{"id":2771,"date":"2010-05-22T22:13:50","date_gmt":"2010-05-22T21:13:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=2771"},"modified":"2010-05-23T13:58:50","modified_gmt":"2010-05-23T12:58:50","slug":"weinrallye-33-muskat-ottonel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=2771","title":{"rendered":"Weinrallye #33: Muskat Ottonel"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Weinrallye\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2007\/07\/weinrallye-logo-gros-mit-text.thumbnail.jpg\" alt=\"Weinrallye\" width=\"128\" height=\"74\" \/>Heute ist wieder Wein(blog)rallye-Tag, und diesmal stammt das <a href=\"http:\/\/vinissimus.blogspot.com\/2010\/04\/aufruf-zur-weinrallye-33-weine-aus.html\">Thema<\/a> von &#8222;<a href=\"http:\/\/www.vinissimus.blogspot.com\">Vinissimus<\/a>&#8220; Robert Freudenthaler. Alle deutschsprachigen Genussblogger, die Lust dazu haben befassen sich deshalb heute mit Weinen aus Aromasorten.<\/p>\n<p>Allzu schwer sollte das wohl nicht fallen, erleben doch die Rebsorten mit ausgepr\u00e4gtem Aroma in den letzten Jahren einen richtigen Boom. Auch in unserem Sortiment ist in letzter Zeit mit dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Muskat-Ottonel\">Muskat Ottonel<\/a> eine ausgewiesene Bukettsorte sehr gefragt.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung sollte aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, dass markante Weintypen wie Sauvignon, Muskat, S\u00e4mling und Co. viel st\u00e4rkeren Modewellen unterworfen sind, als vergleichsweise neutrale Weine wie Gr\u00fcner Veltliner, Wei\u00dfburgunder, Chardonnay und Konsorten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Wirtschaftswunderwein<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2776\" style=\"border: 0px;\" title=\"&quot;traubig&quot; - Foto: \u00d6WM\/Kohl\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/Tafeltraube-\u00d6WM-Kohl-bearbeitet.jpg\" alt=\"Tafeltraube \u00d6WM Kohl bearbeitet\" width=\"128\" height=\"152\" \/>Den letzten ganz gro\u00dfen Boom erlebten die Aromasorten in \u00d6sterreich in den 1960er- und 70er-Jahren. Traminer, Muskat, M\u00fcller-Thurgau und (wenn auch in deutlich geringerem Ausma\u00df) S\u00e4mling 88 (=Scheurebe) und Muskat -Silvaner (=Sauvignon blanc) waren in.<\/p>\n<p>Bei uns in M\u00f6rbisch spielte dabei der wohl schon l\u00e4nger hier verbreitete Muskat Ottonel die gr\u00f6\u00dfte Rolle. In Jahren mit guter Erntemenge (die beim bl\u00fcteempfindlichen Muskat eher die Ausnahme als die Regel darstellt) war die Sorte in manchen Kellern sogar die Nummer 1.<\/p>\n<p>Dass der M\u00f6rbischer Muskat damals eine gro\u00dfe, auch \u00fcberregionale Bekanntheit erlangt hat, lag aber wohl nicht nur an der Menge, sondern auch an der Qualit\u00e4t. Zahlreiche Geschichten ranken sich um die Sorte, und jeder M\u00f6rbischer Weinbauer hatte sein Geheimrezept, mit dem er der Sorte noch mehr Ausdruckskraft abzuringen glaubte.<\/p>\n<p>Bei Weinproben im Kollegenkreis, den in der Mundart sogenannten Kellerpartien, konnten alle Weine noch so gut ausgefallen sein,\u00a0als gelungen galt ein Jahrgang nur, wenn auch der Muskat Ottonel beeindrucken konnte.<\/p>\n<p>Weinbauern, die es besonders spannend machen wollten, pr\u00e4sentierten deshalb den Muskat gerne erst nach der Verkostung der Rotweine. Dass das Aroma\u00a0auf diese Weise noch viel intensiver zum Ausdruck kommt, war bei Proben mit Weinkunden ein sicherlich verkaufsf\u00f6rdernder Nebeneffekt.