{"id":272,"date":"2007-06-25T22:50:41","date_gmt":"2007-06-25T21:50:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=272"},"modified":"2007-06-25T22:51:14","modified_gmt":"2007-06-25T21:51:14","slug":"das-laubarbeits-paradoxon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=272","title":{"rendered":"Das Laubarbeits-Paradoxon"},"content":{"rendered":"<p>Die Weine von qualit\u00e4tsorientierten Winzern spiegeln (unter anderem) besonders die Eigenheiten des Jahrgangs wider. Dabei arbeiten gerade diese Winzer mit einer jahrgangsabgestimmten Laubarbeit darauf hin, die Wetterextreme jedes Jahres zu mildern und damit die Unterschiede (im Interesse der Qualit\u00e4t) zu verringern.<\/p>\n<p>Neben der Bodenbearbeitung, die den Wasserhaushalt der Rebe beeinflu\u00dft, bieten die Laubarbeiten n\u00e4mlich die beste M\u00f6glichkeit der Witterung manchmal ein kleines Schnippchen zu schlagen. Die Erfolgsquote dabei ist, wie auch die Wettervorhersage, mal besser und mal schlechter.<\/p>\n<p><strong>Die Ausgangssituation<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem milden Winter, dem warmen und trockenen April, dem nicht besonders k\u00fchlen Mai und dem hochsommerlichen Juni ist die Entwicklung der Reben deutlich weiter fortgeschritten als normal. Je nach Vergleichsdaten (<a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=235\">Bl\u00fctetermin<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.rebschutzdienst.at\/Krankh_Schaedlinge\/Kr_Sch_Beschr_Bilder\/17_Traubenwickler\/Traubenwickler.htm\">Traubenwickler<\/a>&#8211;<a href=\"http:\/\/www.wickler-watch.at\/\">Flug<\/a>,&#8230;) liegen wir mit dem bisherigen &#8222;Spitzenreiter&#8220; 2003 gleichauf oder sind sogar noch etwas fr\u00fcher dran.<\/p>\n<p>Auch wenn es noch keine Trockensch\u00e4den gibt und bei uns in M\u00f6rbisch zwei Gewitterausl\u00e4ufer in den letzten Tagen etwas Linderung gebracht haben, d\u00fcrften die Wasserreserven im Boden doch weitgehend aufgezehrt sein.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Die Prognose<\/strong><\/p>\n<p>Angesichts dieser Verh\u00e4ltnisse und den typischen hei\u00dfen, trockenen Sommern des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pannonisches_Klima\">pannonischen Klimas<\/a> ist mit einer sehr fr\u00fchen Ernte zu rechnen. Es k\u00f6nnte gut sein, da\u00df die Weinlese um den 25. August (oder im Extremfall sogar noch fr\u00fcher) beginnt. Die Traubenreife wird heuer also aller Wahrscheinlichkeit nach unter warmen bis hei\u00dfen und m\u00f6glicherweise eher (zu) trockenen Bedingungen stattfinden.<\/p>\n<p><strong>M\u00f6gliche Auswirkungen&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Ein fr\u00fcher Reifebeginn bedeutet normalerweise, da\u00df es keine gro\u00dfen Probleme mit nicht genug ausgereiften Trauben gibt. Wenn F\u00e4ulnis, Hagel oder Trockensch\u00e4den nicht zu vorzeitiger Lese zwingen, kann &#8211; anders als bei einer ohnehin schon sp\u00e4ten Ernte &#8211;  die Reife bei relativ warmen und stabilen Bedingungen abgewartet werden.