahres erhielt ich eine Postkarte eines nicht unbekannten Markt- und Meinungsforschungsinstitutes. Ich sei f\u00fcr eine Konsumentenbefragung ausgew\u00e4hlt worden, hie\u00df es da, und solle doch bitte so freundlich sein, daran teilzunehmen. Ein Mitarbeiter des Institutes w\u00fcrde mich demn\u00e4chst besuchen und gegen Vorlage der Karte interviewen.<\/p>\n<p>Darauf hin passierte etwa drei Wochen lang gar nichts, und ich entsorgte die Karte ordnungsgem\u00e4\u00df im Altpapier, weil ich der Meinung war, dass es sich die Meinungsforscher wohl anders \u00fcberlegt hatten. Denkste! <!--more--><\/p>\n<p><strong>Der Termin<\/strong><\/p>\n<p>An einem Freitag Nachmittag, als ich mit meinem Vater bei der Waldarbeit war, ereilte mich ein Anruf meiner Mutter. Ein etwas entt\u00e4uscht wirkender \u00e4lterer Herr von der Meinungsforschung h\u00e4tte nach mir gefragt, und sie habe ihm versichert, ich w\u00e4re am n\u00e4chsten Tag leicht zu Hause zu erreichen. Au\u00dferdem habe sie ihm zur Sicherheit meine Handynummer gegeben. <\/p>\n<p>Wie ich sp\u00e4ter erfuhr, hatte mich der gute Mann vergeblich zu Hause gesucht und von meinen Wohnungsnachbarn den Tipp bekommen, dass er mich tags\u00fcber wohl eher unter der Betriebsadresse antreffen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gegen 20.45 (oder 21.45, ich wei\u00df es nicht mehr und unangenehm sp\u00e4t ist beides) l\u00e4utete unerwarteterweise mein Mobiltelefon. Obwohl ihm meine Mutter mehrmals versichert hatte, dass er mich am Samstag leicht antreffen w\u00fcrde, wollte der Mann von der Meinungsforschung unbedingt einen fixen Termin vereinbaren, um nicht ungelegen zu kommen. Rasch einigten wir uns auf 10.00 Uhr, was ihn nicht davon abhielt 15 Minuten mit mir zu telefonieren. Habe ich schon erw\u00e4hnt, dass ich ein recht gutm\u00fcter Mensch bin?<\/p>\n<p><strong>Das Interview<\/strong><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen \u00fcberraschte mich der Mann um 9.15 Uhr im Pyjama. Soviel also zum Thema Terminvereinbarung um nicht ungelegen zu kommen. Weil ich nicht unh\u00f6flich bin und mich nun mal &#8211; warum auch immer &#8211; entschlossen hatte, die Befragung \u00fcber mich ergehen zu lassen, bat ich ihn trotzdem in unsere Essk\u00fcche. <\/p>\n<p>Schon in den ersten Minuten erwies sich der \u00e4ltere Herr zwar als nicht v\u00f6llig unsympathisch, aber doch als ziemlich umst\u00e4ndlich, langsam und anstrengend. Die Wartezeit f\u00fcr das Hochfahren seines Laptops verl\u00e4ngerte er mit diversen Berichten \u00fcber seine offenbar jahrzehntelange Nebent\u00e4tigkeit f\u00fcr die Meinungsforschung.<\/p>\n<p>Gegen 9.30 starten wir endlich mit den ersten Fragen, die er mir \u00fcberfl\u00fcssigerweise (und wesentlich langsamer als ich) vom Bildschirm des Laptop ablas, um anschlie\u00dfend meine Antwort direkt einzugeben. Diese Methode behielt er mit einiger Ausdauer bei, und je l\u00e4nger wir so arbeiteten, umso \u00f6fter versuchte er meine Antworten abzusch\u00e4tzen und einzugeben, bevor ich mich zu einer Frage \u00e4u\u00dfern konnte. Einige Fragen h\u00e4tte er mir ohne mein insistieren wohl gar nicht pr\u00e4sentiert, weil er offenbar zu wissen glaubte, was ich dazu sagen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nach einer knappen halben Stunde hatten wir endlich alle Fragen absolviert und landeten bei den pers\u00f6nlichen Daten. Als ich ihm dabei mein Alter und das meiner Frau nannte (33), stimmte der Mann unvermittelt ein lautes Wehklagen an, wie schwer es doch sei, Leute unter 30 f\u00fcr ein Interview zu finden. Die w\u00e4ren im Gegensatz zu den \u00e4lteren kaum zu Hause anzutreffen und falls doch, nehmen sie sich meist nicht die Zeit daf\u00fcr. Offenbar hatte er den Auftrag, eine gewisse Anzahl an Leuten in jeder Altersgruppe zu befragen und noch niemanden unter 30 auf seiner Liste.<\/p>\n<p>Nachdem ihm das wohl aber schon \u00f6fter passiert war, hatte er bereits eine L\u00f6sung parat: Er schlug vor, mich und meine Frau f\u00fcr die Meinungsforschung auf 29 Jahre zu verj\u00fcngen, und um dem guten Mann in seiner Not zu helfen (und im Irrglauben, damit die Sache beschleunigen zu k\u00f6nnen), nahm ich seinen Vorschlag an.