{"id":35,"date":"2006-08-15T23:58:46","date_gmt":"2006-08-15T21:58:46","guid":{"rendered":"http:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=35"},"modified":"2007-08-12T20:44:07","modified_gmt":"2007-08-12T19:44:07","slug":"allzuviel-ist-ungesund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=35","title":{"rendered":"Allzuviel ist ungesund"},"content":{"rendered":"<p>Das Wetter ist vor allem um diese Jahreszeit, wenn die Trauben schon halbreif und h\u00f6chst empfindlich an den Rebst\u00f6cken h\u00e4ngen\u00a0f\u00fcr echte Weinbauern ein Dauerthema. Gottseidank ist es mittlerweile wieder w\u00e4rmer und vor allem trockener geworden. Vor zwei Wochen, am 29. Juli wu\u00dfte ich noch Folgendes zu berichten:\u00a0<\/p>\n<p><em>Gottseidank war es heute soweit. Es war zwar nur ein kleiner Regenschauer, aber um diese Jahreszeit freuen wir uns \u00fcber jeden Tropfen und vielleicht haben die Meteorologen ja diesmal recht und es kommt in der Nacht oder morgen noch etwas nach.<\/em><\/p>\n<p>Insgesamt sind es damals etwa 30 Liter pro Quadratmeter geworden, was f\u00fcr die n\u00e4chsten Wochen ausgereicht h\u00e4tte. Leider sind seither aber nocheinmal gesch\u00e4tzte 50 oder 60 Liter dazugekommen. Zuviel Wasser zum falschen Zeitpunkt ist aber genauso problematisch wie zu wenig vom kostbaren Na\u00df.<\/p>\n<p>Was kann passieren, wenn es zuviel regnet und was kann der Winzer dagegen tun? <!--more--><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gro\u00dfe Beeren,\u00a0verz\u00f6gerte Reife,\u00a0Mehltau und F\u00e4ulnis<\/strong><\/p>\n<p>Zu viel Regen um diese Jahreszeit f\u00fchrt zu einer vermehrten Wasseraufnahme der Reben \u00fcber die Wurzeln. Je flacher das Wurzelsystem der Reben ist, umso ausgepr\u00e4gter ist dieser Effekt. Daher leiden junge Reben st\u00e4rker als alte, zu deren tiefliegenden Wurzeln das Wasser weit langsamer und dosierter vordringt. Bew\u00e4sserte Reben, die sich nie die M\u00fche machen mu\u00dften, in der Bodentiefe nach Wasser zu suchen, sind ebenso st\u00e4rker betroffen, wie auch Reben die auf sehr seichtgr\u00fcndigen B\u00f6den mit felsigem Untergrund nicht in die Tiefe wachsen k\u00f6nnen oder solche, die nicht in die Tiefe wachsen wollen, weil z.B. sehr sandige B\u00f6den sie nicht mit n\u00e4hrstoff- oder wasserreichen Schichten in die Tiefe &#8222;locken&#8220;.<\/p>\n<p>Die vermehrte Wasseraufnahme f\u00fchrt zu einem deutlichen Anschwellen der Beeren, verbunden mit einem eher kurzfristigen Verd\u00fcnnungseffekt der Inhaltsstoffe und zu einem Wachstumsschub f\u00fcr den Rebstock. Das relativ rasche Anschwellen kann ein Aufplatzen der Beeren mit Botrytis-Folgeproblemen bewirken. Entweder, weil die Schale nicht (mehr) elastisch genug ist (Gelber Muskateller u.a.) oder weil bei dichtbeerigen Sorten (Burgundersorten, Neuburger, Zweigelt,&#8230;) einfach nicht genug Platz f\u00fcr alle Beeren bleibt.<\/p>\n<p>Auch der Wachstumsschub f\u00fcr den Rebstock ist negativ zu sehen. Mehr Wasser bedeutet in der Regel auch mehr verf\u00fcgbare N\u00e4hrstoffe. Diese investiert der Rebstock oft in eine Wiederaufnahme des eigentlich um diese Zeit schon weitgehend abgeschlossenen Triebwachstums, was zu einer Verz\u00f6gerung der Traubenreife f\u00fchren kann. Eine erh\u00f6hte Stickstoffaufnahme durch zu viel Niederschl\u00e4ge beugt zwar sp\u00e4teren G\u00e4rproblemen vor (da der Stickstoff ein wichtiger Hefe-N\u00e4hrstoff ist), erh\u00f6ht aber das Botrytisrisiko, da zu viel Stickstoff zu gro\u00dfen Pflanzenzellen und damit zu eher d\u00fcnnen, wenig robusten Beerenschalen f\u00fchrt. Der F\u00e4ulnispilz Botrytis cinerea kann zwar auch Edelf\u00e4ule hervorrufen, die zur Herstellung von hochwertigen Pr\u00e4dikatsweinen hervorrufen (wenn er auf reifen Trauben w\u00e4chst), im Stadium der beginnenden Traubenreife bewirkt er allerdings die unerw\u00fcnschte Gr\u00fcn- oder Sauerf\u00e4ule, die die Trauben unbrauchbar macht.