{"id":152,"date":"2007-01-16T22:40:16","date_gmt":"2007-01-16T21:40:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=152"},"modified":"2007-01-16T22:49:55","modified_gmt":"2007-01-16T21:49:55","slug":"sturm-im-wasserglas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=152","title":{"rendered":"Sturm im Wasserglas"},"content":{"rendered":"<p>Wie das Internetportal Wein-Plus <a href=\"http:\/\/www.wein-plus.de\/forum\/mb,a,t,34209,674,+NEWS%3A+Viele+Flaschen+durch+Schraubverschluss.html\" target=\"_blank\">hier<\/a>\u00a0unter Berufung auf die <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\/news\/main.jhtml;jsessionid=5NCGXZV5UERVVQFIQMGSFF4AVCBQWIV0?xml=\/news\/2007\/01\/16\/nwine16.xml\" target=\"_blank\">Originalmeldung<\/a> des britischen &#8222;Telegraph&#8220; berichtet, sollen bei der International Wine Challenge in London 2,2 Prozent der mit Schrauber verschlossenen Weine durch Schwefelverbindungen im Geruch beeintr\u00e4chtigt gewesen sein. Auffallend viele der insgesamt 9000 Flaschen sollen nach faulen Eiern, der typischen Beschreibung f\u00fcr den Weinfehler &#8222;B\u00f6ckser&#8220; gerochen haben.<\/p>\n<p>In rei\u00dferischer Medien-Manier wird <em>Alarm geschlagen <\/em>und <em>Millionen Weinflaschen <\/em>werden<em> m\u00f6glicherweise negativ beeintr\u00e4chtigt<\/em> gesehen. Dabei ist die Sache nur ein Sturm im Wasserglas. Wie <a href=\"http:\/\/www.talk-about-wine.de\/topic.asp?TOPIC_ID=2241&#038;whichpage=4\" target=\"_blank\">diese<\/a> aufgrund der Meldung nur kurz wieder\u00a0aufgeflackerte Diskussion und <a href=\"http:\/\/www.talk-about-wine.de\/topic.asp?TOPIC_ID=3305&#038;whichpage=1\" target=\"_blank\">dieser<\/a> schon im Sommer erlahmte Thread\u00a0bei &#8222;Talk about wine&#8220; zeigt, handelt es sich um einen ziemlich alten Hut.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Worum geht es dabei?<\/strong><\/p>\n<p>Jeder Wein braucht w\u00e4hrend seiner Entwicklung ein gewisses Ma\u00df an Sauerstoff. Zuviel\u00a0davon oxidiert\u00a0Aroma- und Farbstoffe und l\u00e4\u00dft die Weine\u00a0vorschnell altern. Zuwenig macht die Weine verschlossen und beg\u00fcnstigt die Entwicklung &#8222;reduktiver&#8220; Aromen nach Knoblauch, Schwefel und faulen Eiern.<\/p>\n<p>Werden Weine, die an einem sensorisch nicht unmittelbar schmeckbaren &#8222;Sauerstoffmangel&#8220; &#8222;leiden&#8220; bei der Abf\u00fcllung mit Naturkorken verschlossen, wird dieser Mangel in der Flasche nie wirklich sp\u00fcrbar, da der Kork eine gewisse (von Kork zu Kork, also von Flasche zu Flasche unterschiedliche) Menge Sauerstoff zum Wein l\u00e4\u00dft.\u00a0Unter diesen Bedingungen entwickelt sich der Sauerstoffmangel nicht zum Fehler, der Kork &#8222;repariert&#8220; also den Wein.<\/p>\n<p>Schraubverschl\u00fcsse sind\u00a0hingegen praktisch gasdicht und deshalb kann aus dem nicht schmeckbaren &#8222;Sauerstoffmangel&#8220; eine schmeckbare negative Ver\u00e4nderung der Aromen entstehen, wie sie offenbar auch die Koster bei der Wine Challenge des \u00f6fteren beobachten konnten.