{"id":2514,"date":"2010-03-23T14:02:43","date_gmt":"2010-03-23T13:02:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=2514"},"modified":"2010-03-23T14:02:43","modified_gmt":"2010-03-23T13:02:43","slug":"der-herr-kommerzialrat-weinrallye-31","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=2514","title":{"rendered":"Der Herr Kommerzialrat (Weinrallye #31)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Gastbeitrag von &#8222;<a href=\"http:\/\/atterseereblaus.at\/\">Atterseereblaus<\/a>&#8220; Michael Eichinger<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Weinrallye\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2007\/07\/weinrallye-logo-gros-mit-text.thumbnail.jpg\" alt=\"Weinrallye\" width=\"128\" height=\"74\" \/>Die folgende Geschichte erz\u00e4hlt von jenem Schl\u00fcsselerlebnis, welches f\u00fcr mich wegweisend und ausschlaggebend f\u00fcr meine Liebe zum Wein war. Auch wenn dieses Ereignis bereits Jahre zur\u00fcck liegt, so ist die Erinnerung daran noch so frisch, als ob es erst gestern passiert w\u00e4re&#8230;<\/p>\n<p>In jenen Tagen stand das Weihnachtsfest bevor und mein Kollege sowie meine Wenigkeit befanden sich gerade ziemlich in Zeitknappheit (mE simuliert das Wort Stress die Unf\u00e4higkeit, sich die Zeit richtig einzuteilen, weswegen ich diesen Ausdruck von jeher tunlichst vermeide). Der Jahresabschluss sollte f\u00fcr die Buchhaltung vorbereitet werden und wir f\u00fchlten uns dabei wie Akteure in Mission impossible. Dies nicht zuletzt aufgrund der unerledigten, nicht enden wollenden Aktenberge, die sich vor uns auftaten.<\/p>\n<p>Dementsprechend war die Stimmung im B\u00fcro gereizt. Als ob das noch nicht genug gewesen w\u00e4re, befand sich der einzige verf\u00fcgbare Computer in jenem Dauerzustand, der auch heute noch unter dem Begriff \u201eSystem error\u201c f\u00fcr graue Haare bei Administratoren sorgt. Laut fluchend verschafften wir unserem \u00c4rger Luft indem wir \u00fcber den scheinbaren Segen der Technik herzogen. In unserer Rage \u00fcbersahen wir fast jenen \u00e4lteren Herrn der in der B\u00fcrot\u00fcr stand und namentlich nach meinem Kollegen und mir begehrte.<\/p>\n<p>Misstrauisch musterten wir den Fremden, war doch schon sein milit\u00e4risch zackiges Auftreten nicht sehr Vertrauen erweckend. \u201eMein Name ist Gaigg. Kommerzialrat Gaigg!\u201c Klingeling, jetzt l\u00e4utete es. B\u00fcromaschinen Gaigg war einer unserer gr\u00f6\u00dften und zugleich wichtigsten Kunden. Unglaublich, dass sich der Chef h\u00f6chstpers\u00f6nlich bem\u00fchte und nach uns zwei Jungspunden verlangte. Kurz \u00fcberlegte ich, ob beim letzten Auftrag vielleicht etwas verbockt wurde. \u201eWissen Sie, es ist mir wirklich ein Bed\u00fcrfnis, mich pers\u00f6nlich bei Ihnen f\u00fcr die gute Zusammenarbeit mit einem kleinen Geschenk zu bedanken.\u201c Als ob er es geahnt h\u00e4tte, zerstreute der Herr Kommerzialrat meine Bef\u00fcrchtungen.<\/p>\n<p>\u201eDa habe ich mir halt gedacht, ich nehme ihnen etwas mit.\u201c Augenblicklich schenkten wir dem netten Herrn unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, denn das was wir h\u00f6rten klang viel versprechend und bedeutete den ersten Lichtblick an diesem Tag. Geheimnisvoll holte er hinter seinem R\u00fccken einen Karton hervor, legte ihn uns zugewandt auf einen der Aktenst\u00f6\u00dfe und \u00f6ffnete ihn. \u201eDas sind zwei besondere Flaschen franz\u00f6sischen Weins.\u201c fuhr unser Besucher sichtlich stolz fort.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2551\" style=\"border: 0px;\" title=\"Foto: steve.haider.com\" src=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Rotweinglas-komprimiert.jpg\" alt=\"Foto: steve.haider.com\" width=\"508\" height=\"337\" srcset=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Rotweinglas-komprimiert.jpg 508w, https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/wp-content\/uploads\/2010\/03\/Rotweinglas-komprimiert-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 508px) 100vw, 508px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Autsch! Ausgerechnet Wein! Kein Whisky oder wenigstens franz\u00f6sischer Cognac, nein franz\u00f6sischer Wein. Zur damaligen Zeit hatte ich keinen Bezug zum Rebensaft und insgeheim haderte ich sogar mit dem Erhalt dieses sinnlosen Geschenkes. Artig bedankten wir uns f\u00fcr die \u201enoble Geste\u201c, w\u00fcnschten frohe Weihnachten und verabschiedeten Herrn Gaigg genauso schnell wie er in der T\u00fcr erschienen war. Man hatte ja schlie\u00dflich zu tun.