<\/p>\n<p>Den Geschmacksvorlieben der damaligen Zeit entsprechend, waren die Muskat-Weine 60er und 70er ausgesprochen intensiv, kraftvoll und s\u00fc\u00df. F\u00fcr ersteres wurde da und dort wohl auch mit einer G\u00e4rung auf der Maische (mit den aromatischen Schalen) experimentiert, und f\u00fcr letzteres war ein sp\u00e4ter Lesetermin \u00fcblich und die <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=558\">Aufbesserung<\/a> gang und g\u00e4be.<\/p>\n<p>Weil es damals keine M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine echte Sterilabf\u00fcllung gab, und\u00a0auch die \u00fcblichen hohen\u00a0<a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=639\">SO2-Mengen<\/a> allein nicht f\u00fcr eine mikrobiologische Stabilit\u00e4t garantieren konnten, wurden die g\u00e4renden Weine h\u00e4ufig so lange mit R\u00fcbenzucker aufgebessert, bis der Alkoholgehalt ein Niveau\u00a0von 14, 15 oder mehr Prozent erreichte, und die Hefe absterben lie\u00df.<\/p>\n<p>Einmal, so die Legende, wurde ein Weinbauer so lange von einem Kollegen gebeten, ihm doch zu verraten, warum sein Muskat Jahr f\u00fcr Jahr zu den besten des Ortes z\u00e4hlt, bis dieser sich gezwungen sah, eine Geschichte erfinden, um nicht mehr weiter behelligt zu werden.<\/p>\n<p>Das Geheimnis liege in der Aufbesserung, sagte der Muskat-Spezialist. Die f\u00fchre er n\u00e4mlich nicht mit gew\u00f6hnlicher Saccharose, sondern mit Vanillezucker durch, um den Muskat noch aromatischer zu machen.<\/p>\n<p>Angeblich nahm das der Kollege das f\u00fcr bare M\u00fcnze, besorgte sich unter dem Vorwand, gro\u00dfe Mengen an Mehlspeisen f\u00fcr eine Hochzeit backen zu m\u00fcssen jede Menge Vanillezucker und verwendete diesen, um Alkohol und Aroma zu verbessern. Wie er das mit Sicherheit unbrauchbare Resultat dann entsorgt hat, ist leider nicht \u00fcberliefert.<\/p>\n<p><strong>Wie Blei im Keller<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2781\" style=\"border: 0px;\" title=\"Holunderbl\u00fcte - Foto: Wikipedia\/JeLuF\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/Holunderbl\u00fcte-Wikipedia-JeLuF-komprimiert.jpg\" alt=\"Holunderbl\u00fcte Foto: Wikipedia\/JeLuF\" width=\"130\" height=\"87\" \/>Schon Ende der 1970er begannen sich die Weinvorlieben der \u00d6sterreicher aber langsam zu wandeln, und sp\u00e4testens mit dem Weinskandal von 1985 waren die s\u00fc\u00dfen, Alkoholbomben pass\u00e9.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend es den Weinbauern jedoch gelang, mit der quasi Neuerfindung von Welschriesling, Veltliner und Wei\u00dfburgunder in einer trocken(er)en, eleganten Form dem Trend zu\u00a0folgen, lagen Muskat, M\u00fcller-Thurgau und Traminer in vielen Kellern wie Blei in den F\u00e4ssern.<\/p>\n<p>In den 90ern wurde deshalb Weingarten um Weingarten gerodet, und in manchen M\u00f6rbischer Betrieben verschwand der Muskat sogar v\u00f6llig aus dem Sortiment. Auch bei uns waren am Ende nicht einmal mehr 2000 m2 damit bestockt, und ein v\u00f6lliges Aufgeben der Sorte stand durchaus im Raum.<\/p>\n<p>Immerhin war damals sogar diese geringe Menge schwierig zu verkaufen, und wir verzichteten zumindest einmal auf die Abf\u00fcllung eines guten Jahrganges, weil vom Vorg\u00e4nger noch mehr als genug auf Lager war.<\/p>\n<p>Alle Versuche, den Muskat zu modernisieren schienen nichts zu helfen. Die sukzessive Reduzierung des Restzuckers von 30 der mehr Gramm pro Liter auf etwa 15, sp\u00e4ter ungef\u00e4hr neun und zuletzt sechs Gramm brachte kaum\u00a0mehr neuen Kunden als sie alte Muskatliebhaber vergraulte.