{"id":144,"date":"2007-01-05T01:21:03","date_gmt":"2007-01-05T00:21:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=144"},"modified":"2007-01-05T01:25:50","modified_gmt":"2007-01-05T00:25:50","slug":"was-mittelalter-und-kalter-krieg-mit-unserem-wald-zu-tun-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=144","title":{"rendered":"Was Mittelalter und Kalter Krieg mit unserem Wald zu tun haben"},"content":{"rendered":"<p>Jedes Jahr um diese Zeit steht die Arbeit in unserem kleinen Waldbesitz auf dem Programm.\u00a0Das Schneiden von Brennholz und Weingartenpf\u00e4hlen aus Akazien (richtigerweise <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robinie\" target=\"_blank\">Robinien<\/a>) ist zwar nicht weiter bemerkenswert, die Geschichte unseres Waldbesitzes daf\u00fcr aber umso mehr:<!--more--><\/p>\n<p>Im Jahr 1385 (nach anderen Quellen 1392) wurde M\u00f6rbisch am See Stadtdorf und damit Besitz der k\u00f6niglichen Freistadt <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%96denburg\" target=\"_blank\">\u00d6denburg<\/a> (heute Sopron). Auch nach der Bauernbefreiung 1848 verblieben der Stadt \u00d6denburg gro\u00dfe Besitzungen innerhalb des M\u00f6rbischer Gemeindegebietes, vor allem Wald, Schilf- und Seefl\u00e4chen.<\/p>\n<p>Der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedensvertrag_von_Trianon\" target=\"_blank\">Friedensvertrag von Trianon<\/a> nach dem ersten Weltkrieg sprach das heutige Burgenland (&#8222;Deutschwestungarn&#8220;) inklusive seiner Hauptstadt \u00d6denburg der jungen Republik \u00d6sterreich zu. Nach einer Intervention Italiens wurde sp\u00e4ter trotzdem f\u00fcr \u00d6denburg und die umliegenden Gemeinden eine Volksabstimmung \u00fcber den Verbleib bei Ungarn beschlossen. M\u00f6rbisch entging diesem Schicksal damals nur, weil es nicht direkt an \u00d6denburg angrenzt.<\/p>\n<p>Die Abstimmung unter heute unumstritten fragw\u00fcrdigen Bedingungen erbrachte in der Stadt selbst eine Mehrheit f\u00fcr den Verbleib bei Ungarn, in den Nachbargemeinden hingegen eine Mehrheit f\u00fcr \u00d6sterreich. Trotz dieses Ergebnisses wurden auch die Nachbargemeinden von den Siegerm\u00e4chten Ungarn zugeschlagen. Von diesem Zeitpunkt an, dem Jahr 1921, lag M\u00f6rbisch an einer Staatsgrenze und eine &#8222;ausl\u00e4ndische&#8220; Stadtgemeinde hatte gro\u00dfen Grundbesitz.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des zweiten Weltkrieges war diese Grenze\u00a0kaum existent. Es war aber wohl kein Zufall, da\u00df der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/S%C3%BCdostwall\" target=\"_blank\">S\u00fcdostwall<\/a>, der letzte Versuch, die Sowjet-Truppen\u00a0am Einmarsch ins &#8222;Dritte Reich&#8220; zu hindern, dann ausgerechnet entlang dieser Grenze verlief. Spuren der 1944 von Zwangsarbeitern und der einheimischen Bev\u00f6lkerung errichteten Anlagen sind bis heute im Wald zu finden.<\/p>\n<p>Nach Kriegsende wurden die fr\u00fcheren Grenzen und Besitzungen wiederhergestellt. Durch den beginnenden <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kalter_Krieg\" target=\"_blank\">Kalten Krieg<\/a> bekamen sie aber eine ganz neue Bedeutung. Nachdem bis zu diesem Zeitpunkt die Bestrebungen der M\u00f6rbischer gescheitert waren, den Grundbesitz von der Stadt \u00d6denburg\/Sopron k\u00e4uflich zu erwerben, schien dies unter den Bedingungen der Ost-West-Konfrontation noch viel weniger m\u00f6glich zu sein. Bis der Zufall meinen Vorfahren eine einmalige Chance bot:<\/p>\n<p>Anfang der 1950er-Jahre sank ein sowjetisches Donauschiff auf \u00f6sterreichischem Staatsgebiet und blockierte die Fahrrinne. F\u00fcr die Reparatur ben\u00f6tigte die Sowjetunion dringend Devisen und \u00fcber diverse diplomatische Verbindungen fand man die L\u00f6sung im Verkauf von Wald- und Seebesitz der Stadt \u00d6denburg. Diese mu\u00dfte sich dem Willen des gro\u00dfen Sowjetbruders beugen. Unter gro\u00dfem Zeitdruck und mit hohem pers\u00f6nlichen finanziellen Risiko erwarb eine Hand voll M\u00f6rbischer den hunderte Hektar gro\u00dfen Besitz, um ihn f\u00fcr M\u00f6rbisch zu sichern und ihn in weiterer Folge ohne Gewinnabsicht aufzuteilen\u00a0und weiterzuverkaufen.