{"id":382,"date":"2007-10-23T22:42:02","date_gmt":"2007-10-23T21:42:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=382"},"modified":"2007-11-17T00:19:04","modified_gmt":"2007-11-16T23:19:04","slug":"verschworung-beim-heurigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=382","title":{"rendered":"Verschw\u00f6rung beim Heurigen"},"content":{"rendered":"<p>Krimi-Fans wissen es l\u00e4ngst: Bei vielen Kriminalromanen sind die detailreich gezeichneten Charaktere der Protagonisten und die Beschreibung von Landschaft, Sitten, Gebr\u00e4uchen und Speisen wichtiger als das Verbrechen, das es aufzukl\u00e4ren gilt.<\/p>\n<p>So lernt man bei <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrea_Camilleri\">Andrea Camilleri<\/a> Sizilien von einer ganz anderen Seite kennen, erf\u00e4hrt von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Donna_Leon\">Donna Leon<\/a> einiges \u00fcber Venedig und die italienische Freunderlwirtschaft, wird von <a href=\"http:\/\/www.alfred-komarek.at\/\">Alfred Komarek<\/a> und seinem Inspektor Polt in die Weinviertler Mentalit\u00e4t eingef\u00fchrt und absolviert bei Mira Valensky von <a href=\"http:\/\/www.evarossmann.at\/\">Eva Rossmann<\/a> ganz nebenbei einen Kochkurs.<\/p>\n<p>Besonders interessant ist das Umfeld der eigentlichen Handlung dann, wenn der Leser einen pers\u00f6nlichen Zugang zur Materie hat, der die Recherchen des Autors in einem ganz anderen Licht erscheinen l\u00e4\u00dft. Aus diesem Grund lese ich Wein-Krimis sehr gerne, wenn auch etwas &#8222;anders&#8220;, als andere Kriminalromane. <\/p>\n<p>Ist der Schauplatz des Verbrechens dann auch noch meine unmittelbaren Heimat, ist dem Autor meine grenzenlose Aufmerksamkeit beim Lesen gewi\u00df. <a href=\"http:\/\/paul-grote.de\/\">Paul Grote<\/a> hatte es also nicht leicht, mich mit seinem Kriminalroman &#8222;<a href=\"http:\/\/paul-grote.de\/_buecher.htm\">Verschw\u00f6rung beim Heurigen<\/a>&#8220; zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Das und vor allem wie es ihm trotzdem gelungen ist, ist durchaus bemerkenswert: <!--more--><\/p>\n<p><strong>Ehekrise, Wein und Mord<\/strong><\/p>\n<p>Die Ehe der Breitenbachs ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Zu weit scheinen sich die beiden Partner mit den Jahren auseinandergelebt zu haben. Johanna, die sich in ihrer Jugend aus \u00dcberzeugung vor Atomm\u00fclltransporte gekettet hatte, hilft heute Gro\u00dfkonzernen dabei, die Schlupfl\u00f6cher in der Umweltgesetzgebung auszun\u00fctzen und ist zur toughen Karrierefrau geworden.<\/p>\n<p>Und Carl, der \u00dcbersetzer f\u00fcr Deutsch, Portugiesisch und Englisch hat seinen gutbezahlten Job in Br\u00fcssel aufgegeben, um statt trockenen Akten portugiesische Romane zu \u00fcbersetzen. Dabei hat er auch seine Liebe zum Wein entdeckt, die den Stein ins Rollen bringt.<\/p>\n<p>Bei einer Pr\u00e4sentation von burgenl\u00e4ndischen Weinbauern in Stuttgart lernt Carl die Winzerin Maria Sandhofer kennen. Weil ihm nicht nur ihre Weine gefallen, nimmt er ihre Einladung an, sie doch auch einmal im Burgenland zu besuchen. Nachdem es ihm gelingt, seiner Frau Johanna, einer begeisterten Windsurferin, den Neusiedlersee als Wassersportrevier schmackhaft zu machen steht einem dreiw\u00f6chigen Urlaub in Purbach nichts mehr im Wege.<\/p>\n<p>Schon am zweiten Urlaubstag nimmt das Verh\u00e4ngnis seinen Lauf: Maria Sandhofer wird von einem Rotweing\u00e4rtank gest\u00fcrzt und der zuf\u00e4llig anwesende Carl wird zum Hauptverd\u00e4chtigen der Polizei. W\u00e4hrend er mit tatkr\u00e4ftiger Hilfe der Freundinnen von Maria versucht, den wahren M\u00f6rder zu finden, vergn\u00fcgt sich seine Frau mit ihrem Surflehrer und \u00fcberlegt, sich an dessen Surfschulprojekt zu beteiligen. <\/p>\n<p>Das der fesche Hansi bei der Ermordung von Maria Sandhofer auch seine Finger im Spiel hatte, bleibt lange Zeit sein Geheimnis&#8230;<\/p>\n<p><strong>Mehr als das \u00fcbliche Wein-Blabla<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Verschw\u00f6rung