<\/p>\n<p>Mehrmals sch\u00e4rfte er mir ein, dieses Alter auch bei sp\u00e4teren Kontrollanrufen seiner Zentrale anzugeben und zur Sicherheit auch meine Frau dar\u00fcber zu informieren, um ihm Schwierigkeiten zu ersparen. Au\u00dferdem bat er mich, bei einer Kontrolle nicht erw\u00e4hnen, dass ich Einblick in den Laptop hatte, denn eigentlich sei er verpflichtet, mir einen schriftlichen Fragenkatalog und verschiedene Farb- und sonstige Karten zur Beantwortung vorzulegen. Ich wage bis heute nicht daran zu denken, um wieviel l\u00e4nger die Sache gedauert h\u00e4tte, wenn er mich tats\u00e4chlich vorschriftsgem\u00e4\u00df interviewt h\u00e4tte&#8230;<\/p>\n<p>Zum Abschlu\u00df stellte er mir noch eine weitere Befragung zur selbst\u00e4ndigen Erarbeiten und Retournierung auf dem Postweg vor. Daf\u00fcr sollte es nach seiner Auskunft auch ein Dankesch\u00f6n von f\u00fcnf Euro in Form von weit verbreiteten Lebensmittelgutscheinen geben. Das auf dem Formular von sieben Euro die Rede war, f\u00fchrte er auf einen Fehler zur\u00fcck, der die letzten Einsparungsma\u00dfnahmen noch nicht ber\u00fccksichtigt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>In einer masochistischen Anwandlung nahm ich ihm auch diesen Katalog noch ab, und war froh, ihn nach einer knappen Stunde endlich wieder aus dem Haus zu haben. Zum Abschlu\u00df drohte er noch damit, meine Mutter ebenfalls befragen, falls er in ihrer Altersgruppe nicht gen\u00fcgend Interview-Partner finden w\u00fcrde. <\/p>\n<p><strong>Die Belohnung<\/strong><\/p>\n<p>Um die Sache so rasch wie m\u00f6glich vergessen zu k\u00f6nnen, machte ich mich umgehend an die Beantwortung der schriftlichen Fragen und retournierte sie an das Meinungsforschungsinstitut.<\/p>\n<p>Bald darauf erhielt ich auch einen Dankesbrief und einen Gutschein im Wert von sieben Euro. Also doch!<\/p>\n<p><strong>Die Nachkontrolle<\/strong><\/p>\n<p>Damit hielt ich die leidige Geschichte f\u00fcr \u00fcberstanden und dachte auch nicht mehr \u00fcber die angek\u00fcndigten Kontrollen nach. Bis mich vergangene Woche eine Dame anrief, um mein Interview zu verifizieren. Und wieder schaffte ich es nicht, unh\u00f6flich zu sein und beantwortete minutenlang brav ihre Fragen:<\/p>\n<p>Wurden Sie Ende J\u00e4nner interviewt? War das Interview telefonisch oder pers\u00f6nlich? Ging es in dem Interview um dieses und jenes? Wurde das Interview am Laptop oder mittels Fragenkatalog und Hilfsmitteln durchgef\u00fchrt? Ist die Adresse richtig? Wie alt sind Sie? Wurden Sie nach Ihrem Einkommen befragt, haben Sie darauf geantwortet und wenn ja, in welche Kategorie haben Sie sich eingeordnet? &#8230;<\/p>\n<p>\u00dcberfl\u00fcssig zu erw\u00e4hnen, dass ich f\u00fcr die Dame am Telefon nur 29 war und den Laptop nur von hinten gesehen habe, oder? <\/p>\n<p>&#8222;Der alte Mann hat doch nicht unn\u00f6tig vorgebaut. Damit wird die Sache wohl endlich vorbei sein&#8220;, dachte ich. Bis heute kurz vor 20.00 Uhr mein Telefon l\u00e4utete.<\/p>\n<p><strong>Das D\u00e9j\u00e0-vu<\/strong><\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Guten Abend Herr Fiedler, hier spricht Frau XY vom Meinungsforschungsinstitut Z. Sie wurden vor kurzem von einem unserer Mitarbeiter interviewt und ich h\u00e4tte dazu einige Fragen.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Argh!<\/p>\n<p>Ich, mit angestrengter H\u00f6flichkeit:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Ich wurde bereits vor etwa eine Woche von Ihrer Firma kontaktiert!&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><em>&#8222;Ahso, davon wei\u00df ich aber nichts. Vielleicht war es in einer anderen Angelegenheit. D\u00fcrfte ich Ihnen einige Fragen stellen?&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich, leicht ver\u00e4rgert ob der chaotischen Organisation:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Wird es lange dauern?