<\/p>\n<p>Trockenheit und Hitze f\u00fchren fast immer zu geringen S\u00e4uregehalten in den Trauben, die beim Rotwein wenig Probleme darstellen, beim Wei\u00dfwein aber zu einem Mangel an Frische und Ausdruckskraft f\u00fchren k\u00f6nnen. Eine hohe Sonneneinstrahlung bei der Reife beg\u00fcnstigt die Entwicklung der Farbstoffe der Rotweinsorten und f\u00fchrt zu einer dickeren Schale mit h\u00f6herem Tanningehalt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend diese Tannine bei den Rotweinen eher positiv beurteilt werden, k\u00f6nnen sie (vor allem in Verbindung mit wenig S\u00e4ure und relativ hohem Alkohol) zu unharmonischen Wei\u00dfweinen f\u00fchren. Daf\u00fcr sind solche Trauben deutlich weniger anf\u00e4llig f\u00fcr F\u00e4ulnis.<\/p>\n<p>Trauben die unter hei\u00dfen Bedingungen reifen, lagern weniger Aromastoffe ein und neigen eher zu eindimensionalen, \u00fcberreif-marmeladigen Fruchtnoten, denen es an Finesse fehlt. Und hohe Traubentemperaturen bei der Ernte erh\u00f6hen nicht nur den K\u00fchlungsaufwand bei der Verarbeitung, sondern auch das Risiko f\u00fcr mikrobiologische Fehlentwicklungen bei nicht perfekter Kellerhygiene.<\/p>\n<p><strong>&#8230;und wie man mit der Laubarbeit gegensteuern k\u00f6nnte<\/strong><\/p>\n<li>Reduktion der Blattfl\u00e4che:<br \/>\nEine m\u00f6gliche Strategie, um die Nachteile zu mildern k\u00f6nnte eine jahrgangsspezifisch verringerte Blattfl\u00e4che sein. Weniger Bl\u00e4tter bedeuten zwar weniger Photosynthese und eine verz\u00f6gerte Reife (was heuer ja durchaus akzeptabel erscheint), daf\u00fcr aber auch einen niedrigeren Wasserverbrauch (was vielleicht etwas weniger Trockenstre\u00df bedeutet).<\/p>\n<p>In der Praxis sind die Auswirkungen vermutlich eher bescheiden und da die Blattfl\u00e4che oft durch das Erziehungssystem und die Mechanisierung vorgegeben ist, erscheint eine Verringerung der Blattfl\u00e4che wenig praktikabel.<\/li>\n<li>Beschattung der Trauben:<br \/>\nSchattentrauben reifen langsamer und unter k\u00fchleren Bedingungen, was Auswirkungen auf ihren S\u00e4uregehalt und das Aroma hat. In Jahren mit zu viel Sonne k\u00f6nnen diese Auswirkungen durchaus positiv sein, weshalb eine Entbl\u00e4tterung der Traubenzone heuer nicht ratsam erscheint.<\/p>\n<p>Um trotzdem die Vorteile der Entbl\u00e4tterung zu nutzen (u.a. Krankheitsvorbeugung und eine Erleichterung des Ausd\u00fcnnens) bietet sich bei Rebzeilen in Ost-West-Richtung eine Entbl\u00e4tterung nur der Nordseite (d.h. der Schattenseite) der Rebst\u00f6cke an. Sollte zur Endreife wider Erwarten feuchtes Wetter herrschen, kann es sinnvoll sein, zur Botrytisvorbeugung doch noch zu entbl\u00e4ttern.<\/li>\n<li>Das Ertragsniveau:<br \/>\nDas vielleicht wirkungsvollste, sicherlich aber auch riskanteste Instrument, um der Jahrgangstendenz entgegenzusteuern ist der Traubenertrag. Nachdem sehr viele (vor allem junge) Weing\u00e4rten ohnehin ausged\u00fcnnt werden m\u00fcssen, um ein qualitativ sinnvolles Ertragsniveau zu erreichen, bedeutet eine Ver\u00e4nderung der Erntemenge oft keinerlei zus\u00e4tzlichen Aufwand.<\/p>\n<p>H\u00f6here Ertr\u00e4ge bremsen naturgem\u00e4\u00df die Reife, weil der Rebstock seine Energie auf mehr Trauben aufteilen mu\u00df. Diese Verz\u00f6gerung k\u00f6nnte im Idealfall dazu f\u00fchren, da\u00df die Traubenreife unter etwas k\u00fchleren Herbstbedingungen erfolgt. Au\u00dferdem kann ein h\u00f6herer Ertrag ein etwas h\u00f6heres S\u00e4ureniveau bewirken, was heuer nur von Vorteil sein kann. Und schlie\u00dflich bedeuten ma\u00dfvoll gesteigerte Ertr\u00e4ge auch mehr Wein f\u00fcr den Winzer&#8230;<\/p>\n<p>Diesen verlockenden Aussichten steht ein ziemlich hohes Risiko entgegen. H\u00f6here Ertr\u00e4ge bedeuten nat\u00fcrlich auch einen h\u00f6heren Wasserbedarf der Reben. Und wenn es nicht ausreichend und zeitgerecht regnet (und das wei\u00df man leider erst, wenn es zu sp\u00e4t ist), kann ein h\u00f6herer Ertrag das Stre\u00dfniveau der Reben (samt niedrigen S\u00e4urewerten, einem Mangel an N\u00e4hrstoffen f\u00fcr die Hefe im Most und Bitterstoffen in der Schale) betr\u00e4chtlich steigern.