{"id":2288,"date":"2010-01-20T20:20:43","date_gmt":"2010-01-20T19:20:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=2288"},"modified":"2010-01-20T20:25:58","modified_gmt":"2010-01-20T19:25:58","slug":"alkohol-zunahmi-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=2288","title":{"rendered":"Alkohol-Zunahmi (4)"},"content":{"rendered":"<p>Nach meinen \u00dcberlegungen in <a href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=2249\">Teil 3<\/a> mu\u00df ich davon ausgehen, dass in vergleichbaren Regionen die meisten Alkoholwerte jenseits von 13,5 Prozent entweder aus einer Aufbesserung bzw. Mostkonzentration (eher beim Rotwein), oder einer Mitverarbeitung von \u00fcberreifen Botrytistrauben (nur beim Wei\u00dfwein) resultieren.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es dabei (z.B.\u00a0sorten- oder jahrgangsspezifische) Ausnahmen. Deshalb sind auch sicher nicht alle Angaben falsch, die diesbez\u00fcglich von den Vertretern meiner Zunft gemacht werden.<\/p>\n<p>Ob und wie er in jenen F\u00e4llen, die nicht die Ausnahme darstellen das Thema Alkoholerh\u00f6hung kommuniziert,\u00a0mu\u00df jeder Winzer selbst entscheiden. Ich pers\u00f6nlich finde es\u00a0zwar ehrlicher, dazu zu stehen, aber es ist nicht meine Angelegenheit, wenn andere diese harmlosen, traditionellen Verfahren lieber verheimlichen.<\/p>\n<p>Problematisch wird es allerdings f\u00fcr mich dann, wenn dieses Verhalten dazu f\u00fchrt, dass der hohe Alkoholgehalt von der Mehrzahl der privaten wie kommerziellen Weinfreaks f\u00fcr eine kaum vermeidbare Folge des Strebens nach Qualit\u00e4t gehalten wird.<\/p>\n<p>Die Wahrheit ist n\u00e4mlich eine ganz andere:<\/p>\n<p><strong><!--more--><\/strong><\/p>\n<p><strong>Prozente als Mittel zum Zweck<\/strong><\/p>\n<p>Hohe Alkoholwerte im Wein sind in sehr vielen F\u00e4llen kein (mehr oder weniger unerw\u00fcnschter) Nebeneffekt, sondern ein von zahlreichen Produzenten bewu\u00dft eingesetztes Stilmittel.<\/p>\n<p>Alkohol wirkt (innerhalb eines gewissen Rahmens) im Wein s\u00fc\u00dflich, und gemeinsam mit\u00a0Glycerin (dessen Menge als Nebenprodukt der G\u00e4rung bei mehr Zucker genauso steigt) kann er Weine voller, weicher und vor allem mundf\u00fcllender machen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie Geschmacksverst\u00e4rker in Lebensmitteln erschwert er auf diese Weise zwar die Wahrnehmung einzelner Aromen, erh\u00f6ht aber gleichzeitig die Gesamtintensit\u00e4t des Weines am Gaumen.<\/p>\n<p>Diese Eigenschaft kommt in Verkostungssituationen besonders zum Tragen, wenn die erm\u00fcdeten Geschmacksnerven kaum noch\u00a0mit einem subtilen Aromenspiel zu beeindrucken sind.<\/p>\n<p>Manche Kritiker des (nicht ausschlie\u00dflich aber doch stark) von Alkohol getragenen Weinstils w\u00fcrden an dieser Stelle wohl laut \u00fcber die &#8222;Parkerisierung&#8220; lamentieren. Und dar\u00fcber, wie sehr das amerikanisch-\u00fcppige Geschmacksbild von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Parker\">Robert Parker<\/a> mittlerweile die Weinwelt pr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Mir ist diese Erkl\u00e4rung aber zu einfach, denn schlie\u00dflich findet man bewu\u00dft alkoholstark ausgebaute Weine z.B. auch dort, wo ausschlie\u00dflich f\u00fcr den \u00f6sterreichischen Inlandsmarkt produziert wird (auf dem Parker nicht wirklich eine Rolle spielt). Und diese Weine werden auch von Leuten gekauft, die den Namen Parker\u00a0h\u00f6chstens mit Kugelschreibern verbinden.<\/p>\n<p>Allen Light-Tendenzen im Nahrungsmittelbereich zum Trotz bevorzugen viele Weinkonsumenten heutzutage offenbar fette, schwere Weine. W\u00e4re ich polemisch, w\u00fcrde ich sagen, sie halten heute jene Art von Wei\u00dfwein f\u00fcr das Nonplusultra, die vor\u00a025 Jahren als altmodisch und \u00fcberladen galt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re\u00a0das ungerecht, weil\u00a0das\u00a0Qualit\u00e4tsniveau 2010 wesentlich h\u00f6her ist. Gewisse Parallelen zwischen den botrytisgepr\u00e4gten, alkoholstarken und mehr oder weniger rests\u00fc\u00dfen Wei\u00dfweinen der 1960er und 70er und manchen \u00fcberreif-\u00fcppigen, nicht wirklich trockenen aktuellen Weinen liegen aber auf der Hand.