<\/p>\n<p>Einen Tag vor Weihnachten schafften wir dann doch noch das Unm\u00f6gliche und f\u00fchrten die Akten ihrer endg\u00fcltigen Bestimmung zu. Kurz vor Dienstschluss hatte mein Kollege die glorreiche Idee, das nahende Weihnachtsfest doch entsprechend mit Alkohol zu w\u00fcrdigen. Schlie\u00dflich hatten wir eine harte Arbeitswoche hinter uns und einen passenden Ausklang mehr als verdient. Was sollte da besser geeignet sein, als eine jener besonderen Flaschen des Herrn Kommerzialrat? Den Worten lie\u00dfen wir die Taten folgen und&#8230;<\/p>\n<p>Fassungslos und angeekelt \u00fcber den grauenvoll schmeckenden Glasinhalt wunderte mich der Gesichtsausdruck meines Gegen\u00fcbers, der dreinblickte, als ob er ihn eine Grapefruit gebissen h\u00e4tte, \u00fcberhaupt nicht. Das sollte ein besonderer franz\u00f6sischer Wein sein? Von wegen Grande Nation! Kein Wunder wenn die Franzosen beinahe den Krieg verloren und au\u00dfer der franz\u00f6sischen Sprache offensichtlich nichts gelernt hatten. Mit solcherlei Attit\u00fcden ausgestattet, konnte doch wohl kein anderer Schluss zul\u00e4ssig sein als der, dass da nichts Intelligentes zu erwarten sei, selbst wenn es der Wein des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs pers\u00f6nlich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Kopfsch\u00fcttelnd betrachteten wir den Inhalt der extra f\u00fcr diesen Zweck aus dem Kellerarchiv geholten, noch kartonkalten Biergl\u00e4ser. Etwas entt\u00e4uscht st\u00f6pselten wir die angebrochene Flasche zu, stellten sie ins Regal unserer Dienstkammer und entsch\u00e4digten uns mit einem gro\u00dfz\u00fcgigen Schluck Kornschnaps, der sicherheitshalber f\u00fcr Verdauungsprobleme immer bereit stand. Dieser brannte zwar wie toll in der Kehle, best\u00e4tigte aber wenigstens unsere so hohe Meinung von diesem offensichtlich missratenen Wein.<\/p>\n<p>Nach dem Jahreswechsel, der unr\u00fchmliche Vorfall mit dem Wein war l\u00e4ngst vergessen, fanden sich mein Kollege und ich wieder zur Arbeit ein. Zugegeben, etwas lustlos und den vergangenen Feiertagen in Gedanken noch nachh\u00e4ngend, aber immerhin waren wir k\u00f6rperlich anwesend.<\/p>\n<p>\u201eGuten Tag die Herrn!\u201c unterbrach eine uns wohl bekannte Stimme die Stille des Raums und Kommerzialrat Gaigg spazierte gut gelaunt in unsere Kanzlei. \u201eNa, wie haben wir denn die Feiertage verbracht? War das Christkind sch\u00f6n brav? Ja und, haben\u00b4s den Wein schon verkostet?\u201c Der Wein! Welch grauenvolle Erinnerung, welch absurde Frage. \u201eJa, alles gut hinter uns gebracht. Und der Wein war sehr gut!\u201c log mein Kollege w\u00e4hrend er auf seinen leeren Bildschirm starrte und Gesch\u00e4ftigkeit vorspielte. \u201eLeider war die Flasche viel zu schnell leer!\u201c<\/p>\n<p>Da konnte ich mich einfach nicht mehr halten, Diplomatie war ja noch nie meine St\u00e4rke: \u201eAlso um ehrlich zu sein, Herr Kommerzialrat, hmm&#8230;tja&#8230; ich wei\u00df nicht recht wie ich es sagen soll, aber der Wein war unter jeder Sau!\u201c So, jetzt war es zumindest gesagt! Was soll ich da lange heruml\u00fcgen und f\u00fcr irgendetwas Begeisterung zeigen was keine verdient.<\/p>\n<p>\u201eSoso\u201c meinte der Herr Kommerzialrat. \u201eUnter jeder Sau! Verstehe&#8220;, murmelte er sichtlich gekr\u00e4nkt. Ich versuchte die Situation zu retten indem ich irgend etwas Tr\u00f6stliches von mir geben wollte, da zischte es messerscharf: \u201eWIE haben sie denn den Wein getrunken?