{"id":159,"date":"2007-02-04T00:01:30","date_gmt":"2007-02-03T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=159"},"modified":"2007-02-04T00:14:36","modified_gmt":"2007-02-03T23:14:36","slug":"ein-blick-auf-das-etikett-sagt-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=159","title":{"rendered":"Ein Blick auf das Etikett sagt mehr&#8230;"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8230;als 30 Jahre Berufserfahrung!<\/strong><\/p>\n<p>Blindproben sind eine spannende Sache. Sie erm\u00f6glichen eine unvoreingenommene Verkostung ohne Ablenkung durch das Etikett. Damit sch\u00e4rfen sie nicht nur die Sinne sondern lenken auch die Konzentration auf das\u00a0Wesentliche der Verkostung, n\u00e4mlich die Weinbeschreibung.<\/p>\n<p>Zumindest theoretisch. In der Praxis schl\u00e4gt bei Blindverkostungen meist der &#8222;Heiteres-Sortenraten-Reflex&#8220; durch, der den logischen Ablauf einer fundierten Weinbeschreibung v\u00f6llig auf den Kopf stellen kann. Dabei wird nicht der Wein m\u00f6glichst unvoreingenommen beschrieben und anschlie\u00dfend \u00fcberlegt, welche Sorte und welcher Jahrgang vielleicht eventuell so schmecken k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Sondern es wird krampfhaft versucht, die Sorte zu erraten und anschlie\u00dfend nicht der Wein im Glas, sondern die vermeintlich oder tats\u00e4chlich erkannte Sorte mit ihren &#8222;typischen&#8220; Eigenschaften zu Papier gebracht. Ganz egal wie der Wein im Glas\u00a0eigentlich schmeckt.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Vom Kampf gegen die Erwartungshaltung&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Beim Griff zum Glas hat jeder Verkoster eine Erwartungshaltung, die bewu\u00dften und unbewu\u00dften Beeinflu\u00dfungen unterliegt. Bei ungew\u00f6hnlichen Verkostungen oder besonders gemeinen Probenleitern f\u00fchrt das\u00a0immer wieder zu lustigen Begebenheiten:<\/p>\n<p>So loben zum Beispiel auch burgenland-vorurteilsbehaftete Verkoster pannonische Wei\u00dfweine in den h\u00f6chsten T\u00f6nen, wenn sie bei Blindverkostungen in einer (an ihrer schlanken Form leicht erkennbaren) Steiermark-Flasche daherkommen. Eher schlanke Weine aller Rebsorten werden flugs zu opulenten Burgundern, wenn es die Flaschenform suggeriert. Und auch geeichte Verkoster greifen oft zu tief in die Punkte-Kiste, wenn gegen Ende der Verkostung ein eher m\u00e4\u00dfiger Tropfen auftaucht. Schlie\u00dflich kommen die besten und vor allem teuersten Weine immer zum Schlu\u00df. Da will man sich doch keine Bl\u00f6\u00dfe geben.<\/p>\n<p>Ein besonderes Erlebnis dieser Art hatte ich vor einigen Jahren, als mich ein Winzer-Kollege nach einem Praxisaufenthalt in Down-Under zu einer Australienverkostung einlud. Die Einladung war mehr als vielversprechend, denn der beiliegenden Weinliste zu Folge sollte es inklusive Penfolds Grange alles aus Australien zu kosten geben, was Rang und Namen (und Preis) hat. Um ein gewisses Ma\u00df an Spannung aufrecht zu erhalten, gab die Liste aber keinerlei Aufschlu\u00df \u00fcber die Verkostungsreihenfolge.<\/p>\n<p>So diskutierten wir, etwa 12 durchaus erfahrene Verkoster, lang und breit \u00fcber die Weine und vor allem nat\u00fcrlich deren Identit\u00e4t. Als einer der Anwesenden den dritten Wei\u00dfwein als Chardonnay eines ganz bestimmten Weingutes aus Kalifornien identifizierte, wurde er von allen anderen, inklusive mir, kopfsch\u00fcttelnd bel\u00e4chelt. <em>&#8222;Der h\u00e4tte die Einladung doch besser lesen sollen, dann w\u00fcrde er sich hier nicht so blamieren.