<\/p>\n<p>Wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist, l\u00e4\u00dft sich wohl nicht eindeutig kl\u00e4ren. Am Anfang stand auf jeden Fall der Weinskandal von 1985, der vorwiegend kr\u00e4ftig schmeckende Weine betraf. Er bewirkte ein radikales Umdenken bei Produzenten und Konsumenten. In einer \u00dcberreaktion galten in der zweiten H\u00e4lfte der 1980er extrem leichte, d\u00fcnne und s\u00e4urereiche Weine als besonders hochwertig.<\/p>\n<p>Nur langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass es schon einer gewissen Traubenreife bedarf, um wirklich gute Qualit\u00e4tsweine zu erzeugen. Die Alkoholwerte stiegen von extrem niedrigen auf moderate Werte an und der S\u00e4uregehalt der Weine wurde deutlich harmonischer.<\/p>\n<p>Bald darauf hielten einige Gramm Restzucker wieder Einzug in manchen (legal) als trocken bezeichneten Wein, und seit Ende der 1990er schrauben viele Produzenten den Alkoholgehalt mancher Weine bewu\u00dft immer weiter hinauf.<\/p>\n<p>Von den Weinmedien wurden sie dabei wohlwollend unterst\u00fctzt, und weil bei den meisten Wettbewerben die alkoholreichsten Weine ziemlich weit vorne zu finden sind, begannen manche wohl Alkohol ein wenig mit Qualit\u00e4t zu assoziieren.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung (ver)f\u00fchrte dazu, dass immer mehr Winzer dem Trend zu \u00fcppigeren Weinen mit mehr Alkohol folgten. Und dass immer weniger Weine mit mittlerem Alkoholgehalt \u00fcberhaupt noch zu derartigen Veranstaltungen eingereicht wurden.<\/p>\n<p>Vor allem bei den Roten \u00fcbernahmen viele Produzenten das Rezept ihrer Spitzenweine auch im Basissortiment und f\u00fchrten ein Upgrade der Alltagsweine auf 13,5 Prozent und mehr durch.\u00a0Mit Erfolg, wie es scheint, denn es gibt keinerlei Anzeichen, dass diese Weine keine K\u00e4ufer finden.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise tut sich Otto Normalverbraucher ja mittlerweile beim Wein \u00e4hnlich schwer, schlechte Qualit\u00e4t von guter, aber feingliedriger Qualit\u00e4t zu unterscheiden wie bei den Nahrungsmitteln und geht deshalb auf die geschmacksverst\u00e4rkte Nummer sicher.<\/p>\n<p>Nachdem (zum Gl\u00fcck) keine Z\u00e4sur wie 1985 in Sicht ist, wird sich das Weingeschmacksbild der Mehrheit wohl auch nicht so schnell \u00e4ndern. Zumal die Versuche mancher Weinmedien, einen Trend zu weniger Alkohol herbeizuschreiben, nur eine winzig kleine Verbraucherschicht erreichen, und von den Verfassern offenbar selbst nicht immer ganz ernst genommen werden.<\/p>\n<p>Zu diesem Eindruck kann man zumindest kommen, wenn man die diesbez\u00fcglichen Aussagen im Einleitungstext diverser Publikationen mit den (zumeist hohen) Bewertungen alkoholschwerer Weine vergleicht.<\/p>\n<p>Um diese Diskrepanz irgendwie zu erkl\u00e4ren, kommt Meinungsbildnern wie Winzern die bequeme Ausrede gerade recht, dass hohe Alkoholwerte, deren Opfer Winzer wie Weinkonsumenten sind, eine bedauerliche, aber leider unvermeidbare Folge von Qualit\u00e4tsanstrengungen und Klimawandel\u00a0darstellen.<\/p>\n<p>Manche der Beteiligten wissen es vielleicht wirklich nicht besser. Bei einigen ist aber sicher auch ein geh\u00f6riges Ma\u00df Heuchelei mit im Spiel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach meinen \u00dcberlegungen in Teil 3 mu\u00df ich davon ausgehen, dass in vergleichbaren Regionen die meisten Alkoholwerte jenseits von 13,5 Prozent entweder aus einer Aufbesserung bzw. Mostkonzentration (eher beim Rotwein), oder einer Mitverarbeitung von \u00fcberreifen Botrytistrauben (nur beim Wei\u00dfwein) resultieren. Nat\u00fcrlich gibt es dabei (z.B.\u00a0sorten- oder jahrgangsspezifische) Ausnahmen. 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