{"id":162,"date":"2007-02-08T21:52:50","date_gmt":"2007-02-08T20:52:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=162"},"modified":"2007-02-08T21:53:48","modified_gmt":"2007-02-08T20:53:48","slug":"mussen-bio-weine-anders-schmecken-und-wenn-ja-warum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=162","title":{"rendered":"M\u00fcssen Bio-Weine anders schmecken?"},"content":{"rendered":"<p>Diese spannende Frage stellte Frank vor einigen Tagen <a href=\"http:\/\/www.wein-plus.de\/forum\/mb,a,t,34505,681,+Muessen+Bio-Weine+anders+schmecken+Und+wenn+ja+warum.html\">hier<\/a> im Wein-Plus-Forum, erhielt aber nur wenige Antworten. Was m\u00f6glicherweise daran liegt, da\u00df die Sache mit den Bio-Weinen doch ziemlich komplex ist. Und f\u00fcr ein relativ m\u00fchsames, mail-basiertes Weinforum meiner Meinung nach zu komplex, weshalb ich auf diesem Weg versuchen m\u00f6chte, meine Ansichten zu diesem Thema darzustellen:<!--more--><\/p>\n<p><strong>Wann ist ein Wein bio?<\/strong><\/p>\n<p>Bio-Weine entstammen Produktionsmethoden, die verschiedene Verb\u00e4nde f\u00fcr sich als biologisch definiert haben und die ob ihrer Art und Kontrollinstrumente staatlich als biologisch anerkannt werden.<\/p>\n<p>Diese Richtlinien betreffen zwar auch die Weinbereitung (z.B. niedrigere SO2-H\u00f6chstmengen), der Hauptunterschied zum konventionellen Weinbau liegt aber naturgem\u00e4\u00df im Weinbau.<\/p>\n<p><strong>Welche Idee steckt dahinter?<\/strong><\/p>\n<p>Im Weingarten setzen alle Bio-Ideologien auf die St\u00e4rkung der Weinrebe u. a. durch einen m\u00f6glichst gesunden Boden, eine Milderung des Monokultur-Effekts durch bl\u00fchende Begr\u00fcnungspflanzen und durch nat\u00fcrliche Pflanzenst\u00e4rkungsmittel ab.<\/p>\n<p>Diese Ma\u00dfnahmen sollen die Abwehrkraft der Rebe und das nat\u00fcrliche Gleichgewicht von N\u00fctzlingen und Sch\u00e4dlingen derart beeinflu\u00dfen, da\u00df es keinerlei &#8222;unnat\u00fcrliche&#8220; Pflanzenschutz- oder D\u00fcngemittel braucht, um gesunde und hochwertige Trauben zu erhalten.<\/p>\n<p><strong>Ist bio gleich bio?<\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb der biologischen Landwirtschaft haben sich verschiedene Str\u00f6mungen entwickelt. W\u00e4hrend die organisch-biologische Wirtschaftsweise die Bedeutung eines gesunden, humusreichen und belebten Bodens (sowie andere &#8222;nat\u00fcrliche&#8220; Faktoren) betont, werden bei der bio-dynamischen Wirtschaftsweise auch die Hom\u00f6opathie und die Mondphasen in die Bearbeitung mit einbezogen.<\/p>\n<p>Die meisten Bio-Weine stammen bisher aus organisch-biologischer Herstellung (nach den Richtlinien z.B. des ERNTE-Verbandes), in den letzten Jahre ist aber im Bereich der Spitzenerzeuger ein gewisser kleiner Trend zur bio-dynamischen Wirtschaftsweise (organisiert u.a. im DEMETER-Verband) zu beobachten.<\/p>\n<p><strong>Was ist das Gegenteil von bio?