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Bei den letzten drei Roten gingen die Wogen schlie\u00dflich hoch. Jeder war sicher, den Grange erkannt zu haben. Aber jeder bei einem anderen Wein! Als der Streit zu eskalieren drohte, schritt der Gastgebe ein. Er l\u00fcftete das Geheimnis:<\/p>\n<p>Keiner der drei Weine war Penfolds Grange. Und kein einziger Wein des Abends kam aus Australien. Es waren durchwegs Kalifornier, und der Kollege von Wein drei hatte nicht nur Herkunft und Sorte sondern auch das Weingut richtig erraten. (Hut ab, noch heute, f\u00fcr den Mut sich das auch sagen zu trauen!). Nachdem sich die Verbl\u00fcffung bei allen gelegt hatte, wurde es dann \u00fcbrigens noch ein sehr fr\u00f6hlicher (und feuchter) Abend&#8230;<\/p>\n<p><strong>&#8230;\u00fcber die Wissenschaft&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Ph\u00e4nomen wurde \u00fcbrigens auch schon wissenschaftlich erforscht. Dabei wurden gepr\u00fcfte, &#8222;offizielle&#8220; Weinverkoster gebeten,\u00a0schwarze, undurchsichtige Gl\u00e4ser zu &#8222;testen&#8220; und zu diesem Zweck das Aroma verschiedener Weine in diesen Gl\u00e4sern beschreiben. Das es nicht um die Gl\u00e4ser ging, sondern um die Beeinflu\u00dfbarkeit der Koster erfuhren sie nicht. Die dunklen Gl\u00e4ser sollten n\u00e4mlich nur verhindern, da\u00df die Verkoster sehen,\u00a0ob sie\u00a0Wei\u00df- oder Rotwein im Glas haben.<\/p>\n<p>Sobald den Verkostern gesagt wurde, es handle sich um Wei\u00dfwein, f\u00f6rderten\u00a0sie die klassischen Wei\u00dfwein-Aromen zu Tage: Zitrusfr\u00fcchte,\u00a0\u00c4pfel, Steinobst und\u00a0exotische Fr\u00fcchte. Und wenn ihnen gesagt wurde,\u00a0sie h\u00e4tten Rotwein im Glas, fanden\u00a0sie treffsicher\u00a0Himbeeren, schwarze Johannisbeeren, Brombeeren, Preiselbeeren und Co.<\/p>\n<p>Und zwar unabh\u00e4ngig davon, ob sich Wei\u00dfwein oder Rotwein in ihrem Glas befand.<\/p>\n<p>Das zeigt nicht nur, wie leicht auch Profis zu beeinflu\u00dfen sind. Sonder auch wie wenig Aussagekraft die \u00fcberbordenden Fruchtvergleiche eigentlich haben,\u00a0die sich in zahlreichen Weinpublikationen finden. Aus diesem Grund ist die Beschreibung der Aromen im Verkostungsschema des englischen Wine and Spirit Education Trust bzw. seines Partners, der Weinakademie \u00d6sterreich (<a href=\"http:\/\/www.weinakademie.at\/Spezifikationen.pdf#search=%22wset%20checklist%20degustation%22\" target=\"_blank\">Seite 54<\/a>) nur eines von vielen gleichwertigen Elementen.<\/p>\n<p><strong>&#8230;bis zum Sinn und Unsinn des Sortenratens.<\/strong><\/p>\n<p>Der &#8222;Heiteres-Sortenraten-Reflex&#8220; entspringt dem Ehrgeiz, in einer Pr\u00fcfungssituation (der Blindprobe) ein klares, eindeutiges und vor allem richtiges Ergebnis erzielen zu wollen.<\/p>\n<p>Die Weinbeschreibung eignet sich daf\u00fcr n\u00e4mlich nicht. Schlie\u00dflich kann einem eigentlich niemand sagen, ob eine\u00a0Verkostungsnotiz &#8222;richtig&#8220; ist, oder nicht. Selbst unter ge\u00fcbten Verkostern herrscht nicht immer Einigkeit \u00fcber den S\u00e4uregehalt, den Alkohol, die Aromenvielfalt, die Qualit\u00e4t oder das Lagerpotential. Ein &#8222;Richtig&#8220; oder &#8222;Falsch&#8220; gibt es innerhalb gewisser Grenzen nicht, schlie\u00dflich ist und bleibt das Weinverkosten nun einmal eine sehr subjektive Sache. Die Richtigkeit von Sorten-, Jahrgangs-, Herkunfts- und\/oder Produzentenangaben ist hingegen ist sehr leicht zu \u00fcberpr\u00fcfen und auch f\u00fcr Laien nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Diese\u00a0objektive \u00dcberpr\u00fcfungsm\u00f6glichkeit der\u00a0eigenen Verkosterqualit\u00e4ten\u00a0fasziniert besonders angehende Verkoster. Die alten Hasen wissen, wie schwer und eigentlich unerheblich das Erraten von Sorten und Jahrg\u00e4ngen letztlich ist. Nicht umsonst ist dem WSET bzw. der Weinakademie \u00d6sterreich eine umfassende Beschreibung samt Qualit\u00e4tseinsch\u00e4tzung bei der Diploma-Pr\u00fcfung rund 27 Punkte wert und die Angabe von Sorte, Jahrgang und Gebiet nur etwa sechs.<\/p>\n<p>Nicht das die Typizit\u00e4t und Erkennbarkeit\u00a0eines Weines f\u00fcr seine Qualit\u00e4t v\u00f6llig unerheblich w\u00e4re. Ganz im Gegenteil! Aber um Weine halbwegs gezielt einer Sorte, einem Gebiet oder sogar einer Lage blind zuordnen zu k\u00f6nnen, mu\u00df man sich als Verkoster auf einen relativ kleinen Teil der Weinwelt konzentrieren und diesen sehr intensiv erkunden. Wenn man die ganze Weinwelt im Auge behalten m\u00f6chte, gelingt eine Zuordnung nur mit mehr oder weniger grobem und vorurteilsbehafteten Schubladendenken und dementsprechend vielen Fehlern.