<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt gab es au\u00dferhalb des \u00d6denburger Besitzes keine gr\u00f6\u00dferen Waldfl\u00e4chen mehr auf M\u00f6rbischer Gemeindegebiet. Das letzte gro\u00dfe Waldgebiet, der Haderwald, wurde in den 1920er-Jahren parzelliert und gerodet. Urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Nutzung als Ackerland, um die zu diesem Zeitpunkt rasch wachsende Ortsbev\u00f6lkerung zu ern\u00e4hren, sp\u00e4ter aber auch f\u00fcr die Pflanzung von Weing\u00e4rten.<\/p>\n<p>Um den Kauf leichter finanzieren zu k\u00f6nnen, wurde ein Teil des Waldes aus \u00d6denburger Besitz in den 1950er-Jahren ebenfalls gerodet und als Ackerland bzw. zur weinbaulichen Nutzung verkauft. Praktisch jede Familie in M\u00f6rbisch erwarb Grundst\u00fccke in der neu geschaffenen Riede &#8222;Breite Randl&#8220; vulgo &#8222;Umri\u00df\u00e4cker&#8220;. Auch die Schilf- und Seefl\u00e4chen wurden parzelliert und verkauft und bis in die 1970er-Jahre als Futterfl\u00e4chen und zum Teil bis heute zur Schilfgewinnung genutzt. Auch wenn diese Fl\u00e4chen heute kaum einen Nutzwert besitzen, ist es doch eine Genugtuung, da\u00df der Neusiedlersee nicht ausschlie\u00dflich im Besitz der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Esterhazy\" target=\"_blank\">Familie<\/a> <a href=\"http:\/\/www.esterhazy.at\/de\/forst-natur\/Forst-Landwirtschaft.htm\" target=\"_blank\">Esterhazy<\/a> ist, sondern da\u00df auch meine Familie etwa 10 Hektar davon besitzt.<\/p>\n<p>Die verbliebenen rund 150 Hektar Wald wurden von insgesamt rund 190 Besitzern erworben und bestehen bis heute. Da eine sinnvolle Waldbewirtschaftung bei Kleinstparzellen praktisch unm\u00f6glich ist, wird der Besitz als Urbarialgemeinde bewirtschaftet. Diese Organisation ist einem Verein oder einer Genossenschaft nicht un\u00e4hnlich, hat aber ihre eigene, relativ strenge gesetzliche Verankerung und ist im kleinstrukturierten Burgenland sehr h\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Jedes Jahr werden vom Vorstand in Zusammenarbeit mit einem ausgebildeten F\u00f6rster je 190 m\u00f6glichst vergleichbare Schl\u00e4gerungs- und Durchforstungsanteile markiert und nummeriert. Bei einer anschlie\u00dfenden Ziehung erh\u00e4lt jeder Waldbesitzer seine Anteile f\u00fcr das jeweilige Jahr. Da Robinien rasch wachsende, aber sehr kurzlebige B\u00e4ume sind, ist die Gr\u00f6\u00dfe der Schl\u00e4gerungsanteile so gew\u00e4hlt, da\u00df der gesamte Waldbestand \u00fcber etwa 50 Jahre\u00a0nach und nach geschl\u00e4gert wird. Jeder\u00a0Besitzer f\u00e4llt also jedes Jahr zwischen 10 und 15 B\u00e4ume, die rund\u00a050 Jahre alt sind.<\/p>\n<p>Bis Anfang der 80er-Jahre war die Gewinnung von Rebstecken und Pf\u00e4hlen f\u00fcr den Eigenbedarf sehr verbreitet. Aus diesem Grund wurde die Robinie stark forciert und hat die urspr\u00fcngliche Eiche weitgehend verdr\u00e4ngt. &#8222;Akazienholz&#8220; ist eines der dauerhaftesten H\u00f6lzer im Freien und in der Erde. Gute Akazienpf\u00e4hle f\u00fcr die Drahtrahmenunterst\u00fctzung halten ein Weingartenleben lang. Der R\u00fcckgang der Weingartenfl\u00e4che und die vermehrte Verwendung von Stahlstecken und -pf\u00e4hlen haben dazu gef\u00fchrt, da\u00df heute vorwiegend Brennholz gewonnen wird.<\/p>\n<p>Wir verwenden nach wie vor ausschlie\u00dflich Akazienpf\u00e4hle. Die haben zwar nicht nur Vorteile, sehen aber sch\u00f6ner aus, als Metallpf\u00e4hle und sind in &#8222;Herstellung&#8220; und Entsorgung (als Brennholz) am umweltfreundlichsten. Daf\u00fcr werden m\u00f6glichst gerade St\u00e4mme auf 2,5 Meter lange St\u00fccke geschnitten und unter gro\u00dfer k\u00f6rperlicher Anstrengung vom l\u00e4ngst pensionierten Fa\u00dfbinder des Ortes mit einer Bands\u00e4ge je nach Dicke der L\u00e4nge nach in zwei bis sieben Pf\u00e4hle zerteilt.<\/p>\n<p><em>Anmerkung: Der genaue Ablauf des Grundst\u00fcckskaufes und der exakte Zeitpunkt ist meines Wissens nicht dokumentiert und daher nur m\u00fcndlich \u00fcberliefert. Auch wenn sich dabei gewisse Ungenauigkeiten eingeschlichen haben, ist der Kern der Geschichte wahr.<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Jahr um diese Zeit steht die Arbeit in unserem kleinen Waldbesitz auf dem Programm.\u00a0Das Schneiden von Brennholz und Weingartenpf\u00e4hlen aus Akazien (richtigerweise Robinien) ist zwar nicht weiter bemerkenswert, die Geschichte unseres Waldbesitzes daf\u00fcr aber umso mehr:<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-144","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=144"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/144\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}