<\/p>\n<p><strong>Ein neuer Stil, ein neuer Boom<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2783\" style=\"border: 0px;\" title=\"Muskatnu\u00df - Foto: \u00d6WM\/Kohl\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/Muskatnuss-\u00d6WM-Kohl-bearbeitet.jpg\" alt=\"Muskatnuss \u00d6WM Kohl bearbeitet\" width=\"128\" height=\"109\" \/>Der Jahrgang 2000 war schlie\u00dflich unser allerletzter Versuch mit dem inzwischen nur noch wenig geliebten Muskat. Obwohl ein hei\u00dfer Jahrgang mit wenig S\u00e4ure in den Trauben gelang es uns dank sehr fr\u00fcher Lese einen ungew\u00f6hnlich frischen Wein zu keltern.<\/p>\n<p>Inspiriert vom seiner Lebendigkeit wagten wir den Verzicht auf den mittels S\u00fc\u00dfreserve eingestellten Restzucker und f\u00fcllten den Wein so knochentrocken wie er war.<\/p>\n<p>Auch wenn der Muskat aufgrund seines vergleichsweise niedrigen S\u00e4uregehaltes nie so &#8222;trocken&#8220; (sprich: sauer) schmeckt, wie andere Sorten, lag darin doch ein gewisses Risiko. Wurde (und wird bis heute) die Sorte doch von den allermeisten Konsumenten je nach Geschmacksvorliebe positiv oder negativ mit einer mehr oder weniger deutlichen Rests\u00fc\u00dfe assoziiert.<\/p>\n<p>Anfangs bescherte uns der neue, moderne Stil einigen Erkl\u00e4rungsbedarf, aber recht bald zeigte sich, dass sich diese M\u00fche lohnt. Stammkunden, die bis dahin nichts mit dem Muskat am Hut hatten, lie\u00dfen sich zu einer Kostprobe \u00fcberreden um dann nicht selten einen Karton mit nach Hause zu nehmen. Und auch neues Publikum war mit dem neuen Stil zu erreichen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re es vermessen, den Erfolg unseres Muskat allein in der ge\u00e4nderten Stilistik zu suchen. Irgendwann um das Jahr 2000 begann, zuerst kaum bemerkt, eine Renaissance der Aromasorten, deren R\u00fcckenwind die Vermarktung unseres Muskat geh\u00f6rig erleichterte.<\/p>\n<p>Das Comeback der Bukettweine blieb auch jenen M\u00f6rbischer Kollegen nicht verborgen, die sich l\u00e4ngst v\u00f6llig von der Sorte verabschiedet hatten. Um davon profitieren zu k\u00f6nnen, setzten und setzen aber interessanterweise viele eher auf den noblen Sauvignon blanc oder den trendigen Muskateller.<\/p>\n<p>Mit unserem Ansatz, die bodenst\u00e4ndige Sorte Muskat Ottonel in einer zeitgem\u00e4\u00dfen Interpretation wiederzubeleben sind wir im Ort v\u00f6llig, und \u00f6sterreichweit beinahe allein geblieben. Nachdem wir uns die ersten 2000er-Jahre mit dem Zukauf von Trauben beholfen haben, sind wir heute dank einiger <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?cat=22&amp;paged=3\">Neupflanzungen<\/a> nahezu in der Lage, die stark gestiegene Nachfrage selbst abzudecken.<\/p>\n<p>Mittlerweile ist der Muskat Ottonel unser wichtigster Wei\u00dfwein und wir haben uns l\u00e4ngst mit ihm vers\u00f6hnt. Bleibt nur zu hoffen, dass die derzeitige Modewelle der Aromasorten noch viele Jahre anh\u00e4lt&#8230;<\/p>\n<p>P.S.: Wer wissen m\u00f6chte, wie unser Muskat schmeckt, dem empfehle ich <a href=\"http:\/\/schnutentunker.wordpress.com\/2010\/05\/22\/grenzhof-fiedler-muskat-ottonel-2006-burgenland-osterreich\/\">diesen<\/a> Weinrallye-Beitrag des Schnutentunkers. \u00dcbrigens auch ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr, dass leichte, auf Jugendlichkeit und Frische hin vinifizierte Weine aus gar nicht so wahnsinnig niedrigem Ertrag nicht grunds\u00e4tzlich sp\u00e4testens ein Jahr nach der Ernte ihren Reiz verlieren m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist wieder Wein(blog)rallye-Tag, und diesmal stammt das Thema von &#8222;Vinissimus&#8220; Robert Freudenthaler. Alle deutschsprachigen Genussblogger, die Lust dazu haben befassen sich deshalb heute mit Weinen aus Aromasorten. 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