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe, rasch gewachsene Pflanzenzellen mit d\u00fcnnen W\u00e4nden und Regentropfen auf den Bl\u00e4ttern und Trauben \u00fcber mehrere Stunden oder Tage beg\u00fcnstigen nicht nur F\u00e4ulniserreger, sondern auch den falschen Mehltau, eine Rebkrankheit, die auch Peronospora genannt wird. Diese Krankheit wurde in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts aus Nordamerika eingeschleppt und stellt f\u00fcr die europ\u00e4ischen Edelrebsorten eine gro\u00dfe Gefahr dar, da diese in dieser biologisch gesehen relativ kurzen Zeit keine nennenswerte Widerstandskraft dagegen entwickeln konnten. Peronospora f\u00fchrt zum Absterben von Blattteilen oder ganzen Bl\u00e4ttern und zum Reifestopp und Einschrumpfen der Trauben. Sehr starker Befall kann zum Abfallen aller Bl\u00e4tter bereits im Juli oder August und zu einem Vertrocknen aller Trauben eines Rebstockes f\u00fchren.<\/p>\n<p>Seit ich im elterlichen Betrieb t\u00e4tig bin, war Peronospora kaum ein Problem, da das hei\u00dfe, trockene Klima des Burgenlandes weniger den falschen als den echten Mehltau (genannt Oidium) beg\u00fcnstigt. Nach 2004 ist heuer aber bereits das zweite Jahr innerhalb kurzer Zeit, in dem die Peronospora zeigt, da\u00df auch mit ihr zu rechnen ist.<\/p>\n<p><strong>Sorgf\u00e4ltige, vorausschauende Bewirtschaftung verringert das Risiko<\/strong><\/p>\n<p>Gegen die Folgen eines verregneten Sommers oder Herbstes gibt es keinen absoluten Schutz. Trotzdem kann der Weinbauer mit vielen kleinen, f\u00fcr sich allein oft unscheinbaren Ma\u00dfnahmen das Risiko verringern. Einige dieser Ma\u00dfnahmen erweisen sich bei hei\u00dfem, trockenen Wetter allerdings als kontraproduktiv. Und da l\u00e4ngerfristige Wetterprognosen selten halten, was sie versprechen, ist das vorbeugende Anpassen der Bearbeitung an das Wetter oft eine Frage des Gl\u00fccks, der Risikobereitschaft und der Erfahrung.<\/p>\n<p>Um die Rebwurzeln in tiefere Bodenschichten zu &#8222;zwingen&#8220; kann es sinnvoll sein, bei der Auspflanzung eines neuen Weingartens die Reben dichter zu pflanzen. Die erh\u00f6hte Wurzelkonkurrenz an der Oberfl\u00e4che f\u00fchrt dazu, da\u00df die Reben eher in die Tiefe wachsen, als bei sehr weitr\u00e4umig angelegten Weing\u00e4rten. Einen \u00e4hnlichen Effekt hat auch eine Begr\u00fcnung der Rebzeilen, wie wir sie heuer verst\u00e4rkt praktizieren. Diese Begr\u00fcnung verbraucht aber nat\u00fcrlich auch Wasser und kann, wenn der Boden einmal ausgetrocknet und hart ist, nur mehr sehr schwer umgebrochen werden. Schl\u00e4gt das Wetter also von feucht auf trocken um, wie heuer im Juni, vergr\u00f6\u00dftert die Begr\u00fcnung den Trockenstre\u00df der Reben, ohne da\u00df man als Winzer zu diesem Zeitpunkt noch viel dagegen tun k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr heuer haben wir uns im Mai angesichts eines mehr als feuchten Winters und Fr\u00fchjahrs f\u00fcr eine Begr\u00fcnung der Rebzeilen entschieden, da diese nicht nur \u00fcbersch\u00fcssiges Wasser aufnimmt, sondern auch dem Boden Humus zuf\u00fchrt, das Bodenleben f\u00f6rdert und Erosion (Abschwemmungen durch Starkregen) verhindert. Sp\u00e4testens Mitte Juli, als einzelne junge Reben in gef\u00e4hrdeten Lagen erste Trockenstre\u00dfsymptome zeigten, begannen wir an unserer Strategie zu zweifeln, ohne zu diesem Zeitpunkt noch etwas dagegen tun zu k\u00f6nnen. Heute, nur gute zwei Wochen sp\u00e4ter erweist sich die Begr\u00fcnung als goldrichtig, da sie viel vom Wasser der letzten Wochen aufgenommen hat und der Boden f\u00fcr dringende Traktorarbeiten auch bei Feuchtigkeit gut befahrbar ist.