{"id":127,"date":"2006-11-30T09:54:09","date_gmt":"2006-11-30T08:54:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=127"},"modified":"2006-11-30T14:46:36","modified_gmt":"2006-11-30T13:46:36","slug":"hektar-und-hektoliter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bernhard-fiedler.at\/weblog\/?p=127","title":{"rendered":"Hektar und Hektoliter"},"content":{"rendered":"<p>Ein aufmerksamer Leser dieser Seiten hat mich per E-Mail um Aufkl\u00e4rung gebeten, wieviel Ertrag ein Hektar Weingarten erbringen kann und ob es da gro\u00dfe Unterschiede gibt:<\/p>\n<p>Der Traubenertrag unterliegt tats\u00e4chlich enormen Schwankungen. Die Faustregel, da\u00df ein niedrigerer Ertrag eine h\u00f6here Qualit\u00e4t bedeutet trifft dabei nicht immer zu. Wie hoch die Erntemenge ist, und wie hoch die Qualit\u00e4t h\u00e4ngt von vielerlei Faktoren ab:<!--more--><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Der Jahrgang:<\/strong> Klimatisch beg\u00fcnstigte Jahrg\u00e4nge k\u00f6nnen auch eine h\u00f6here Erntemenge zu ansprechender Qualit\u00e4t ausreifen lassen, w\u00e4hrend k\u00fchle, nasse und sp\u00e4te Jahre trotz minimaler Ertr\u00e4ge nicht immer vollreife Trauben erbringen.<\/li>\n<li><strong>Die Pflanzdichte:<\/strong> Sehr dicht gepflanzte Weing\u00e4rten (in \u00d6sterreich bis zu 6000 St\u00f6cke\/ha) k\u00f6nnen bei gleicher oder besserer Qualit\u00e4t mehr Ertrag bringen, als sehr weitr\u00e4umig angelegte Weing\u00e4rten (das klassische Lenz-Moser-System mit 2700 Reben\/ha). Der einzelne Rebstock wird n\u00e4mlich bei den dichteren Pflanzungen weniger belastet und trotzdem ist der Ertrag pro Hektar h\u00f6her.<\/li>\n<li><strong>Der Zustand des Weingartens:<\/strong> Gut gepflegte, durch vern\u00fcnftigen Pflanzenschutz gesund gehaltene Weing\u00e4rten mit einer leistungsf\u00e4higen und gut besonnten Blattfl\u00e4che sind leistungsf\u00e4higer. Sie erbringen bei gleicher Qualit\u00e4t mehr Trauben (oder bei gleicher Menge bessere Qualit\u00e4t) als schlampig bewirtschaftete Reben.<\/li>\n<li><strong>Die Traubensorte:<\/strong> Die Qualit\u00e4t der Wei\u00dfweine reagiert weniger stark auf h\u00f6here Ertr\u00e4ge als die der Rotweine. Innerhalb der Wei\u00dfweine gibt es ebenfalls Unterschiede: Der Gr\u00fcne Veltliner kann auch bei h\u00f6heren Ertr\u00e4gen noch ansprechende (wenngleich eher leichte, jung zu trinkende) Weine erbringen. Chardonnay und Wei\u00dfburgunder wirken bei h\u00f6heren Ertr\u00e4gen wegen mangelnder Reife und Substanz meist ausdruckslos und wenig ansprechend.<\/li>\n<li><strong>Die Art und Weise des Zustandekommens:<\/strong> Reben, die von Haus aus wenige Trauben tragen oder solche, die (nicht zu fr\u00fch) auf eine niedrige Traubenanzahl ausged\u00fcnnt wurden erbringen bessere Qualit\u00e4t. Reben, die bis zur Lesezeit einen hohen Behang aufweisen, von dem bei der Ernte wegen F\u00e4ulnis oder anderer Krankheiten der Gro\u00dfteil aussortiert werden mu\u00df bringen zwar wenig Ertrag in den Keller, nicht aber besonders hohe Qualit\u00e4t.