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich kann man zum Beispiel in seinen \u00dcberlegungen, woher dieser eindeutig rests\u00fc\u00dfe Riesling mit sehr niedrigem Alkohol\u00a0kommen mag nicht auch noch an jene Hand voll Weine denken, die in \u00d6sterreich in diesem Stil vinifiziert werden wenn es in Deutschland zehntausende davon gibt.<\/p>\n<p>Und man kann nicht davon ausgehen, da\u00df man gerade den einzigen Chardonnay aus \u00d6sterreich mit 10 Prozent Alkohol im Glas hat, wenn man einen sehr leichten, zart duftenden Wei\u00dfwein verkostet. Sondern mu\u00df nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip auf Gr\u00fcnen Veltliner oder Welschriesling tippen, die in dieser Stilistik sehr h\u00e4ufig vorkommen.<\/p>\n<p>Schlechte Weine sind kaum einer Sorte oder Herkunft zuzuordnen, weil ihre rustikale, mehr oder weniger fehlerhafte Art jegliche Eigenheiten \u00fcberdeckt. Und gut gemachte, saubere Alltagsweine sind meist ebensowenig zu erkennen, da sie weltweit mit den gleichen Methoden f\u00fcr die gleichen Geschmacksvorlieben gemacht werden. Sie sind sauber, mehr oder weniger fruchtig, \u00fcberfordern niemanden mit ihrer S\u00e4ure und ihrem Tannin und sind mittlerweile auch aus \u00dcbersee nicht mehr allzu holz\u00fcberladen.<\/p>\n<p>Hochwertige\u00a0Rotweine aus der Designer-Ecke sind auch meist sehr \u00e4hnlich. Oft spielt der Cabernet eine deutliche Rolle, praktisch immer der Einsatz von neuem Holz und die nat\u00fcrliche oder vom Kellermeister gewollte \u00dcberreife, Konzentration und Alkoholst\u00e4rke.<\/p>\n<p>Bleiben noch die sogenannten &#8222;Terroir-Weine&#8220;, von denen ihre Produzenten sagen, da\u00df ihre Herkunft und deren Erkennbarkeit ein Qualit\u00e4tsmerkmal bildet.\u00a0Und tats\u00e4chlich gelingt es bei diesen Weinen manchmal, ihre Herkunft zu erahnen, daf\u00fcr aber selten die Sorte. Schlie\u00dflich geben die besten Vertreter dieser Gattung den Geschmack des Gebietes wieder &#8211; relativ unabh\u00e4ngig von der Rebsorte.<\/p>\n<p>So lassen sich gute Bordeaux relativ leicht dem Gebiet zuordnen, aber oft nur schwer der dominierenden Rebsorte (CS, CF oder ME). Und Wachauer Smaragde haben meist ihren ganz eigenen, mineralisch-\u00fcberreifen Stil, egal ob es sich um Riesling oder Veltliner handelt.\u00a0Der normalerweise eher herbe Blaufr\u00e4nkisch ger\u00e4t in Gols oft sehr weich und rund, w\u00e4hrend der an sich\u00a0samtig-milde\u00a0Zweigelt von den Lehmb\u00f6den des Mittelburgenlandes gelegentlich \u00fcberraschend sperrig ist.<\/p>\n<p>All diese Dinge sind nat\u00fcrlich nicht neu. Und trotzdem gibt es immer wieder Verkostungen und Verkoster, die das Erraten von Rebsorten zur K\u00f6nigsdisziplin erheben. Wie widerspr\u00fcchlich die Resultate dabei ausfallen k\u00f6nnen, kann man in dieser <a href=\"http:\/\/www.talk-about-wine.de\/topic.asp?TOPIC_ID=3560&#038;whichpage=5\" target=\"_blank\">Diskussion<\/a> bei Talk-About-Wine \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.vinum.info\/de\/detalle50.jsp?id=16867\" target=\"_blank\">3. Deutsche und \u00d6sterreichische Meisterschaft im Weindegustieren<\/a> nachlesen, die von der Zeitschrift Vinum und deren Partnern veranstaltet wird.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Amateure dabei im heiteren Sortenraten messen, stehen viele Profis zur Fehlbarkeit ihrer Sorten-, Herkunfts- und Jahrgangsangaben. Wie jener Master-of-Wine, der einmal gefragt wurde, ob er schon jemals einen Bordeaux mit einem Burgunder verwechselt h\u00e4tte (f\u00fcr Laien: zwei ziemlich gegens\u00e4tzliche Rotweine).<\/p>\n<p>Seine Antwort mit britischem Humor lautete: <em>&#8222;Nicht seit dem Mittagessen.&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;als 30 Jahre Berufserfahrung! Blindproben sind eine spannende Sache. Sie erm\u00f6glichen eine unvoreingenommene Verkostung ohne Ablenkung durch das Etikett. Damit sch\u00e4rfen sie nicht nur die Sinne sondern lenken auch die Konzentration auf das\u00a0Wesentliche der Verkostung, n\u00e4mlich die Weinbeschreibung. 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