beim Heurigen&#8220; ist ganz sicher kein &#8222;gro\u00dfes&#8220; Buch, das man unbedingt gelesen haben mu\u00df. Aber, um in der Weinsprache zu bleiben, es ist ein ehrliches und sorgf\u00e4ltig gemachtes Werk, das weit mehr zu bieten hat, als manch Bestseller. <\/p>\n<p>Schon auf den ersten Seiten merkt man, da\u00df der Wein f\u00fcr den Autor nicht nur ein Requisit seiner Handlung darstellt. Weindialoge wie dieser zwischen Carl Breitenbach und einer Zufallsbekanntschaft verleihen dem Buch auch f\u00fcr Weinfreunde eine besondere Glaubw\u00fcrdigkeit:<\/p>\n<p><em>&#8222;Er ist ein Blender!&#8220;<br \/>\n&#8222;Wer? Wen meinen Sie?&#8220; Carl Breitenbach blickte sein Gegen\u00fcber best\u00fcrzt an, dann begriff er. &#8222;Ach so&#8220;, sagte er gedehnt, &#8222;ich dachte, Sie meinen&#8230;&#8220; er z\u00f6gerte wieder unentschlossen. Der Fremde kicherte vor sich hin. &#8222;Den Winzer?&#8220; Er neigte abw\u00e4gend den Kopf. &#8222;Nein&#8230;ich meinte nat\u00fcrlich den Wein.&#8220;<br \/>\n&#8230;<br \/>\n&#8222;Gewiss, ein Blender. Nur komisch&#8220;, hielt er kurz inne, &#8222;dass ich nicht gleich darauf gekommen bin.&#8220;<br \/>\n&#8222;W\u00e4re ein schlechter Blender, wenn man ihm sofort auf die Schliche k\u00e4me&#8220;, erkl\u00e4rte ihm der Fremde, &#8222;so ein Wein h\u00e4tte den Namen nicht verdient. Auch ein negatives Pr\u00e4dikat muss man sich erarbeiten. Blender muss man machen k\u00f6nnen. Das schafft nur ein f\u00e4higer Winzer &#8211; oder \u00d6nologe.&#8220;<br \/>\n&#8230;<br \/>\n&#8222;Woran haben Sie\u00b4s bemerkt, das mit dem Blender?&#8220;<br \/>\n&#8222;Das sagt mir meine Nase, beim Wein wie bei den Menschen. Geht Ihnen das nicht auch so? Sie treffen jemanden, stehen ihm gegen\u00fcber &#8211; und auf einmal haben Sie ein komisches Gef\u00fchl. Das ist beim Wein nicht anders. Nennen Sie es Erfahrung, nennen Sie es Intuition, Instinkt, jeder hat ihn, ich glaube, man wird damit geboren, aber Intellekt und Wissenschaft gew\u00f6hnen es uns ab, darauf zu vertrauen.&#8220; <\/p>\n<p>Jetzt steckte der Unbekannte seine Nase tief ins Glas, atmete ein und l\u00e4chelte versonnen. &#8222;Der Winzer versteht sein Gesch\u00e4ft, er ist so gut, dass er eigentlich niemanden verarschen m\u00fcsste. Der Wein ist hervorragend gemacht, der Mann ist ein ausgezeichneter Handwerker, aber der Wein ist und bleibt ein Blender. Es w\u00e4re interessant zu wissen, warum der Mann l\u00fcgt, weshalb er andere hinters Licht f\u00fchrt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>So kann nur jemand schreiben, der es versteht, auch beim Wein zwischen den Zeilen zu lesen. Und auch wenn man die Wein-Ansichten der Hauptfigur (bzw. des Autors) nicht immer teilt, macht es trotzdem Spa\u00df, sich mit ihnen zu besch\u00e4ftigen.  <\/p>\n<p><strong>Liebevolle Recherche bis ins kleinste Detail<\/strong><\/p>\n<p>Die zweite gro\u00dfe St\u00e4rke des Buches ist die akribische Recherche am Schauplatz der Geschichte. Nach meinen Informationen war der Autor Paul Grote mehrere Wochen im Burgenland unterwegs und hat dabei auch mit zahlreichen Winzern gesprochen. Das erkl\u00e4rt zwar manches, aber um die zahlreichen subtilen Anspielungen und Verkn\u00fcpfungen im Verlauf der Recherche zu registrieren, die es bis ins Buch geschafft haben braucht es nicht nur Flei\u00df, sondern auch Talent. <\/p>\n<p>Einiges von dem, was man im Buch \u00fcber das Burgenland, seine Geschichte und die Menschen mit ihrer Mentalit\u00e4t und ihren Eigenheiten erf\u00e4hrt kommt in &#8222;normalen&#8220; Gespr\u00e4chen mit einem Fremden ganz sicher nicht zur Sprache. Und trotzdem gelingt es dem Autor, sehr authentische Bilder zu malen, auch wenn sie manchmal ein klein wenig \u00fcberzeichnet erscheinen. Aber zugegeben, bei diesem Beispiel bin ich nicht ganz unbefangen:<\/p>\n<p><em>Die Landstra\u00dfe f\u00fchrte zwischen dem See und einem mit Wein bewachsenen Hang auf M\u00f6rbisch zu. Der Kirchturm war