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Trotz dieser Einschr\u00e4nkungen ist der Ertrag ein Schl\u00fcsselfaktor f\u00fcr die Qualit\u00e4t, aber auch f\u00fcr das wirtschaftliche \u00dcberleben eines Weinbaubetriebes. Schlie\u00dflich ist der Ertrag der Faktor, der die Produktionskosten am st\u00e4rksten bestimmt. Wenn sich die Kosten f\u00fcr die Weingartenpflege auf 3000 Flaschen verteilen mu\u00df der Wein doppelt so teuer sein wie bei 6000. Soweit das die Natur zul\u00e4\u00dft strebt der Winzer deshalb den f\u00fcr die jeweils angestrebte Qualit\u00e4t und Preisklasse besten Ertrag an. Auf Dauer kann kein Winzer den Wein billiger verkaufen als er ihn produziert. Dazu hat er folgende &#8222;Werkzeuge&#8220;:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Die Neuanlage des Weingartens:<\/strong> Mit der Auswahl der Sorte entscheidet man sich f\u00fcr eine potentiell reichtragende oder wenig tragende Rebe. Innerhalb der Sorten gibt es verschiedene Selektionen und Klone, die in Sachen Ertrag bzw. Qualit\u00e4t zum Teil erheblich voneinander abweichen. Die Wahl der Unterlagsrebe, auf die die Rebe veredelt wird, beeinflu\u00dft das Wuchsverhalten und damit den k\u00fcnftigen Ertrag. Pflanzweite und Erziehungssystem legen die Einzelstockbelastung und die Leistungsf\u00e4higkeit der Laubwand fest.<\/li>\n<li><strong>D\u00fcngung und Bodenbeareitung:<\/strong> Ein weitgehender Verzicht auf die Stickstoffd\u00fcngung und eine Begr\u00fcnung des Bodens bremst die Wuchskraft und den Ertrag der Reben. Leiden die Reben aber unter N\u00e4hrstoff- oder Wassermangel sinkt nicht nur der Ertrag, sondern auch die Qualit\u00e4t.<\/li>\n<li><strong>Der Rebschnitt:<\/strong> Das Schneiden der Rebst\u00f6cke im Winter erm\u00f6glicht den Kreislauf von wachsen, reifen, ernten und wieder zur\u00fcckschneiden. Der Rebschnitt ist die arbeitsaufw\u00e4ndigste T\u00e4tigkeit im Weingarten und legt in groben Z\u00fcgen den angestrebten Ertrag fest.<\/li>\n<li><strong>Die Laubarbeit:<\/strong> Meint es die Natur zu gut mit dem Weinbauern, kann dieser bereits ab dem Austrieb Ende April einzelne Triebe (mit Trauben) wegbrechen, damit sich die verbleibenden besser entwickeln k\u00f6nnen.<\/li>\n<li><strong>Das Ausd\u00fcnnen:<\/strong> Speziell bei reichtragenden Sorten (und jungen Reben) kann der Rebschnitt gar nicht so kurz erfolgen, als das im Sommer nicht doch zu viele Trauben an den Reben h\u00e4ngen. Deshalb werden h\u00e4ufig vor Beginn der Reife mehr oder weniger Trauben weggeschnitten, damit die verbleibenden besser ausreifen k\u00f6nnen. Wird diese Ma\u00dfnahme zu fr\u00fch durchgef\u00fchrt, wachsen die verbleibenden Trauben noch, um den Verlust auszugleichen. Das gleicht den (eigentlich angestrebten) Ertragsverlust wieder aus und f\u00fchrt zu gro\u00dfbeerigen Trauben, die weniger Farbe und Aroma haben und zudem anf\u00e4lliger f\u00fcr F\u00e4ulnis sind.