<\/p>\n<p>Da sich Weine, die nicht unter &#8222;Sauerstoffmangel&#8220; leiden\u00a0auch unter Schraubverschl\u00fcssen nachgewiesenerma\u00dfen gut entwickeln k\u00f6nnen, spricht dieses Ph\u00e4nomen nicht gegen den Schrauber an sich, sondern h\u00f6chstens gegen die Kellermeister. In der Oenologie gelten n\u00e4mlich nicht nur sp\u00fcrbare reduktive Aromen\u00a0und B\u00f6ckser als Fehler, sondern auch die kaum schmeckbare, aber von Profis trotzdem wahrnehmbare Neigung der Fa\u00dfweine vor der F\u00fcllung. Auch wenn es eine kleine Gruppe von Weinfreaks gibt, die reduktive Aromen, Stinkerl und B\u00f6ckser nicht ablehnt, sondern sogar sch\u00e4tzt oder in jungen Weinen zumindest\u00a0akzeptiert.<\/p>\n<p>Wenn man die unangenehme reduktive Entwicklung von Weinen unter Schraubverschlu\u00df dem Schrauber anlasten will, m\u00fc\u00dfte man fairerweise auch die vorzeitige Oxidation von Weinen mit (aus verschiedenen Gr\u00fcnden) sehr geringem SO2-Spiegel in der Flasche dem Naturkork anlasten. Aber auch in diesem Fall liegt der Fehler beim Kellermeister, nicht beim Verschlu\u00df. Und man m\u00fc\u00dfte auch dem Werkstoff Edelstahl eine Mitschuld geben.\u00a0Schlie\u00dflich hat er praktisch alle Messingarmaturen und -ger\u00e4te aus den Weinkellern verdr\u00e4ngt und mit ihnen jene geringen Mengen an Kupfer, die der Wein aus ihnen gel\u00f6st hat und die leichte B\u00f6ckseraromen wirksam bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p><strong>Und was kann man dagegen tun?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man als Kellermeister so wie ich\u00a0immer schon Weine abgef\u00fcllt hat, die nicht zur Reduktivit\u00e4t neigen,\u00a0mu\u00df man bei der Umstellung von Naturkork auf Schrauber kaum etwas ver\u00e4ndern um einer reduktiven Entwicklung in der Flasche vorzubeugen. Wenn man also beim Wei\u00df- und\/oder Rotwein eine oder besser mehrere der folgenden Ma\u00dfnahmen praktiziert&#8230;<\/p>\n<ul>\n<li>keine oder nur geringe Schwefelung von Trauben, Maische und Most oder sogar bewu\u00dfte Mostoxidation<\/li>\n<li>gute aber nicht zwangsl\u00e4ufig radikale Vorkl\u00e4rung\u00a0(&#8222;Entschleimen&#8220;) des Wei\u00dfweinmostes, um das sp\u00e4tere Hefe- und Trubdepot im Jungwein\u00a0(&#8222;Gel\u00e4ger&#8220;) zu reduzieren<\/li>\n<li>ausreichende Bel\u00fcftung w\u00e4hrend der G\u00e4rung, um den reduktiven Einflu\u00df der Hefe abzuschw\u00e4chen<\/li>\n<li>Aufr\u00fchren der Hefe w\u00e4hrend der Endphase der G\u00e4rung um ein zu fr\u00fches kompaktes und dadurch besonders reduktives Hefedepot zu vermeiden<\/li>\n<li>nicht zu fr\u00fche, ausreichende, aber angepa\u00dfte Schwefelung entgegen der &#8222;Lehrmeinung&#8220;, die meist eine fr\u00fche und h\u00f6here Schwefelung &#8222;auf Nummer sicher&#8220; empfiehlt<\/li>\n<li>l\u00e4ngere Lagerung der Jungweine auf der Hefe bzw. Feinhefe mit mehr oder weniger intensivem Aufr\u00fchren bei t\u00e4glicher sensorischer Kontrolle des Weines und des Hefedepots<\/li>\n<li>ABER: sofortiges Abziehen von der Hefe, wenn die Kontrolle einen Verdacht auf eine reduktive Entwicklung ergibt (Wein und\/oder Hefe entwickeln sich langsam in eine wenig positive Richung, Geruch nach