<\/strong><\/p>\n<p>Das Gegenteil des Bio-Weinbaues ist der sogenannte &#8222;konventionelle&#8220; Anbau, d.h. de facto eine Produktion nach Kalender und Schema &#8222;F&#8220; ohne R\u00fccksichtnahme auf die Umwelt und das Wetter. <\/p>\n<p>Diese Form des Weinbaues gibt es in \u00d6sterreich (und wie ich annehme auch in Deutschland) aber kaum (noch). Sie ist zugunsten des &#8222;naturnahen&#8220; Anbaus (auch kontrollierte integrierte Produktion genannt) weitgehend verschwunden. Nicht zuletzt, weil dieser zwar geringer als der Bio-Anbau aber eben doch auch staatlich gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p><strong>Integrierte Produktion?<\/strong><\/p>\n<p>Die IP versucht, die Methoden des Bio-Weinbaues mit einzelnen Ma\u00dfnahmen des konventionellen Weinbaues zu verbinden. Dazu werden viele Ideen aus dem Bio-Weinbau \u00fcbernommen:<\/p>\n<p>*die ganzheitliche Betrachtung des \u00d6kosystems Weingarten<br \/>\n*die Gesunderhaltung des Bodens durch eine teilweise oder vollst\u00e4ndige Begr\u00fcnung<br \/>\n*die Verringerung des Risikos von Krankheiten und Sch\u00e4dlingen durch eine optimale Abstimmung von Sorte, Unterlagsrebe, Pflanzabstand, N\u00e4hrstoffversorgung und Laubarbeit<br \/>\n* das Konzept der Schadschwellen, wonach bei Aufteten eines Sch\u00e4dlings oder einer Krankheit genau abgewogen wird, ab welchem Sch\u00e4digungsgrad es \u00fcberhaupt wirtschaftlich sinnvoll ist, eine Bek\u00e4mpfung durchzuf\u00fchren<\/p>\n<p>Anders als im Bio-Weinbau wird in der IP jedoch nicht grunds\u00e4tzlich auf &#8222;Kunstd\u00fcnger&#8220; und &#8222;synthetische Spritzmittel&#8220; verzichtet. Im Vergleich zum konventionellen Anbau werden sie aber wesentlich sparsamer, zielgerichteter und in Menge, Anzahl und Zeitpunkt der Anwendung eingeschr\u00e4nkt verwendet.<\/p>\n<p>Nachdem die D\u00fcngung im Weinbau im Vergleich zum Ackerbau kein wirklich gro\u00dfes Kapitel ist, bleibt als Hauptunterschied zwischen IP und Bio letztlich fast nur der Pflanzenschutz.<\/p>\n<p><strong>M\u00fcssen Bio-Winzer gar nicht spritzen?<\/strong><\/p>\n<p>Doch, m\u00fcssen sie. Die Pilzkrankheiten Echter und Falscher Mehltau, die in vielen Weinbaugebieten die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr Ertrag und Qualit\u00e4t darstellen wurden n\u00e4mlich erst vor gut 100 Jahren aus Amerika eingeschleppt. Und in dieser entwicklungsbiologisch gesehen kurzen Zeit konnten die europ\u00e4ischen Edelrebsorten (also so gut wie alle, die weltweit f\u00fcr Qualit\u00e4tsweine verwendet werden) noch keine nennenswerte Widerstandskraft gegen diese &#8222;fremden&#8220; Krankheiten entwickeln.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund gen\u00fcgt es auch im Bio-Weinbau nicht, gegen beide Mehltauarten nur auf die Abwehrkraft der gest\u00e4rkten Pflanzen zu vertrauen. Als Pflanzenschutzmittel kommen deshalb neben harmlosen Pr\u00e4paraten (Gesteinsmehl, Wasserglas, Brennesselextrakt,&#8230;) auch Kupfer und Schwefel zum Einsatz.<\/p>\n<p>Die sind zwar &#8222;nat\u00fcrlich&#8220;, weil nicht wie die synthetischen Fungizide vom Menschen erfunden, trotzdem aber nicht harmlos. Beide Substanzen reichern sich im Boden an, weil sie nicht weiter abbaubar sind und vor allem das Schwermetall Kupfer, das seit \u00fcber 100 Jahren gespritzt wird, kann mit der Zeit zu einer Beeintr\u00e4chtigung der Bodengesundheit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Um diesen Pferdefu\u00df zu umgehen und dem eigentlichen