<\/li>\n<li><strong>Das Alter der Reben:<\/strong> In den ersten 15 Jahren ist der Ertrag und die Wuchskraft eines Weinstockes am gr\u00f6\u00dften. Danach w\u00e4chst und tr\u00e4gt die Rebe ausgeglichener und hat nochdazu ein tiefergehendes Wurzelsystem, das auch Trockenperioden ohne Stre\u00df \u00fcberdauern kann. F\u00fcr die besten Weine werden daher meist die \u00e4ltesten Reben herangezogen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mittlerweile gibt es gut entwickelte Prognosemodelle, die es schon im Sommer relativ genau erm\u00f6glichen, den Ertrag vorherzuberechnen und das Ausd\u00fcnnen darauf abzustimmen. Besondere Witterungseinfl\u00fcsse sind aber nicht vorherzusehen:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Winterfrost:<\/strong> Die gr\u00f6\u00dften Ertragsausf\u00e4lle gibt es in unseren Breiten nach Winterfrostsch\u00e4den. So waren z.B. 1987 bei etwa -23\u00b0C zwei Drittel unserer Reben oberirdisch gesch\u00e4digt und erbrachten keinen oder nur einen minimalen Ertrag. Die Reben mu\u00dften wie eine Junganlage m\u00fchsam vom Boden weg wieder neu aufgezogen werden. Ein Jahr ohne Wein aber mit viel Arbeit. Gottseidank kommen Temperaturen unter -15\u00b0C bei uns sehr selten vor. Die guten Hanglagen sind au\u00dferdem weniger gef\u00e4hrdet, weil sich die kalte Luft in der Ebene sammelt.<\/li>\n<li><strong>Sp\u00e4tfrost:<\/strong> Damit die frisch gewachsenen gr\u00fcnen Triebe im Fr\u00fchjahr erfrieren gen\u00fcgen schon Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt. In solchen F\u00e4llen treiben die Knospen zwar wieder aus, meist h\u00e4ngen an diesen Trieben aber keine oder nur wenige Trauben. Mit Sp\u00e4tfrost haben wir im milden Klima am Neusiedlersee nur wenig zu tun. Trotzdem gibt es jedes Jahr ein Aufatmen, wenn die &#8222;Eism\u00e4nner&#8220; (rund um den 10. Mai) ohne Frost vorbeigegangen sind.<\/li>\n<li><strong>Verrieseln:<\/strong> Schlechtes Bl\u00fctewetter Anfang Juni kann zu einer mangelhaften Befruchtung und zum Abfallen vieler Bl\u00fcten f\u00fchren. Diese verrieselten Trauben erreichen sp\u00e4ter zwar ihre volle Gr\u00f6\u00dfe, aber anstatt z.B. 150 Beeren h\u00e4ngen in Extremf\u00e4llen nur eine Handvoll am Stielger\u00fcst. Einzelne Sorten sind daf\u00fcr besonders anf\u00e4llig, z.B. der Muskat Ottonel aber auch der Blaufr\u00e4nkisch.<\/li>\n<li><strong>Der Heuwurm:<\/strong> Die Raupen der ersten Generation des Traubenwickler-Schmetterlings f\u00fchlen sich im warmen Klima am Neusiedlersee besonders wohl. In Extremjahren kann es dazu kommen, da\u00df sie bei einzelnen Sorten und Lagen die H\u00e4lfte der Gescheine (so hei\u00dft die Traube bis zur Bl\u00fcte) wegfressen. Trotzem verzichten wir seit \u00fcber 10 Jahren auf eine Bek\u00e4mpfung mit Insektiziden und planen diesen Ertragsverlust so weit es geht beim Rebschnitt und beim Ausd\u00fcnnen ein.<\/li>\n<li><strong>Hagel:<\/strong> Ein schw\u00e4cherer Hagelschlag ist vor allem ein qualitativen Problem, da er die Bl\u00e4tter besch\u00e4digt und viele Beeren verletzt, die dann zu F\u00e4ulnis neigen. Starker Hagel kann allerding auch einen Totalverlust der Erntemenge bedeuten.<\/li>\n<li><strong>Mehltau und Botrytis:<\/strong> W\u00e4hrend der echte und der falsche Rebenmehltau via Pflanzenschutz meist recht gut in Schach zu halten sind, tritt die F\u00e4ulnis erst knapp vor der Ernte auf und ist daher in einem Gebiet mit hoher Luftfeuchtigkeit (Neusiedlersee!) nicht immer zu vermeiden. Werden die Trauben erst befallen, wenn sie schon deutlich Zucker enthalten und bleibt das Wetter danach eher trocken spricht man von Edelf\u00e4ule. Diese bedeutet zwar (durch die Wasserverdunstung der Beeren) auch einen enormen Ertragsverlust, der aber mit hochqualitativen Pr\u00e4dikatsweinen vergolten wird. Handelt es sich bei der F\u00e4ulnis um Sauerf\u00e4ule oder andere F\u00e4ulnisarten (bei zu fr\u00fchem Befall und zu nassem Wetter) erfordert die Ernte im Interesse der Qualit\u00e4t ein aufw\u00e4ndiges Aussortieren der befallenen Trauben mit einem dementsprechenden Ertragsverlust.