&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p><em>&#8222;Nur zwei Minuten. Wurden Sie Ende J\u00e4nner interviewt? War das Interview telefonisch oder pers\u00f6nlich? Ging es in dem Interview um dieses und jenes? Wurde das Interview am Laptop oder mittels Fragenkatalog und Hilfsmitteln durchgef\u00fchrt? Ist die Adresse richtig? Wie alt sind Sie? Wurden Sie nach Ihrem Einkommen befragt, haben Sie darauf geantwortet und wenn ja, in welche Kategorie haben Sie sich eingeordnet? &#8230;&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Mehr als widerwillig und auf Nadeln sitzend beantwortete ich die gleichen Fragen wie vor einer Woche noch einmal, bis meine kleine Tochter nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit lautstark das Gute-Nacht-Ritual mit ihrem Papa einforderte. Ihr Ruf macht offenbar Eindruck:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Sie k\u00f6nnen gerne zu ihrem Kind schauen.&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich, erleichtert, ob der Bereitschaft von weiteren Fragen abzusehen:<\/p>\n<blockquote><p><em>Danke. Auf Wiederh\u00f6ren!<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Keine f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter l\u00e4utete erneut das Telefon, und als ich abhob, meldete sich eine bekannte Stimme:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Guten Abend, Herr Fiedler, k\u00f6nnen wir jetzt fortfahren?&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Aaaaaaaaaarrrrrrrrrggggghhh!<\/p>\n<p>Ich, ohne die Dame zu Wort kommen zu lassen:<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Sie machen sich mehr als unbeliebt, wenn Sie zuerst einen Interviewer schicken, der den zu Befragenden nachspioniert, der anschlie\u00dfend vereinbarte Termine nicht einh\u00e4lt, der mit seiner umst\u00e4ndlichen Art die Befragung unn\u00f6tig in die L\u00e4nge zieht und wenn Sie in weiterer Folge den hilfsbereiten Auskunftspersonen auch noch am Telefon die Zeit stehlen, und dieses Telefonat eine Woche sp\u00e4ter noch einmal wiederholen wollen. Auf Wiederh\u00f6ren!&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Anschlie\u00dfend habe ich aufgelegt, ohne der Dame noch eine Chance zu geben. Und bis jetzt hat sie sich auch nicht mehr gemeldet&#8230;<\/p>\n<p><strong>Werte Meinungsforscher!<\/strong><\/p>\n<p>Ich gestehe Ihnen gerne zu, dass es heutzutage nicht einfach ist, die Meinung der Leute zu erforschen. Und dass Sie es trotzdem versuchen wollen\/sollen\/m\u00fcssen. Auch das es f\u00fcr ein halbwegs brauchbares Ergebnis wohl einen gewissen Umfang an Fragen und auch eine Kontrolle der Ergebnisse braucht, leuchtet mir durchaus ein.<\/p>\n<p>Vor allem aber braucht es hilfsbereite Auskunftspersonen, die Ihnen unentgeltlich ihre Zeit opfern und die sich nicht aus Datenschutz\u00e4ngsten oder der Scheu, die eigene Meinung zu \u00e4u\u00dfern weigern, Pers\u00f6nliches preiszugeben.<\/p>\n<p>Diese zu finden wird wohl immer schwieriger, und deshalb stellt sich mir die Frage, ob es tats\u00e4chlich schlau ist, diejenigen, die Ihnen durch ihre Auskunftsbereitschaft Ihre Arbeit \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichen derma\u00dfen zu bel\u00e4stigen?<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich werde Ihnen nach diesen Erlebnissen nicht so schnell wieder Daten f\u00fcr Ihre Forschungsarbeiten liefern. Und ich rate auch allen, die es h\u00f6ren oder lesen wollen, davon ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang des Jahres erhielt ich eine Postkarte eines nicht unbekannten Markt- und Meinungsforschungsinstitutes. Ich sei f\u00fcr eine Konsumentenbefragung ausgew\u00e4hlt worden, hie\u00df es da, und solle doch bitte so freundlich sein, daran teilzunehmen. Ein Mitarbeiter des Institutes w\u00fcrde mich demn\u00e4chst besuchen und gegen Vorlage der Karte interviewen. Darauf hin passierte etwa drei Wochen lang gar nichts, &#8230; <a title=\"Wollen Sie meine Meinung wissen?\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=540\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Wollen Sie meine Meinung wissen?\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-540","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/540","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=540"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/540\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=540"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=540"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=540"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}