Bio-Gedanken von der Selbstheilungskraft gesunder Pflanzen zum Durchbruch zu verhelfen, gibt es vielversprechende Experimente mit interspezifischen Rebsorten. Das sind Z\u00fcchtungen, die (ohne Gentechnik!) Erbgut von mehltauresistenten amerikanischen Wildreben enthalten und deshalb mehr oder weniger Abwerkr\u00e4fte geerbt haben. Diese Reben k\u00f6nnen durchaus gute Weine erbringen, ein Riesling, Veltliner, Wei\u00dfburgunder, Blaufr\u00e4nkisch, Cabernet und Co. sind sie aber nicht.<\/p>\n<p>Die Bek\u00e4mpfungsmethoden gegen Sch\u00e4dlinge sind im Unterschied zur Mehltauabwehr mit Kupfer und Schwefel vergleichsweise harmlos. So wird gegen den Traubenwickler (ein Schmetterling, dessen Raupen an den Trauben fressen) unter anderem die Verwirrmethode eingesetzt. <\/p>\n<p>Dabei werden w\u00e4hrend der Paarungszeit der Schmetterlinge in ganzen Weinbaulagen oder -gebieten Ampullen mit dem Sexuallockstoff der Weibchen verteilt. Das hat zur Folge, da\u00df es f\u00fcr die M\u00e4nnchen zwar \u00fcberall nach Weibchen duftet, sie aber keines gezielt suchen k\u00f6nnen. Und ohne erfolgreiche Suche gibt es keine Paarung, keine Eiablage und keine Raupen.<\/p>\n<p><strong>Schmecken Bio-Weine anders? Besser? Oder Schlechter?<\/strong><\/p>\n<p>Das kommt darauf an:<\/p>\n<p>Bio-Weine schmecken mitunter schlechter als Weine aus IP oder konventionellem Anbau, weil es vor allem in Problemjahren kaum m\u00f6glich ist, nur mit Pflanzenst\u00e4rkungsmitteln, Kupfer und Schwefel gesundes Traubenmaterial zu ernten. Sehr oft ist ein mehr oder weniger gro\u00dfer Teil der Trauben von Mehltau oder F\u00e4ulnis befallen, der die Qualit\u00e4t beeintr\u00e4chtigt, oder aufw\u00e4ndig aussortiert werden mu\u00df. Aber nicht alle Bio-Winzer k\u00f6nnen ihre Weine teuer genug verkaufen, um sich den Aufwand einer extrem peniblen Laubarbeit zur Krankheitsvorbeugung und eine eventuelle m\u00fchsame Sortierung bei der Ernte samt deutlichem Ertragsverlust leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gelegentlich gibt es auch Bio-Winzer, die bio und naturnah mit v\u00f6lligem Nichtstun im Weingarten verwechseln. Dabei m\u00fc\u00dften Bio-Winzer ihre Weing\u00e4rten besonders penibel Pflegen, um optimale Trauben zu ernten.<\/p>\n<p>Die Mehrzahl der Bio-Weine schmeckt aber weder besser noch schlechter als &#8222;herk\u00f6mmliche&#8220;. Wenn sie von sachkundigen, sorgf\u00e4ltig wirtschaftenden Winzern bereitet werden sind sie mit ebensolchen IP-Weinen vergleichbar. Lagentypizit\u00e4t und Stil h\u00e4ngen nicht von der Grundideologie der Bewirtschaftung ab, sondern von einzelnen Ma\u00dfnahmen. Gesunde B\u00f6den mit ausreichender, aber nicht \u00fcberh\u00f6hter N\u00e4hrstoffversorgung gibt es bei ma\u00dfvoller Bearbeitung ebenso ohne &#8222;Bio&#8220; wie tiefwurzelnde, alte Rebst\u00f6cke, enge oder weite Pflanzabst\u00e4nde, Unterlagsreben, niedrige Ertr\u00e4ge, Erziehungssysteme und fr\u00fche oder sp\u00e4te Erntezeitpunkte.<\/p>\n<p>Und Pflanzenschutzmittelr\u00fcckst\u00e4nde, die einen geschmacklichen Unterschied machen k\u00f6nnten sind im Wein nach Einhaltung der Wartefrist zwischen letzter Spritzung und Ernte und nach dem Entschleimen und der G\u00e4rung nicht nachweisbar (und d\u00fcrfen es auch gar nicht sein).