Gem\u00fcse, gekochte Erbsen,&#8230;)<\/li>\n<li>Erhaltung des Oxidationsschutzes durch laufende Erg\u00e4nzung des SO2 nach Bedarf auf moderate Werte<\/li>\n<li>l\u00e4ngere Reifezeit im Tank oder (noch besser) im Fa\u00df, unter Umst\u00e4nden mit vorsichtiger (Wei\u00dfwein) oder bei Bedarf auch starker (Rotwein) Bel\u00fcftung beim Umziehen<\/li>\n<li>Festlegung des F\u00fcllzeitpunktes nach der Entwicklung des Weines, nicht nach dem\u00a0Kalender<\/li>\n<li>Einstellung des SO2-Gehaltes f\u00fcr die F\u00fcllung auf einen moderaten Wert<\/li>\n<\/ul>\n<p>&#8230; dann steht einer positiven Entwicklung des Weines in der Schrauber-Flasche nach menschlichem Ermessen nichts im Weg.\u00a0<\/p>\n<p>W\u00e4re ich hingegen f\u00fcr Weine bekannt, die ob ihrer leichten B\u00f6ckser, Stinkerl oder Sponti-Aromen in ihrer Jugend nur von echten Freaks gesch\u00e4tzt werden, w\u00fcrde ich mir den Umstieg von Naturkork zum Schrauber sehr sehr gut \u00fcberlegen&#8230;<\/p>\n<p><strong>Was bleibt also von der Alarm-Meldung?<\/strong><\/p>\n<p>2,2 Prozent der Kellermeister k\u00f6nnen offensichtlich mit dem Schrauber nicht umgehen. Wenn man davon ausgeht, da\u00df der Gro\u00dfteil der Schrauber-Weine bei der Wine Challenge aus \u00dcbersee stammt, ist das vielleicht verwunderlich, gleichzeitig aber auch nachvollziehbar. Gerade von den Gro\u00dfkellereien der neuen Weinwelt k\u00f6nnte man n\u00e4mlich einerseits annehmen, da\u00df sie die neue Technologie beherrschen. Andererseits aber auch, da\u00df es ihnen besonders schwer f\u00e4llt, ihren zum Teil extrem reduktiven Stil der Weinbereitung zu \u00fcberdenken.<\/p>\n<p>Das die Quote f\u00fcr Neuseeland nur bei 1,7 Prozent liegt, mag ein kleines Zeichen daf\u00fcr sein, da\u00df die Kiwis als Schrauber-Pioniere ihre Lektion besser gelernt haben. Eigentlich ist die Differenz zu den 2,2 Prozent der gesamten Probe aber zu vernachl\u00e4ssigen (oder zumindest keine Heraushebung durch die Journalisten wert).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie das Internetportal Wein-Plus hier\u00a0unter Berufung auf die Originalmeldung des britischen &#8222;Telegraph&#8220; berichtet, sollen bei der International Wine Challenge in London 2,2 Prozent der mit Schrauber verschlossenen Weine durch Schwefelverbindungen im Geruch beeintr\u00e4chtigt gewesen sein. Auffallend viele der insgesamt 9000 Flaschen sollen nach faulen Eiern, der typischen Beschreibung f\u00fcr den Weinfehler &#8222;B\u00f6ckser&#8220; gerochen haben. In &#8230; <a title=\"Sturm im Wasserglas\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=152\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Sturm im Wasserglas\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-152","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-in-den-weinmedien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=152"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/152\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=152"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=152"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=152"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}