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fcnung nimmt nicht nur Wasser sondern auch Stickstoff und andere N\u00e4hrstoffe auf, soda\u00df sie gemeinsam mit einer zur\u00fcckhaltenden D\u00fcngung den durch einen Wasser\u00fcberschu\u00df ausgel\u00f6sten Wachstumsschub der Triebe bremsen kann und zu widerstandsf\u00e4higeren Bl\u00e4ttern und Trauben f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Um Pilzkrankheiten vorzubeugen und jeden Sonnenstrahl optimal f\u00fcr die Traubenreife zu nutzen ist in feuchten Jahren die Laubarbeit besonders wichtig. Eine gut erzogene Laubwand gibt allen Bl\u00e4ttern beste Lichtverh\u00e4ltnisse und erm\u00f6glicht dem Wind die Bl\u00e4tter und Trauben nach Regen rasch wieder abzutrocknen. Rund um die Trauben kann man in solchen Jahren vermehrt Bl\u00e4tter entfernen, um diesen Effekt noch zu verst\u00e4rken und vor allem bei Rotweinsorten mehr Sonnenlicht zu den Trauben zu bringen. Bei gro\u00dfer Hitze und Sonneneinstrahlung sch\u00fctzen sich unbeschattete Trauben allerdings mit vermehrter Gerbstoffbildung in der Schale, was zu unerw\u00fcnschten Bitterstoffen im Wein f\u00fchren kann. Im Extremfall kann eine zu starke Sonneneinstrahlung auch zum Vertrocknen einzelner Beeren oder sogar ganzer Trauben f\u00fchren. Auch in diesem Fall wei\u00df man leider erst zu sp\u00e4t, ob man besser entbl\u00e4ttern h\u00e4tte sollen, oder ob man sich das Entbl\u00e4ttern besser gespart h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Um einem drohenden Reifer\u00fcckstand in feuchten Jahren vorzubeugen, ist es ratsam, den Ertrag st\u00e4rker zu reduzieren als \u00fcblich. Geringer belastete Rebst\u00f6cke sind eher in der Lage, auch in sp\u00e4ten Jahren die Trauben voll ausreifen zu lassen. Allerdings darf das Ausd\u00fcnnen nicht zu fr\u00fch erfolgen, sonst wachsen die verbleibenden Trauben noch nach und haben dann besonders gro\u00dfe, &#8222;verd\u00fcnnte&#8220; Beeren und sehr dichte, botrytisgef\u00e4hrdete Trauben.<\/p>\n<p>Trotz dieser indirekten Ma\u00dfnahmen ist gerade in niederschlagsreichen Jahren der Pflanzenschutz der wichtigste Faktor. Vor allem gegen Peronospora helfen nur vorbeugende Behandlungen mit Fungiziden. Selbst im biologischen Weinbau werden dazu Kupferl\u00f6sungen verwendet, da es gegen die eingeschleppte Erkrankung nicht gen\u00fcgt, nur die Widerstandskraft der Reben zu st\u00e4rken. Auch gegen Botrytis kann man Spritzungen durchf\u00fchren, die allerdings nur eine beschr\u00e4nkte Wirkung haben, da zwischen der letzten Behandlung und der Ernte je nach Pr\u00e4parat zwischen drei und sechs Wochen Wartefrist eingehalten werden m\u00fcssen. In der Endphase der Reife ist daher kein Schutz mehr gegeben und bei massivem Botrytisdruck hilft nur ein Vorziehen der Ernte und\/oder eine sorgf\u00e4ltige h\u00e4ndische Auslese. Trauben mit Gr\u00fcnf\u00e4ule sind dabei zu verwerfen, Trauben oder Beeren mit Edelf\u00e4ule k\u00f6nnen h\u00f6chste Pr\u00e4dikatsweinqualit\u00e4ten ergeben. Licht und Schatten sind in diesem Fall recht eng beisammen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wetter ist vor allem um diese Jahreszeit, wenn die Trauben schon halbreif und h\u00f6chst empfindlich an den Rebst\u00f6cken h\u00e4ngen\u00a0f\u00fcr echte Weinbauern ein Dauerthema. Gottseidank ist es mittlerweile wieder w\u00e4rmer und vor allem trockener geworden. Vor zwei Wochen, am 29. Juli wu\u00dfte ich noch Folgendes zu berichten:\u00a0 Gottseidank war es heute soweit. 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