<\/p>\n<p>Sollte es nicht so weit kommen, der Ertrag f\u00fcr die erw\u00fcnscht Qualit\u00e4t aber doch zu hoch gewesen sein, kann man beim Rotwein versuchen, mittels Saftabzug von der Maische die Konzentration an Farbstoffen und Tanninen zu erh\u00f6hen. Dabei wird von der frisch geernteten Rotweinmaische vor der G\u00e4rung Saft abgezogen (der zu Rose verarbeitet wird), damit die im G\u00e4rbeh\u00e4lter verbleibende Menge einen proportional h\u00f6heren Anteil an Schalen enth\u00e4lt.<\/p>\n<p>Neben dem Grad der Ausd\u00fcnnung des Behanges ist auch der Zeitpunkt dieser Ma\u00dfnahme nicht unwesentlich. Eine fr\u00fche Traubenreduktion entlastet gestre\u00dfte St\u00f6cke fr\u00fcher, kann aber bei Regenf\u00e4llen zu einem st\u00e4rkeren Gr\u00f6\u00dfenwachstum der Trauben f\u00fchren, was nicht nur den ertragsreduzierenden Effekt zunichte macht, sondern auch das Risiko f\u00fcr F\u00e4ulnis erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Und ein sp\u00e4tes Ausd\u00fcnnen belastet den Weinstock lange mit der vollen Traubenanzahl, bremst aber daf\u00fcr das Wachstum der verbleibenden Trauben.<\/li>\n<p><strong>Es bleibt spannend (Oder: Nachher ist man immer kl\u00fcger)<\/strong><\/p>\n<p>Alle Strategien h\u00e4ngen nat\u00fcrlich am weiteren Wetterverlauf. Ein anhaltend k\u00fchler und feuchter Juli \u00e1 la August 2006 k\u00f6nnte zu einem starken Gr\u00f6\u00dfenwachstum aller Trauben f\u00fchren (mit fatalen qualitativen Auswirkungen auf nicht ertragsreduzierte Anlagen) und eine f\u00e4ulnisvorbeugende (Radikal-)Entbl\u00e4tterung zum Gebot der Stunde machen.<\/p>\n<p>Und bei einem trockenen, aber k\u00fchler August w\u00e4ren alle Ma\u00dfnahmen zur Hitzestre\u00dfvorbeugung Makulatur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Weine von qualit\u00e4tsorientierten Winzern spiegeln (unter anderem) besonders die Eigenheiten des Jahrgangs wider. Dabei arbeiten gerade diese Winzer mit einer jahrgangsabgestimmten Laubarbeit darauf hin, die Wetterextreme jedes Jahres zu mildern und damit die Unterschiede (im Interesse der Qualit\u00e4t) zu verringern. Neben der Bodenbearbeitung, die den Wasserhaushalt der Rebe beeinflu\u00dft, bieten die Laubarbeiten n\u00e4mlich die &#8230; <a title=\"Das Laubarbeits-Paradoxon\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=272\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Das Laubarbeits-Paradoxon\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-272","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-weingarten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/272","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=272"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/272\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=272"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=272"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=272"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}