\u201c<\/p>\n<p>Was WIE? Alles h\u00e4tte ich erwartet, vor allem eine \u00c4u\u00dferung in Richtung Banausen, Ignoranten oder dergleichen, aber das nicht. Was sollte das auch? Warum nicht mit einer schlichten Beleidigung wie \u201eundankbares Volk\u201c gekontert, aber nein WIE musste er fragen. Offensichtlich sah man mir meine Verwirrtheit an, denn nun folgte eine etwas detailiertere Fragestellung. \u201eNun meine Herren, bei diesem Wein ist es nicht unerheblich, wie er getrunken wurde, deshalb meine Frage.\u201c \u201eAch so,\u201c entgegnete ich schon etwas gefasster, \u201ena wie werden wir ihn schon getrunken haben? Den Korken heraus und hinein ins Glas!\u201c<\/p>\n<p>\u201eSIND SIE WAHNSINNIG!\u201ckam es ebenso prompt wie emp\u00f6rt. Ein Sturm der Entr\u00fcstung brauste auf uns hernieder und der ansonsten so gefasste Herr wirkte auf einmal alles andere als gefasst. \u201eEinen solchen Wein frisch aus der Flasche? Ja, haben sie den gar keine Ahnung?\u201c Nein, hatten wir tats\u00e4chlich nicht und bis zu diesem Zeitpunkt machte ich mir auch gar keine gro\u00dfen Gedanken \u00fcber etwaige Weinzeremonien, schmeckte f\u00fcr mich doch jeder Wein gleich. Oder zumindest fast jeder.<\/p>\n<p>Unser Herr Kommerzialrat nahm mittlerweile wieder Haltung an und wie aus Zauberhand hielt er in der einen Hand eine leere Dekantierkaraffe und in der anderen ein Kellnerbesteck: \u201eSie haben doch sicher noch die zweite Flasche, nicht wahr?\u201c Nat\u00fcrlich hatten wir die noch und ich beeilte mich, sie herbei zu holen. In den folgenden Augenblicken wurden wir Zeugen eines f\u00fcr mich sehr beeindruckenden Zeremoniell. Das begann schon beim Abschneiden der Kapselfolie, die wir bei Flasche N\u00b01 noch achtlos herunter gerissen hatten.<\/p>\n<p>Dass das Kellnerbesteck am Korken angesetzt wurde bekam dieser vermutlich gar nicht mit, so sorgf\u00e4ltig und liebevoll geschah dies. Genauso gef\u00fchlvoll wie fachm\u00e4nnisch ging es weiter und der Flaschenhals in den Hals der Karaffe eingef\u00fchrt. Bed\u00e4chtig wurde die Flasche gerade soweit angehoben, dass der Inhalt in die Weinkaraffe hin\u00fcber flie\u00dfen konnte. Das geschah so langsam, dass ich damals den Eindruck hatte, man k\u00f6nnte jeden einzelnen Weintropfen per Handschlag begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Nachdem sich der Wein auf diese Art und Weise in seinem neuen Zuhause ausgebreitet hatte, klang die Stimme des Zeremonienmeisters bereits sehr vers\u00f6hnlich. \u201eMeine Herren, wir haben jetzt Zeit bis zum Abend. Auf Wiedersehen!\u201c sprach es und lie\u00df uns zwei verdutzte Lappen sichtlich vergn\u00fcgt zur\u00fcck. P\u00fcnktlich zu Dienstschluss gab uns der Herr Kommerzialrat wieder die Ehre und diesmal verstanden wir, wie wichtig das WIE war.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass wir einen sensationellen Wein im mitgebrachten Weinglas genie\u00dfen durften &#8211; auch das hatten wir noch str\u00e4flich beim ersten Mal vernachl\u00e4ssigt und ich will gar nicht daran denken, woraus wir da getrunken hatten &#8211; sondern auch das komplexe Aromen- und Duftspiel des nun gro\u00df aufspielenden Rebensaftes beeindruckte uns wahrlich. \u201eSehen sie meine Herren, so kann und soll ein gro\u00dfer Wein schmecken!\u201c<\/p>\n<p>Mehr musste uns auch nicht gesagt werden, denn ich sch\u00e4mte mich im Nachhinein noch dermassen, dass ich mir vorgenommen hatte, nie mehr wieder in eine solche Verlegenheit zu kommen. Und so kam es, dass dieses Ereignis der Grundstein meines nun \u00fcber alle Ma\u00dfen geliebten Hobbys wurde.<\/p>\n<p>Neben unz\u00e4hligen theoretischen und auch praktischen weinseligen Erfahrungen seit dieser Zeit bleibt mir aber immer noch der Wein des damaligen Abends lebhaft in Erinnerung: ein Chateau Le\u00f3ville-Las-Cases Jahrgang 1982. Ich habe ihn seither niemehr im Glas gehabt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gastbeitrag von &#8222;Atterseereblaus&#8220; Michael Eichinger Die folgende Geschichte erz\u00e4hlt von jenem Schl\u00fcsselerlebnis, welches f\u00fcr mich wegweisend und ausschlaggebend f\u00fcr meine Liebe zum Wein war. 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