<\/p>\n<p>F\u00fcr manche Konsumenten schmecken Bio-Weine aber auch generell besser, als IP-Weine oder konventionell produzierte. Schlie\u00dflich beruhigen sie als Zusatznutzen das Gewissen, und sensible Geister sind m\u00f6glicherweise (anders als ich) auch f\u00fcr die esoterischen Geschmackskomponenten von Mondphasenbewirtschaftung, dynamisierten hom\u00f6opathischen Pflanzenheilmitteln und vergrabenen (und wieder ausgegrabenen) Kuhh\u00f6rnern empf\u00e4nglich.<\/p>\n<p><strong>Ist Bio-Wein also nur ein Marketing-Schm\u00e4h?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, definitiv nicht. Bio-Weinbau hat seine Berechtigung, kann hervorragende Weine erbringen und ist mit seinen Erfahrungen eine Bereicherung auch f\u00fcr die Nicht-Bio-Winzer. Dar\u00fcber hinaus ist es aber nat\u00fcrlich ein Faktum, da\u00df es im Moment &#8222;in&#8220; ist, biologisch oder noch besser bio-dynamisch Wein zu produzieren.<\/p>\n<p>Und es gibt sicherlich Winzer, die sich bei der Umstellung auf diese Wirtschaftsweisen nicht nur von der \u00dcberzeugungskraft der reinen Lehre sondern auch oder \u00fcberwiegend von der Aussicht auf eine bessere Vermarktung oder ein positives Medienecho leiten lassen.<\/p>\n<p><strong>Und warum bin ich dann trotzdem noch nicht bio?<\/strong><\/p>\n<p>Ich halte generell recht wenig von starren Ideologien und als rational denkendem Menschen fehlt mir jegliche F\u00e4higkeit, an naturwissenschaftlich nicht belegbare esoterische Ph\u00e4nomene zu glauben. Aus diesem Grund kommt eine reine Bio-Bewirtschaftung f\u00fcr mich nicht in Frage, sehr wohl aber eine Integration vieler Bio-Gedanken in unsere Form der Integrierten Produktion.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gehe ich nicht davon aus, da\u00df wir im Bio-Weinbau unsere Weinqualit\u00e4t und gleichzeitig auch unsere moderaten Weinpreise halten k\u00f6nnten. Unsere Weine w\u00fcrden wohl entweder schlechter oder teurer werden, was beides unseren derzeitigen Kunden wohl wenig gefallen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich kann ich den Bio-Weinbau bei der Struktur unserer Lagen eigentlich kaum ernst nehmen. Ein typisch burgenl\u00e4ndischer Weingarten mit schmaler, langgezogener Grundst\u00fccksform hat drei oder vier Rebzeilen, ist also 7 bis 10 Meter breit. Rebwurzeln wachsen bis zu 25 Meter in die L\u00e4nge und die Abdrift der Pflanzenschutzmittel des Nicht-Bio-Nachbarn wird vom Wind ein bis zwei Zeilen weit verblasen.<\/p>\n<p>Echter Bio-Anbau und relative Monokultur sind schon vom Grundsatz her nur mit einem Augenzwinkern unter einen Hut zu bringen. Wenn da noch eine massive Beeinflu\u00dfung durch Pflanzenschutz und D\u00fcngung von Nachbarparzellen dazukommt, wird der Bio-Weinbau auf Kleinparzellen mitunter zur Augenauswischerei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese spannende Frage stellte Frank vor einigen Tagen hier im Wein-Plus-Forum, erhielt aber nur wenige Antworten. Was m\u00f6glicherweise daran liegt, da\u00df die Sache mit den Bio-Weinen doch ziemlich komplex ist. 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