das h\u00f6chste Geb\u00e4ude, Hotels und G\u00e4steh\u00e4user hielten sich zur\u00fcck, niemand wollte zu hoch hinaus, aber alles wirkte ein wenig bieder und geharkt. Lag es an den vielen Geranien und am Oleander? &#8211; in der Masse wirkten sie erstickend. Au\u00dferdem haftete dem Ort etwas Zur\u00fcckgebliebenes an, als w\u00e4re er vergessen worden. <\/p>\n<p>Carl schrieb es der nahen ungarischen Grenze zu, da war bis vor einigen Jahren die westliche Welt zu Ende gewesen, inzwischen durften Radfahrer und Fu\u00dfg\u00e4nger von Fr\u00fchjahr bis zum Herbst hin\u00fcber. Wenn die europ\u00e4ischen Grenzen endg\u00fcltig fielen, w\u00fcrde M\u00f6rbisch einen gro\u00dfen Impuls erhalten &#8211; zumindest mehr Durchzugsverkehr.<\/em><\/p>\n<p>Aber nicht nur der Ort des Geschehens, auch die handelnden Personen sind sehr liebevoll herausgearbeitet. Die meisten Figuren lassen ihre Vorbilder zwar erahnen, sind aber eindeutig fiktiv und trotzdem sehr stimmig.<\/p>\n<p>Wobei es auch sehr unterhaltsam sein kann, wenn relativ eindeutig erkennbar ist, wer als Vorlage gedient hat:<\/p>\n<p><em>Da kam Thomas Thurn, der einzige Winzer, den Carl bisher im Anzug gesehen hatte, eilig, wichtig, das Mobiltelefon am Ohr. Gro\u00df und schlank, hellgrauer Flanell und kurz geschnittener Bart, blendend wei\u00dfe Z\u00e4hne. Das M\u00e4dchen fl\u00fcsterte mit ihm, sah zu den beiden neuen Besuchern hin, Thomas Thurn wandte sich Frank Gatow zu, aus dem Erstaunen wurde etwas, das ein Theaterbesucher als freudige \u00dcberraschung interpretiert h\u00e4tte, und der Star-Winzer begr\u00fc\u00dfte ihn wie einen alten Bekannten. <\/p>\n<p>Auch Carl bekam ein z\u00e4hnefletschendes Jacketkronen-L\u00e4cheln ab, ihm wurde eine der Hostessen zugewiesen, der Thurn das Wort &#8222;wichtig&#8220; zuraunte, w\u00e4hrend der Winzer mit Gatow im Arm plaudernd die Treppe hinunterstieg. <\/em> <\/p>\n<p><strong>Verzeihbare Schw\u00e4chen<\/strong><\/p>\n<p>Wie ein solider Wein f\u00fcr alle Tage hat auch dieses Buch seine Ecken und Kanten, \u00fcber die man aber in Anbetracht seines Anspruches, seines Preises und des Vergn\u00fcgens, das er\/es bereitet gerne hinwegsieht.<\/p>\n<p>Meiner Meinung nach hat der Buchtitel relativ wenig Bezug zur Geschichte, ganz abgesehen davon, da\u00df es im Burgenland (zumindest urspr\u00fcnglich) keine Heurigen gibt, sondern Buschenschenken.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr mich liebevolle Details sind, k\u00f6nnten andere Leser auch als etwas m\u00fchsame Detailverliebtheit betrachten. Zumal sich bei dem einen oder anderen Bezug zur Realit\u00e4t kleine Fehler einschleichen. So hat z.B. nicht das Burgenland 51.000 Hektar Rebfl\u00e4che, sondern (auch nicht mehr ganz aktuell) ganz \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Trotzdem bietet &#8222;Verschw\u00f6rung beim Heurigen&#8220; knapp 400 Seiten lebendiges Lesevergn\u00fcgen f\u00fcr Krimi-Leser, Weinfreunde, Burgenland-Begeisterte und solche die das eine oder andere davon werden wollen. Das sieht man \u00fcbrigens beim <a href=\"http:\/\/leselustfrust.blogg.de\/eintrag.php?id=70\">LeseLustFrust-Blog<\/a> \u00e4hnlich.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle die noch mehr wissen wollen, gibt es <a href=\"http:\/\/paul-grote.de\/leseprobeheurigen.htm\">hier<\/a> eine Leseprobe und <a href=\"http:\/\/paul-grote.de\/_burgenland.htm\">hier<\/a> eine Burgenland-Fotostrecke mit Zitaten aus dem Buch.<\/p>\n<p>Paul Grote<br \/>\n<strong>Verschw\u00f6rung beim Heurigen<\/strong><br \/>\nDeutscher Taschenbuchverlag<br \/>\nISBN 3-423-21018-4<br \/>\nknapp 400 Seiten, \u20ac 8,90<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krimi-Fans wissen es l\u00e4ngst: Bei vielen Kriminalromanen sind die detailreich gezeichneten Charaktere der Protagonisten und die Beschreibung von Landschaft, Sitten, Gebr\u00e4uchen und Speisen wichtiger als das Verbrechen, das es aufzukl\u00e4ren gilt. 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