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der Ertrag ist also ein Zusammenspiel von Natur, Rebe und Mensch. Von qualitativen und wirtschaftlichen \u00dcberlegungen und unbeeinflu\u00dfbaren Variablen.<\/p>\n<p><strong>Die Zahlen:<\/strong><br \/>\nNach dem \u00f6sterreichischen Weingesetz betr\u00e4gt der maximal erlaubte H\u00f6chstertrag f\u00fcr Qualit\u00e4tswein 9000 kg\/ha bzw. 6750 Liter\/ha. Dieser Wert wird aus administrativen Gr\u00fcnden nur \u00fcber die gesamte Fl\u00e4che eines Betriebes ermittelt und erlaubt daher eine gewisse Differenzierung zwischen den einzelnen Weing\u00e4rten.<\/p>\n<p>Bei extremer Massenproduktion sind Ertr\u00e4ge von 200 hl\/ha und mehr &#8222;machbar&#8220;. Selbst bei guter D\u00fcngung und sorgf\u00e4ltiger Pflege leidet aber darunter fast immer die Lebensdauer eines Weinstocks.<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere leichten Wei\u00dfweine (GV, WR) ernten wir im Schnitt etwa 60 bis 80 hl\/ha. Wenn es die Natur zul\u00e4\u00dft, liegen wir auch beim Muskat Ottonel in diesem Bereich. Da der Muskat sehr heikel ist, sind es manchmal aber auch nur 20 oder 30 hl\/ha.<\/p>\n<p>Pinot blanc und Chardonnay liegen meist bei etwa 40 bis 60 hl\/ha, ebenso die fruchtigen Roten (BF und ZW). F\u00fcr h\u00f6here Rotweinqualit\u00e4ten reduzieren wir den Ertrag auf etwa 30 bis 40 hl\/ha, beim sehr sp\u00e4treifenden Cabernet auch schon mal auf Werte deutlich darunter. So haben wir 2005 beim Cabernet von etwa 0,7 ha 1100 Liter geerntet.<\/p>\n<p>Pr\u00e4dikatsweine erbringen nat\u00fcrlich noch deutlich geringere Werte, da der h\u00f6here Zuckergehalt durch einen Verlust an Wasser (Verdunstung bei Botrytis und Strohwein, Ausfrieren beim Eiswein) &#8222;erkauft&#8220; wird. Da im gleichen Lesedurchgang durch das Sortieren der Trauben oft verschiedene Weine geerntet werden, ist eine exakte Ertragsangabe bei diesen Weinen schwierig.<\/p>\n<p>Nachdem wir keine Waage f\u00fcr die Trauben haben, gebe ich unsere Werte in hl\/ha an. Ein Hektoliter entspricht 100 Liter. Im Durchschnitt entstehen aus 100 kg Trauben (bei &#8222;gesunden&#8220;, nicht geschrumpften Trauben) etwa 70 bis 75 Liter Most. In den meisten unserer Weing\u00e4rten stehen etwa 4000 bis 5000 St\u00f6cke pro Hektar. Ein Hektar sind 100 Ar oder 10.000 m\u00b2.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein aufmerksamer Leser dieser Seiten hat mich per E-Mail um Aufkl\u00e4rung gebeten, wieviel Ertrag ein Hektar Weingarten erbringen kann und ob es da gro\u00dfe Unterschiede gibt: Der Traubenertrag unterliegt tats\u00e4chlich enormen Schwankungen. Die Faustregel, da\u00df ein niedrigerer Ertrag eine h\u00f6here Qualit\u00e4t bedeutet trifft dabei nicht immer zu. 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